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Der Befund des Personalberaters: Exzessive Überstunden des Chefs wirken sich auch negativ auf die Mitarbeitergesundheit insgesamt aus.
 
Praxis 22. Februar 2016

Funktionalismus frisst Seele auf

Führungskräfte müssen lernen, neue Rollen einzunehmen, fordert der Personalberater Dr. Peter Becker.

Der Einfluss von Führungskräften auf die Mitarbeitergesundheit ist enorm. Gleichzeitig sind sie selbst vom Burnout gefährdete Stressjunkies. Ein Teufelskreis, der durchbrochen werden kann, wenn Gesundheit zur Führungsaufgabe wird, sagt Becker, Personalberater und geschäftsführender Gesellschafter von „Steinbach & Partner“.

Sie sind überzeugt, dass die Anforderungen an Führungskräfte und das Betriebliche Gesundheitsmanagement durch die Digitalisierung exorbitant steigen und Führungskräfte 4.0 gebraucht werden. Inwiefern?

Becker: Durch die Globalisierung und die Vielzahl neuer Kommunikationstechnologien erleben wir seit Jahren eine zunehmende Vernetzung – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Prozesse und Abläufe in der Industrieproduktion sind dadurch fundamentalen Veränderungen ausgesetzt. Märkte, die immer kürzere Lebenszyklen und individuellere Produkte verlangen, stellen besondere Anforderungen an die Organisation der gesamten Produktentstehung. Alle Beteiligten, vom Lieferanten bis zum Kunden, sind beteiligt und beeinflussen mehr oder weniger in Echtzeit die Prozesse. Viele Teilnehmer an der Wertschöpfung mit hoher Spontanaktivität und steigender Kopplungsdichte erhöhen nicht lineare Effekte. Es entstehen zum Beispiel Aufschaukelungen, Hypes. Mit anderen Worten: Kleine Ursachen können große Wirkungen haben. Als Apple das iPad ankündigte, gab es am 27. Oktober .2010 eine Resonanzwelle mit 177.000 Tweets in der ersten Stunde nach der Ankündigung! So ist die Annahme, ein Unternehmen auf dem technokratischen Modell einer trivialen Maschine zu führen und als „Steuermann“ alles im Griff zu haben, zwar noch weit verbreitet, wird der Realität aber schon lange nicht mehr gerecht. Führungskräfte müssen lernen, neue Rollen einzunehmen: von ‚Vordenker‘ und ‚Kontrollinstanz‘ hin zu einem ‚Teilnehmer‘ und ‚Impulsgeber‘ in Netzwerken.

Welchen Einfluss hat Führung auf die physische und psychische Gesundheit von Mitarbeitern?

Becker:Der Einfluss ist enorm. Generell kann man aus allen bisher bekannten Studien und Forschungsvorhaben als Fazit ziehen, dass Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Fairness und Fürsorglichkeit, also ethisch handelnde Führungskräfte gefördert werden sollten, um positive Effekte auf die psychische Gesundheit von Mitarbeitern zu erzielen. Transformationale Führung fördert die psychische Gesundheit von Mitarbeitern. Dies geschieht bei diesem am meisten erforschten Führungsstil durch den idealisierten Einfluss, die inspirierende Motivierung, die intellektuelle Stimulierung und die individuelle Wertschätzung. Da die Erlernbarkeit transformationaler Führungsverhaltensweisen wiederholt nachgewiesen wurden, stellt dieser Führungsstil ein vielversprechendes Konzept für eine gesundheitsorientierte Führungskräfteentwicklung dar.

Sie wollen das Thema spirituelle Gesundheit aus der esoterischen Ecke holen. Warum?

Becker: Viele Führungskräfte spüren, dass ihnen der vorherrschende Funktionalismus die Seele raubt, aber sie wissen nicht, was sie dagegen tun können. Sich nur über die Arbeit zu definieren und dabei andere Lebensaufgabe wie die Pflege von Beziehungen zu vernachlässigen, merken leider viele erst bei persönlichen Katastrophen wie Scheidung, Krankheit oder auf dem Sterbebett. Sich mit Fragen „Woher komme ich?“, „Wozu bin ich auf dieser Welt?“ und „Was passiert nach meinem Tod?“ zu beschäftigen, ist für die Befriedigung der in jedem Menschen vorhandenen religiösen Bedürfnisse im Zusammenhang mit einem sinnerfüllten, nachhaltig gesunden Leben unverzichtbar. Wer Glück, Gesundheit, Geld und Karriere als letzte Maßstäbe seiner Wertsetzung und Wertschätzung hat, ist arm dran – spätestens im Scheitern, wenn ich keine Kraft mehr habe, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin. Das Entscheidende ist doch gerade, eine Kraft zu finden, die sich dann zu entfalten beginnt, wenn ich selber keine mehr habe. In den Krisen meines Lebens haben sich die Bibel als Kursbuch für mein Leben und Jesus Christus als lebendiger Coach als tragfähiges Fundament gezeigt. Auch Vorstände von DAX-Unternehmen scheuen sich mittlerweile nicht mehr, öffentlich zu bekennen, dass sie sich jährlich zum Beten ins Kloster zurückziehen.

Und wie ist es um die Führungskräftegesundheit bestellt?

Becker:Schlechter als man glaubt! Besonders gefährdet sind die Stressjunkies, die damit haussieren, in ihre 70-Stunden-Woche noch dreimal Laufen pro Woche, den Besuch des Fitnessstudios und den halbjährliche Marathonlauf eingebaut zu haben. Burnout ist die Krankheit der Tüchtigen, also derjenigen, die nicht aufhören können, Leistung zu bringen.

springerprofessional.de, Ärzte Woche 8/2016

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