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Praxis 11. März 2016

Ganz begehrt und gut bezahlt

Deutschland ist für heimische Jungmediziner attraktiv, dort macht sich vor allem der Landarztmangel bemerkbar.

Deutschland ist das Sehnsuchtsland vieler Mediziner, aber auch von Patienten. Der Medizin-Tourismus in unser nördliches Nachbarland boomt genauso wie die Zahl der Bewerber um eine Assistenzarzt-Stelle. Die heimische Standesvertretung gibt sich erst gar nicht der Illusion hin, den Trend schnell umkehren zu können, und räumt ein, dass sich junge Ärzte dort viel stärker auf ihre Ausbildung konzentrieren, als das in Österreich der Fall ist. Freilich soll die Ausbildungsreform ein Ausufern verhindern.

Vor fünf Jahren war die Freude bei politisch gut informierten Jungmedizinern groß: Das damals gerade neu beschlossene, so genannte „ius mi-grandi“ erleichterte die Approbation von heimischen Absolventen in den deutschen Bundesländern. Auf der Online-Plattform www.nextdoc.at meinte ein User mit Nickname „scandoc“, dass man nunmehr der „Turnustristesse“ entfliehen könne. Das sei „ein Riesenvorteil“, schrieb er oder sie – und wie es scheint: völlig zurecht.

Denn die Zahl der nunmehr gleichgestellten heimischen Medizin-Studenten, die nach Deutschland abwandern, ist in der jüngeren Vergangenheit stark gestiegen. Wie die Ärzte-Migration zu unserem nördlichen Nachbarn überhaupt im Steigen begriffen ist. Das sagt Dipl.-Übers. Elisabeth Jibikilayi vom Auslandsdienst der Bundesärztekammer in Berlin. Gründe dafür seien in erster Linie „der gute Ruf der ärztlichen Weiterbildung in Deutschland“ sowie bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.

Im Jahr 2014 waren laut deutscher Ärztestatistik 2.695 Österreicher im stationären (1.700) oder niedergelassenen (286) Bereich sowie bei Behörden und anderen Organisationen in Deutschland tätig. Insgesamt arbeiteten vor zwei Jahren 3.300 heimische Ärzte im Ausland. Die Zahl ist wohl auf 3.500 gestiegen, vermutet man bei der Österreichischen Ärztekammer in Wien. Zum Vergleich: In der Schweiz hatten 2014 etwa 400 österreichische Ärzte einen Job, laut dem Berufsverband FMH sind es vermutlich mehr.

Zahlen, bitte!

Ein Trend mit Folgen: Dem rot-weiß-roten Gesundheitssystem stehen im Schnitt langfristig etwa 35 Prozent der Absolventen der Ausbildungsstätten, die es hierzulande gibt, nicht zur Verfügung. 2013/2014 beendeten 1.346 Jungmediziner ihr Studium in Österreich. Davon wurden aber nur 896 in die Ärzteliste eingetragen – der Rest ist entweder ins Ausland gegangen oder hat einen anderen Beruf ergriffen. Im Schnitt werden pro Jahrgang 400 Absolventen nicht in die Ärzteliste eingetragen.

Zwischen 100 und 200 Turnusstellen sind hierzulande unbesetzt, eine exakte Zahl gibt es nicht. Die Wahrheit wird wohl etwas oberhalb der Mitte liegen. In der Weihburggasse in Wien geht man davon aus, dass diese Zahlen aber nicht mehr aktuell sind. Erklärung: Aufgrund der Anerkennung des österreichischen Medizin-Studiums hat sich das Thema Wartezeiten erledigt, ein angehender Mediziner kann seine praktische Ausbildung zügig in Angriff nehmen.

Deutschland ist als Gesundheitsstandort natürlich auch wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten heiß begehrt. Laut aktuellem Gehaltsreport für Fach- und Führungskräfte der Online-Jobbörse Step Stone befinden sich Ärzte und Zahnärzte mit einem Bruttodurchschnittsjahresgehalt von 64.110 Euro an der Spitze aller Berufe mit Hochschulabschluss. Auf Platz zwei sind Juristen, gefolgt von Ingenieuren, berichtet das Journal Der Freie Zahnarzt (3/2016, DOI 10.1007/s12614-016-6097-1). Kein Wunder, dass „Arzt“ auf Platz 2 der am meisten geäußerten Berufswünsche steht, zwar geschlagen von „Polizist“ aber noch vor „Pilot“. Das geht aus einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor.

