zur Navigation zum Inhalt
© Martin Burger
Markus Wolf vertraut auf seine Cindy und seinen Stock: „ein extrem einfaches Hilfsmittel und doch gibt es noch keinen Ersatz für ihn“, sagt der gebürtige Südafrikaner.
 
Praxis 23. November 2015

„Es braucht noch extrem viel“

Blinde Mediziner gibt es genauso wenig wie blinde Physiotherapeuten, kritisiert BSVÖ-Präsident Markus Wolf.

Blinde und Sehbehinderte kämpfen auch im 21. Jahrhundert mit zahlreichen Hürden. Bei der Berufswahl wie im Alltag. 2016 müssen Arztpraxen und Spitäler barrierefrei sein. Die Realität sieht anders aus, sagt der Präsident des Blindenverbands, Wolf.

Barrierefreiheit ist ein Schlagwort, dass seit Jahrzehnten in der öffentlichen Diskussion herumgeistert. Normalerweise ist das ein Zeichen für Stillstand, ist dem so?

Wolf: Nein, es geht was weiter, es geht manchmal sehr langsam und es gibt auch manchmal Rückschritte, gut. Wenn eine Aufzugsfirma für die europäischen Normung den Antrag stellt, dass es Bedienelemente in Aufzügen geben soll, die nur noch aus Touchscreen bestehen, dann müssen wir aufschreien, das kann es nicht geben. Das betrifft nicht nur Blinde, da sind auch Kinder und ältere Menschen überfordert. Ich habe ein iPhone, bis man die Bedienung beherrscht, dauert es etwas länger. Und das ist der Haken an den Touchscreens. Wenn es einen Notfall gibt und man schnell den Alarm- oder den Türöffnungsknopf, benötigt, dann ist ein greifbarer Knopf sinnvoller.

Sie stehen seit 3 Jahren an der Spitze ihres Verbandes, wie sehen Sie die Rolle der Arbeitgeber?

Wolf: Ich bin im Ministerium für Familien und Jugend und hatte nie irgendwelche Schwierigkeiten, ich habe ohne große Zeitverzögerung alles bekommen was ich gebraucht habe. Zugegeben: Bei Blinden und Sehbehinderten ist nicht der Umbau des ganzen Büros nötig. Vor Kurzem wir sind in ein neues Gebäude umgezogen, da hab ich bemerkt die sind sehr bemüht die Kriterien zu erfüllen: Es gibt Leitlinien zu den wichtigsten Punkten, der Aufzug ist in Braille beschriftet, sodass man weiß, in welchem Stockwerk man sich befindet, das ist mehr als wir verlangen.

Nicht überall wird so agiert, wie ist der Stand der Adaptierung der Spitäler und der Ordinationen?

Wolf: Es braucht noch extrem viel. Die zehnjährige Übergangsfrist läuft aus. 2016 sollte alles was öffentlich zugänglich ist, barrierefrei sein. Viele Ärzte, viele Arztpraxen, kommen erst jetzt drauf, dass sie vorn eine Stufe haben. Mit Stufenlosigkeit verbindet man meist die Barrierefreiheit. Für uns ist es aber genauso wichtig, dass das Türschild vorne lesbar ist, mit gutem Kontrast, vernünftiger Größe und für blinde Menschen auch in Brailleschrift. Oder zumindest in erhabener Schrift, sodass man die Buchstaben tasten kann. Wichtig ist natürlich auch die Leitlinie, die zur Tür hinführt, das wäre vor allem in größeren Zentren und Spitälern wichtig, dass man zum ersten Infopunkt mit der Leitlinie kommt. Es wäre undenkbar, im Wiener AKH kreuz und quer Leitlinien zu verlegen und es wäre auch sinnlos. Ganz ehrlich, wenn ich im AKH zum Infopunkt komme, dann wäre es noch sinnvoll, wenn die Toiletten für mich auffindbar wären, aber zu den Ambulanzen muss ich mich begleiten lassen. Gerade für uns blinde Menschen ist mehr nicht immer sinnvoller. Manchmal brauchen wir einfach nur die Leitlinien dorthin wo es Sinn macht, das ist an vielen Stellen noch nicht passiert.

Gibt es blinde Mediziner in Österreich?

Wolf:Mediziner nicht. Es gab bis vor wenigen Jahren im Bereich Psychotherapie noch Zugangsbeschränkungen da war das ein Ausschlusskriterium. Es gab einen Arzt in Tirol, der ist erblindet, diese Person musste den Beruf aufgeben musste. In den USA könnte er noch als Berater tätig sein, wir sind da wenig flexibel. Auch bei der Physiotherapie sind wir noch ausgeschlossen. Und da sehe ich eigentlich keinen Grund. Das ist überall in Europa erlaubt, nicht nur in den nordischen Staaten, ich habe Rückmeldungen aus Rumänien und Bulgarien, ich habe positive Rückmeldungen aus dem Vereinigten Königreich.

Und das ändert sich jetzt?

Wolf: Wir werden in nächster Zeit bei der Gesundheitsministerin vorstellig werden, sie ist Ärztin und sie weiß was möglich ist. Sie soll nicht abgeneigt sein, das zu öffnen.

Das Gespräch führte Martin Burger.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben