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© Rotes Kreuz / ÖRK, LV Stmk
Dr. Peter Hansak Landesrettungskommandant für Steiermark und Leiter des Bereiches Einsatz, Bildung und Entwicklungszusammenarbeit ©
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Die neuen „mobilen“ Responder kommen überall in der Steiermark zum Einsatz.

 
Praxis 23. August 2015

Statusmeldung: „Im Einsatz“

Expertenbericht:Rotes Kreuz nutzt mobile Apps zur Verbesserung der Hilfszeit der First Responder.

Durch die rasche und weite Verbreitung sowie die ständige Verbesserung der technischen Möglichkeiten von Smartphones, haben sich für den medizinischen Bereich völlig neue Nutzungsmöglichkeiten dieser Geräte ergeben. Diesen Umstand haben sich Rettungsorganisationen, wie das Rote Kreuz zunutze gemacht und setzen die neue Technologie zur Stärkung der Rettungskette ein.

Es muss zwischen Applikationen für die breite Masse und für medizinisches Fachpersonal unterschieden werden. Beispiel einer Applikation für die Bevölkerung ist die „Erste Hilfe“-App des Roten Kreuzes mit bisher mehr als 150.000 Downloads. Mit Hilfe dieses einfachen Programms soll die Fähigkeit der Bevölkerung zur Leistung Erster Hilfe verbessert und diese für das Thema laufend sensibilisiert werden. Durch aktuelle Updates ist sichergestellt, dass der User nicht nur über Änderungen am laufenden gehalten, sondern seine Aufmerksamkeit immer wieder auf das Thema gelenkt wird. Für Sanitäter steht bereits analog eine Applikation mit den Inhalten der Sanitätshilfe in kompakter Form zur Verfügung, oder für medizinisches Personal eine Applikation zur Kommunikation mit fremdsprachigen Patienten. Bei diesen Applikationen handelt es sich jedoch nur um unterstützende Programme für den Anwender selbst, nicht um eine aktive Einbindung in ein Rettungssystem und um ein solches System soll es in der Folge gehen.

Das Rote Kreuz sieht seine Aufgabe nicht lediglich in der Durchführung des organisierten Rettungsdienstes, sondern ist auch ständig um eine Systemverbesserung bemüht. Einer der wesentlichsten Punkte im Rettungswesen ist die Hilfsfrist, deren Dauer für die Überlebenschance eines Notfallpatienten entscheidend ist. Das Rote Kreuz hat diese mit seinen Landesverbänden als qualitative Mindestvorgabe wie folgt definiert: „Jeder an einer öffentlichen Straße liegende Notfallort soll durch die Rettungsorganisation in rund 95% aller Fälle innerhalb einer Hilfsfrist von 15 Minuten, vom Eingang einer Notfallmeldung in der zuständigen Rettungsleitstelle bis zum Eintreffen des Rettungsmittels am Notfallort, erreicht werden können.“ Je geringer die Bevölkerungsdichte in einem Gebiet, umso geringer die Anzahl der stationierten Einsatzfahrzeuge und so ausgedehnter kann die Hilfsfrist werden, auch der Notarzthubschrauber ist nicht in allen Fällen ein Garant für die Einhaltung derselben (Flugwetter, Tageszeit etc.).

Das in Österreich bestehende Rettungssystem lässt sich zeitlich kaum mehr verbessern. Lediglich im Bereich der sogenannten „First Responder“ und des klassischen Ersthelfers besteht noch Verbesserungspotenzial und hier setzt die neue Applikation des Roten Kreuzes an. Die Idee des „First Responder“ hat seinen Ursprung in den USA und wurde in den vergangenen 15 Jahren in Österreich umgesetzt. Bisher verstand man unter einem First Responder entweder einen ausgebildeten Sanitäter, oder einen Laien mit erweiterter Erste Hilfe Ausbildung (im Unterschied zum „zufälligen“ Ersthelfer), wohnhaft in einem festgelegten, abgelegenen und rettungstechnisch minderversorgten Einsatzgebiet, mit sehr hoher Verfügbar- und Abkömmlichkeit bei Alarmierung.

Die Aufgabe eines First Responders, der gleichzeitig mit dem Rettungsfahrzeug alarmiert wird, besteht in der Erstversorgung und Betreuung des Notfallpatienten bis zum Eintreffen der regulären Rettungsmannschaft am Einsatzort.

Ein First Responder wird immer dann mitalarmiert, wenn die Anfahrtszeit des Rettungsmittels voraussichtlich die Hilfsfrist überschreitet oder im Falle eines Kreislaufstillstandes der Responder wesentlich schneller die Erstmaßnahmen setzen kann. Je nach System werden diese Responder mit eigenen Rucksäcken, Defibrillatoren oder sonstiger Ausrüstung ausgestattet. Das bisherige System der Einbindung von First Respondern wird im Steirischen Roten Kreuz seit Jahren erfolgreich umgesetzt. Die Alarmierung erfolgt über die Landessleitstelle des Roten Kreuzes, in deren Einsatzleitsystem First Responder mit Namen, Telefonnummer und Wohnort hinterlegt sind. Kommt es im Umfeld seines Wohnortes zu einem Notfall, wird der First Responder im Einsatzmittelvorschlag berücksichtigt und kann der Leitstellendisponent diesen alarmieren. Dabei wird im Einsatzfall an alle für den entsprechenden Einsatzbereich angelegten First Responder ein SMS versandt und einsatzbereite Responder melden sich telefonisch zur Einsatzübernahme bei der Leitstelle. Der Leitstelle ist jedoch bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt ob, wo genau und wie viele Responder wirklich zur Verfügung stehen.

Der Einsatz von Smartphones

Theoretisch ist es einfach über die Ortungsfunktion des Smartphones den Standort des Helfers vorab zu erfassen, weitere, für den Einsatz relevante Punkte blieben dabei jedoch unberücksichtigt. Völlig neu ist nun der Zugang, das Smartphone als vollwertige Anbindung des Nutzers in einen Rettungsdienst zu verwenden. Was bisher nur über Datenterminals oder PCs auf Einsatzfahrzeugen möglich war, wird nun durch einen Alltagsgegenstand des privaten Gebrauchs personalisiert. Das Smartphone des First Responders erlaubt dessen vollständige Integration in das Einsatzleitsystem einer Rettungsleitstelle und macht diesen zu einem zusätzlichen „Rettungsmittel“. Aufbauend auf dieser Idee für Smartphones wurde nun ein neues First Responder System entwickelt, das allen Mitarbeitern, vorläufig nur in der Steiermark, offen steht. Aus arbeitsrechtlichen Gründen können angestellte Mitarbeiter die Applikation nicht verwenden.

Jeder freiwillige Mitarbeiter egal ob Arzt, Rettungs- oder Notfallsanitäter des Roten Kreuzes in der Steiermark kann sich die notwendige Applikation auf sein Smartphone laden und signalisiert mit deren Aktivierung der Rettungsleitstelle seine Verfügbarkeit bei Notfällen in der Umgebung seines aktuellen Aufenthaltsortes, sofort Hilfe leisten zu wollen. Zuvor muss jedoch eine Datenschutzerklärung unterfertigt werden, in welcher dem Mitarbeiter gleichzeitig der Schutz seiner Privatsphäre aufgrund der aktivierten Ortungsfunktion zugesichert wird. Da der Mitarbeiter als First Responder für den Rettungsdienst des Roten Kreuzes tätig wird, ist er über die Versicherung des Landesverbandes im Einsatz unfall- und haftpflichtversichert. Für die Privatfahrzeuge der Helfer besteht eine Vollkaskoversicherung.

Sobald der Mitarbeiter im Personalverwaltungsprogramm als First Responder freigegeben wurde, kann er die Applikation laden und installieren. Ab der Aktivierung der App funktioniert sie wie ein Datenterminal auf einem Einsatzfahrzeug und meldet den Mitarbeiter im Leitstellensystem als „einsatzbereit“ an. Die Applikation meldet, so lange sie eingeschaltet ist, regelmäßig die Position des verfügbaren Helfers. Die Ortung im Status „einsatzbereit“ erfolgt über die Cell-ID, im Einsatzfall wird das GPS-Modul des Handys aktiviert. Dieses Vorgehen verlängert die Akkulaufzeit des Handys. Standortdaten werden ausschließlich für Einsatzzwecke und anonymisiert zur Qualitätssicherung verwendet.

Die Status-Dokumentation

Nach dem Start der Applikation gelangt man automatisch zur Anmeldung. Benutzername und Kennwort entsprechen der Windows-Authentifizierung des Mitarbeiters im Rotkreuz-Netzwerk. Nach einer erfolgreichen Anmeldung wird automatisch der Status „einsatzbereit“ an das Einsatzleitsystem übermittelt. Wird ein Einsatz durch die Landesleitstelle disponiert, ertönt ein Signalton und das Handy vibriert. Die Applikation zeigt eine Nachricht an und es wird automatisch in die Ansicht „offene Einsätze“ gewechselt. Die Leitstelle erhält gleichzeitig automatisch die Information, dass der Einsatz an die Applikation übermittelt wurde. Angezeigt werden Einsatzort, -art, -zeiten, -kommentare sowie der Patientenname.

Durch Klick auf das „Papier“-Symbol im Infobereich, oder durch wischen nach rechts, wechselt die Ansicht auf die Einsatzkommentare. Diese Kommentare sind ident mit jenen, die das gleichzeitig alarmierte Einsatzfahrzeug übermittelt bekommen hat. Durch Klick auf die „Weltkugel“ im Bereich Einsatzort, oder durch wischen nach links wechselt die Applikation in die Navigation.

Wie auf jedem Datenterminal eines Einsatzfahrzeuges muss auch der First Responder den jeweils gültigen Status seiner Einsatzaktivität setzen, damit der Einsatzverlauf vom Leitstellensystem erfasst wird und vom Disponenten überwacht werden kann. Lediglich Status wie „Pause“, in der „Werkstatt“, etc., die für den Responder keinen Wert haben, wurden weggelassen. Begibt sich der First Responder zum Einsatzort, hat er den Status „Anfahrt“ zu wählen, sobald er eingetroffen ist „Am Einsatzort“. Dadurch werden die Einsatzzeiten im Einsatzleitsystem lückenlos dokumentiert und das nachkommende Rettungsfahrzeug kann punktgenau zur Position des First Responders geleitet werden. Ist der Einsatz für den First Responder abgeschlossen, meldet er sich durch Setzen des Status „Einsatz beendet“ wieder frei. Wird der Einsatz durch den First Responder beendet, wechselt die Applikation in die Ansicht „Beendete Einsätze“.

Um die Dokumentation zu erleichtern, wird dort noch einmal eine Zusammenfassung des Einsatzes mit den relevanten Daten dargestellt. Diese Informationen dürfen aus Datenschutzgründen vom Responder in keiner Weise gespeichert oder kopiert werden und werden mit Schließen der Applikation vom Smartphone gelöscht.

Benötigt der Mitarbeiter Unterstützung durch die Landesleitstelle, kann er einen Anruf durch Klick auf das Telefonsymbol initiieren. Der Disponent in der Landesleitstelle hat die Möglichkeit, Nachrichten an die Applikation und somit an den First Responder zu senden.

Im Unterschied zu den bisherigen Systemen, die Responder nur in einer vorab definierten Region einsetzen, kommen die neuen „mobilen“ Responder überall in der Steiermark, unabhängig von ihrem Lebensmittelpunkt, am aktuellen Aufenthaltsort (Local Response) zum Einsatz. Dies kann im Schwimmbad, auf der Fahrt zur Arbeit, im Büro, beim Skifahren, wandern oder jeder sonstigen Aktivität sein. Der Ort muss lediglich in der Steiermark gelegen sein. Der hohe Grad der Verfügbarkeit ergibt sich letztlich durch die Anzahl der eingebundenen Rotkreuz-Sanitäter und -Ärzte in das System. Mit rund 6.000 solcher potenziellen, professionellen Ersthelfer bietet dieses System einen großen Mehrwert für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung. Finanziert wird das Projekt durch das Land Steiermark.

Die Dauer der Dienstbereitschaft ist nicht festgelegt, sie erfolgt durch den Mitarbeiter selbst. Mit der Abmeldung über die Applikation wird auch die Verfügbarkeit im Leitstellensystem wieder aufgehoben.

App Update

2016 soll eine verbesserte Version der Applikation herauskommen. Diese soll es ermöglichen, spezifische Informationen zum First Responder im System zu hinterlegen und die Entsendung weiter zu optimieren. Zu diesen Informationen gehören die Ausbildung des Responders (Arzt oder Sanitäter), seine Ausrüstung (Defibrillator, Notfallrucksack, Autoverbandskasten, keine Ausrüstung etc.) und sein Fortbewegungsmittel.

Den ungekürzten Originalartikel finden Sie auf www.springermedizin.at

Peter Hansak, Ärzte Woche 29/34/2015

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