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© Andrey Popov / fotolia.com
Die Therapie via Internet schützt in Regionen, wo mentale Erkrankungen stigmatisiert werden, die Privatsphäre der Patienten.
 
Praxis 28. September 2015

Traumatherapie im Internet

Expertenbericht: Die Internet-basierte Therapie bietet eine Reihe von Vorteilen für Patienten, aber sie bringt auch Risiken mit sich, die nicht außer Acht gelassen werden sollten.

Mittlerweile werden für viele verschiedene psychische Erkrankung Internet-basierte Therapien angeboten. In der Trauma- und Depressionsbehandlung hat sich diese Form bereits bewährt. Internet-basierte Therapien haben zudem das Potenzial, weltweit Bevölkerungsgruppen zu erreichen, welche kaum oder gar keinen Zugang zu psychotherapeutischer Intervention haben.

Die Wirksamkeit von Internet-basierten Therapien bei verschiedenen Störungsbildern (Angst, Depression, posttraumatische Belastungsstörung) wurde in den letzten Jahren in zahlreichen randomisierten klinischen Studien und Metaanalysen belegt (Andersson, Cuijpers, Carlbring, Riper, & Hedman, 2014).

Internet-basierte Therapieverfahren unterscheiden sich hinsichtlich des Ausmasses an Unterstützung durch den Therapeuten. Das Spektrum umfasst reine Selbsthilfeprogramme, geleitete Selbsthilfe, Internet-basierte Therapie mittels Manualen oder Therapien, welche vollständig über E-Mail, Skype oder Chats angeboten werden.

In mehreren Studien haben wir die Wirksamkeit von Internet-basierten Therapien bei der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) geprüft und dabei Programme mit unterschiedlichem Ausmaß an Therapeutensupport verwendet.

Das von Professor Alfred Lange in den Niederlanden entwickelte Programm Interapy® bietet eine manualisierte kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapie via Internet an (Lange et al., 2003).

Diese Behandlung dauert sechs bis acht Wochen. Patienten führen pro Woche zwei Essays/Schreibaufgaben à 45 Minuten zu festen Terminen durch und erhalten Rückmeldung durch den Therapeuten innerhalb eines Werktags. Die wichtigsten Inhalte sind Selbstkonfrontation, kognitive Umstrukturierung und Abschied.

Unsere Forschungsgruppe hat Interapy® in deutscher Sprache als erste Übersetzung in einer randomisierten klinischen Studie getestet (Knaevelsrud & Maercker, 2007). Wir fanden hohe Effektstärken für die PTBS-Symptome (Intrusionen, Vermeidung und Übererregbarkeit) sowohl direkt nach der Behandlung (d= 0,98 bis 1,14) als auch drei Monate später (d= 1,0 bis 1,6). Ebenso fanden wir direkt nach der Behandlung hohe Effektstärken für Depression (d= 1,16) und Angst (d= 1,08).

In zwei weiteren Studien prüften wir die Wirksamkeit von Chinese My Trauma Recovery (CMTR), einem webbasierten Selbsthilfeprogramm zur Behandlung von Traumafolgestörungen (Wang, Wang, & Maercker, 2013).

Stadt- und Land-Studie

In einem städtischen sowie in einem ländlichen Kontext wurden zwei parallele randomisierte Studien mit einer Kontrollgruppe (Warteliste) und drei Messzeitpunkten (prä, post und 3-Monate follow-up) durchgeführt. In beiden RCTs zeigte sich eine hohe Effektivität der Intervention.

In weiteren Studien zu Internet-basierter Therapie konnten wir eine hohe Wirksamkeit zeigen für ein manualisiertes Programm zur Behandlung von Depression (Wagner, Horn, & Maercker, 2014), ein Selbsthilfeprogramm für Ältere, welches begleitend zu einer face-to-face Therapie verwendet werden kann (Preschl et al., 2012), sowie für komplizierte Trauer (Wagner, Knaevelsrud, & Maercker, 2006, 2007).

In unserem Ambulatorium bieten wir Trauma- und Depressionsbehandlung per Internet standardmäßig als Therapiemethode an, was sich sehr bewährt.

Unsere Untersuchungen ergaben, dass die therapeutische Beziehung im Internet bei der Behandlung von PTBS als sehr positiv eingeschätzt wird (Knaevelsrud & Maercker, 2007).

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass diese Art der therapeutischen Kommunikation eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt, welche den Verlauf der Therapie positiv beeinflussen können. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass die Anonymität im Internet sich förderlich auf die Selbstöffnung der Patienten auswirkt, was wiederum einen positiven therapeutischen Effekt hat.

Probleme bei Texten

Internet-basierte Therapie weist jedoch auch wichtige Limitationen auf. Der rein textlich basierte Informationsaustausch zwischen Klient und Therapeut birgt ein erhöhtes Risiko, dass Geschriebenes falsch aufgefasst wird. Direktes Nachfragen ist aufgrund der zeitlich verzögerten Kommunikation nicht möglich. Auch können durch das störungsspezifische Vorgehen nicht zwei Störungsbilder gleichzeitig behandelt werden.

Trotzdem sehen wir ein grosses Potenzial für die Internet-basierte Therapie, und insbesondere Traumatherapie, in der Zukunft. Der Versorgung im Bereich psychische Gesundheit stehen in vielen Ländern weltweit Ressourcenknappheit und ein Mangel an professionellem Personal entgegen. Internet-basierte Therapien haben das Potenzial, weltweit Bevölkerungsgruppen zu erreichen, welche keinen Zugang haben zu psychotherapeutischer Intervention.

Sicherheit für Therapeuten

Knaevelsrud et al. (2007) haben Interapy® mit Kriegs-Traumatisierten im Irak durchgeführt. Als Vorteile nennen sie insbesondere die Sicherheit für Therapeuten, welche Therapien aus der Distanz durchführen können, sowie den Schutz der Privatsphäre der Patienten in Regionen, wo mentale Erkrankungen in hohem Masse stigmatisiert sind.

Der Schutz der Privatsphäre wird auch von Patienten in unserer routinemäßigen Traumatherapie im Internet als positiv bewertet.

Unsere Forschungsgruppe plant, Internet-basierte Therapien in ressourcenarmen Kontexten zu testen und zu validieren und damit einen Beitrag zu leisten zur besseren Versorgung von Trauma- und anderen Patienten mit psychischen Störungen weltweit.

Dr. Eva Heim und Prof. Andreas Maercker sind am Psychologischen Institut - Psychopathologie & Klinische Intervention an der Universität Zürich tätig.

Eva Heim und Andreas. Maercker, Ärzte Woche 40/2015

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