Der Medizin-Tourismus ist um 4,4 Prozent angewachsen. Immer mehr Menschen aus dem Ausland kommen her, um in Deutschland einen Arzt aufzusuchen. 2014 haben sich rund 251.000 Patienten aus 176 verschiedenen Ländern in der Bundesrepublik ambulant oder stationär behandeln lassen.

So das Ergebnis einer aktuellen Erhebung der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Die meisten ausländischen Patienten kamen aus Russland. An der Spitze der Zielländer stehen Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Freilich stehen nicht nur österreichische Ärzte um Posten an, „wir werden von Bewerbungen überschwemmt“, berichtet etwa Ralf Schaum, Personalleiter der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge in Nordrhein-Westfalen. Jede Woche gehen zwischen zehn und 30 Bewerbungen in dem Verbund mit vier kleineren Kliniken ein. Die meisten Ärzte stammen aus Syrien, Ägypten, Indien, Rumänien und Bulgarien.

Die Standesvertretung in Wien gibt sich erst gar keinen Illusionen hin: „Junge Ärzte können sich in Deutschland und der Schweiz viel stärker auf ihre Ausbildung konzen-trieren, als das in Österreich der Fall ist. Durch die Ausbildungsreform soll sich das aber ändern. Die Bundeskurie Angestellte Ärzte evaluiert die Ausbildungsqualität sowohl für Allgemeinmediziner als auch für Fachärzte in regelmäßigen Intervallen, um Veränderungen zum Positiven zu dokumentieren, aber auch um Verbesserungspotenzial aufzuzeigen“, schreibt Susanne Lang-Vorhofer von der ÄK-Pressestelle in einer Stellungnahme.

Reform des Medizinstudiums

Doch auch in Deutschland wird die Ärzteausbildung auf neue Beine gestellt. Bund und Länder wollen in den nächsten Monaten den „Masterplan Medizinstudium 2020“ erarbeiten und das Studium reformieren. Ziel sei es, die Allgemeinmedizin zu stärken und den sich verschärfenden Landärztemangel entgegenzuwirken. Der Marburger Bund (Interessensvertretung der angestellten Ärzte, Anm.) befragte dazu vor Kurzem mehr als 1.700 Studenten. Ergebnis: 74 Prozent der Studenten sind gegen mehr Allgemeinmedizin. Erklärung: Sie haben eine positive Meinung von der universitären Lehre der Allgemeinmedizin und halten eine Ausweitung schlicht für nicht notwendig. Eine überwiegende Mehrheit von 86 Prozent lehnt einen Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr ab, nur 14 Prozent sind dafür. Für 53 Prozent der befragten Frauen ist eine Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin nach dem Studium vorstellbar, hingegen ziehen dies nur 14 Prozent der Männer in Betracht.

Ungeachtet dessen fordert der CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge eine rasche Reform und rief die Bundesländer dazu auf, „möglichst an allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin einzurichten“. Die Arbeit als niedergelassener Vertrauensarzt müsse ausgeweitet werden. Der Politiker appellierte an die Kassen, ausreichend Lehrpraxen zur Verfügung zu stellen.

In Deutschland findet nur jeder zweite Hausarzt einen Nachfolger, wenn er aus dem Berufsleben ausscheidet. Mehr und mehr Orte werden bei einem Fortschreiben dieser Entwicklung schlicht keinen Vertrauensarzt mehr haben. Nach Einschätzung von Fachleuten müssten mindestens doppelt so viele Fachärzte für Allgemeinmedizin weitergebildet werden, wie dies derzeit der Fall sei.

Pflicht zur Dokumentation

Zu guter Letzt – ein Praxis-Tipp für junge Ärzte, die sich in München, Düsseldorf oder anderswo bewerben: Die Musterlogbücher, die zur Weiterbildungs-Dokumentation in Deutschland ausgefüllt werden müssen, finden Sie auf der Website der hiesigen Bundesärztekammer unter der URL bit.ly/1Y1l5Xz . Diese Logbücher ersetzen allerdings nicht die Weiterbildungs-Zeugnisse, die man unbedingt sammeln soll, um sie im Fall einer Rückkehr nach Österreich vorlegen zu können, sagt Elisabeth Jibikilayi vom Auslandsdienst in der deutschen Hauptstadt, „die zeigen, in welcher Abteilung man war, in welchem Krankenhaus, was die besonderen Leistungen meiner Abteilung sind, was man dort gemacht. Diese Dokumente sind ein bisschen personifizierter“ ( bit.ly/1SuG2dL ).

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