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Telemachos und Mentor: Zehn Jahre wurde der Sohn des Odysseus von Mentor unterrichtet. Der wurde zum Stammvater aller Lehrer.
 
Praxis 20. November 2015

Begleiter von Unerfahrenen

Ein Seminar unterstützt Ärzte in der Ausbildung ihrer Kollegen: „Mentoring in der Lehrpraxis“.

Qualitätssicherung ist ein wesentliches Stichwort, das uns seit Jahren im Berufsleben und in der Ausbildung begleitet. Eine Maßnahme in diesem Sinn ist das „Mentoring“, das mehr und mehr Einzug in die medizinische Laufbahn hält. Dabei wird in strukturierter Form Erfahrung von langjährigen Medizinern an Jungärzte weitergegeben.

Eine Methode, die für sich steht und eigentlich selbstverständlich sein könnte: Menschen mit Wissen und Erfahrung teilen diese mit anderen, die noch am Anfang stehen. In der Medizin leider noch keine täglich geübte Praxis. Und wenn man sich dafür entscheidet, diesen Weg zu beschreiten gibt es kaum einschlägige Bildungsangebote, die einen unterstützen würden. Der Salzburger Arzt und Präsident der „Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin“ (ÖGAM) Dr. Christoph Dachs setzt sich auf viele Arten für das Mentoring ein. Unter anderem mit einem Seminar, in dem er seine Erfahrungen an Ärzte weitergibt, die auch Mentor werden wollen – als Mentor für angehende Mentoren.

Was versteht man unter „Mentoring in der Lehrpraxis“?

Dachs: Es ist wie ein Mentoring in der Wirtschaft oder der Uni. Es ist ein Weitergeben der Kompetenz und Erfahrung eines älteren Kollegen an einen jüngeren Kollegen. Der Begriff Mentor kommt aus der griechischen Mythologie. Odysseus ist gegen Troja gezogen und hat seinen Sohn Telemachos seinem Freund Mentor überlassen. Nach zehn Jahren war dieser ein ausgebildeter junger Mann. Heute ist der Mentor ein Begleiter von Unerfahrenen. Er gibt seine Erfahrung als älterer weiter. Das passiert eher in einem kleinen Kreis, in einem Zweiergespräch oder in einer kleinen Runde. Das geht über die Lehrpraxis hinaus. Die Lehrpraxis kann aber ein Teil davon sein. Mentoring kann auch zum Einsatz kommen, wenn der Kollege schon fertig ausgebildet ist. Auch Studenten sollen davon profitieren. Es richtet sich also nicht alleine an Turnus-Ärzte.

Wo kommt Mentoring zum Einsatz? Gibt es Beispiele?

Dachs: In Salzburg haben wir das Projekt SIA (Salzburger Initiative Allgemeinmedizin) initiiert, um die Ausbildung des Nachwuchses spezifisch in der Allgemeinmedizin zu fördern und attraktiver zu gestalten. Da wird das Mentoring als Teil der Ausbildung eingesetzt während der Fachausbildung, beziehungsweise des Turnus. Da geht es darum, Fälle aus der Klinik heraus aus allgemeinmedizinischen Gesichtspunkten miteinander zu besprechen. Wir wollen es zukünftig aber auch schon während des Studiums anbieten oder auch für Wiedereinsteiger.

Das Projekt läuft hauptsächlich über die Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SAGAM) und unter Mitwirkung der Ärztekammer und des Institutes für Allgemeinmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU). Als Mentoren agieren engagierte Allgemeinmediziner. Turnusärzte werden zurzeit von den Ärzten betreut, bei denen sie Lehrpraxis machen. Und es zeigt sich: Mentoring kann ein wesentliches Qualitätsmerkmal sein im Rahmen der Ausbildung zum Allgemeinmediziner.

Kann eine Lehrpraxis auch ohne Mentoring geführt werden? Welche Kosten entstehen dem Betreiber der Praxis durch Mentoring?

Dachs: Keine. Im Gegenteil: Im SIA-Projekt sind für eineinhalb Stunden Mentoring 150 Euro als Bezahlung vorgesehen. Lehrpraxis und Mentoring können ein Teil eines Ganzen sein. Müssen aber nicht. Lehrpraxis ist nicht gleich Mentoring und umgekehrt ist auch nicht Mentoring gleich Lehrpraxis.

Wie kann man sich auf die Lehrpraxis vorbereiten?

Dachs: Eine Begleitung durch ein Mentoring-Programm wäre eine tolle Aufwertung der Lehrpraxis. Es gibt Richtlinien für das Mentoring, allerdings im medizinischen Bereich keine Ausbildung. Es ist begrenzt auf ein paar engagierte Kollegen. Und mein Seminar ist das erste zum Thema Mentoring in der Lehrpraxis, das in Österreich stattfindet. Weil es bei uns auch noch nicht wirklich Tradition ist. Das ist für mich schon eine Herausforderung. Ich werde versuchen da eine gute Struktur hineinzubringen.

Wo erhält man Unterstützung und Info-Material?

Dachs: Es ist sicherlich etwas in wissenschaftlicher Literatur zu finden, im Bereich der Wirtschaft und der Hochschulen.

Mein Seminar ist die Gelegenheit, das Mentoring kennen zu lernen. Dabei lernt man, Struktur und Erfahrung weiterzugeben. Da geht es darum: Was will ich mit Mentoring? Wie rede ich mit jungen Kollegen?

Was passiert, wenn in der Lehrpraxis „etwas passiert“? Wie sieht der Rechtsschutz in diesem Zusammenhang aus?

Dachs: In der Regel ist man mit der Haftpflichtversicherung versichert. Die Turnusärzte sind weiterhin im Spital angestellt und werden 30 Stunden an die Praxis ausgeborgt. Die Kosten dafür tragen das Land und die Gebietskrankenkassa Salzburg zur Gänze.

Österreichweit gibt es keinen einheitlichen Beschluss, wie die Lehrpraxis finanziert wird. Eine Regelung für die Lehrpraxis sollte laut Hauptverband noch heuer kommen, ist aber bis dato nicht in Sicht. Es wäre wünschenswert wenn man ein SIA-Projekt für ganz Österreich umsetzen könnte, weil Mentoring ein ganz wesentlicher Bestandteil für eine qualitativ hochwertige Ausbildung ist. Es ist das Lernen an der Erfahrung und am Wissen von erfahrenen Kollegen.

Wird die Zufriedenheit mit diesem Projekt des Mentorings auch erhoben?

Dachs: Es wird von den Mentees, den zu betreuenden Medizinern, hervorragend angenommen, die sind total begeistert. Weil auch die Diskussion mit uns Mentoren sehr befruchtend ist für sie, weil sie an unserer Erfahrung und unserem Wissen mitpartizipieren können.

Auch die Mentoren schätzen das Programm sehr, weil sie gefordert sind, ihre Erfahrung strukturiert weiter zu geben. Und wegen der Diskussion mit den jungen Kollegen, die auch ihr universitäres Wissen mitbringen, und unser Wissen hinterfragen und uns lehren, Dinge anders zu sehen.

Wie will man das „Mentoring in der Arztpraxis“ promoten?

Dachs: Wir wollen es auch über die Fachgesellschaft promoten. Wir wollen den Systemverantwortlichen klar machen, dass ein Mentoring im Rahmen der Ausbildung zum Allgemeinmediziner ein wesentliches Instrument darstellt, um die Qualität zu verbessern. Das heißt auch, die allgemeinmedizinische Versorgung der Bevölkerung zu sichern.

Das Mentoring Programm kostet wenig Geld und bringt enorm viel ( http://bit.ly/1QAbDst ).

Das Gespräch führte Mag. Norbert Peter

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