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Praxis 23. Mai 2014

Wohin mit dem Kapital?

Eine Studie der Arbeiterkammer entfachte Streit: Gewinne investieren oder Aktionäre verwöhnen?

Was ist wichtiger: Die Aktionäre bei Laune zu halten, um so den Investitionsschwung zu fördern? Oder aber das Geld in Produkte, Innovationen und Übernahmen zu stecken? Die Experten sind sich darüber uneins, und beide Seiten warten mit guten Argumenten auf.

2,1 Milliarden Euro schütteten die 20 ATX-Unternehmen 2013 an ihre Aktionäre aus, ein Plus von 3,9 Prozent gegenüber 2012. Gleichzeitig erhöhte sich die Ausschüttungsquote von 45 auf knapp 60 Prozent. Während Arbeiterkammer (AK)-Präsident Rudolf Kaske die Unternehmen auffordert, ihre Gewinne zu investieren, fürchtet die Industriellenvereinigung (IV), dass niedrige Ausschüttungen die Investitionstätigkeit hemmen könnten. „Ausschüttungen garantieren, dass die Eigentümer dem Unternehmen vertrauen und investieren“, sagte IV-Generalsektretär Christoph Neumayer vor Journalisten.

Die AK analysiert seit vier Jahren die Bilanzen von 1.500 Kapitalgesellschaften. Während sich in der laufenden Berichtssaison die Negativ-Meldungen seitens der börsennotierten ATX-Unternehmen häufen – von Personaleinsparungen über Abschreibungen bis hin zu Umsatz- und Gewinneinbußen – dürfen sich die Aktionäre über saftige Dividenden freuen.

AK kritisiert Entwicklung

Das bringt die AK auf den Plan, die diese Entwicklung heftig kritisiert, denn die negativen Entwicklungen in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) würden sich nicht in den Ausschüttungen niederschlagen. „In 60 Prozent der Konzerne werden die Dividendenzahlungen zum Teil sehr kräftig erhöht“, erzählt Markus Oberrauter, Autor der jährlichen Studie zur Ausschüttungspolitik der ATX-Konzerne. Einzig bei der Raiffeisen Bank International (RBI) lasse sich die gestiegene Ausschüttungssumme durch eine höhere Anzahl an Aktien infolge der Kapitalerhöhung erklären, die Höhe der Dividende sank hingegen von 1,17 auf 1,02 Euro je Anteilsschein, wobei auch die jungen Aktien voll dividendenberechtigt sind. Vier Unternehmen (RHI, SBO, Telekom Austria und Wienerberger) halten das Niveau konstant, Rückgänge gab es bei der Erste Group, beim Maschinenbauer Andritz und beim Faserhersteller Lenzing. Letzterer schüttet wie der Leuchtenkonzern Zumtobel trotz massivem Personalabbau eine Dividende aus. Laut Ankündigung der Immofinanz sei 2014 von der Abspaltung von 51 Prozent der Buwog-Aktien geprägt, wodurch keine Bar-Dividende geplant ist. Bei gleichzeitig sinkenden Konzernergebnissen führe die ausschüttungsfreundliche Unternehmenspolitik zu einer Explosion der Ausschüttungsquoten: Umgerechnet auf jene 17 Unternehmen, die bereits für 2013 ihre Bilanzen gelegt haben, beträgt die Ausschüttungsquote fast 60 Prozent, was einer Steigerung von 45 Prozent entspricht. Den Vogel schießt dabei der Baustoffkonzern Wienerberger ab, der seine Aktionäre trotz eines Verlustes mit einer Dividende belohnt. Ähnlich die Erste Bank, die ein Plus von 61 Mio. Euro in der GuV durch die Ausschüttung für das Partizipationskapital in ein Minus von 23,7 Euro verwandelt. Mit dem Immo-Unternehmen Conwert und der Österreichischen Post, die für die höchsten Dividendenrenditen bekannt ist, gibt es gleich zwei ATX-Mitglieder, die mehr als ihre Gewinne ausschütten.

Filialen reduziert, Dividenden erhöht

Bei der Post wurden in den vergangenen acht Jahren seit ihrer Erstnotierung rund eine Milliarde Euro an Dividenden gezahlt, während sowohl Personal als auch Filialen reduziert wurden. Dass diese Politik langfristig nicht gut gehen könne, zeigt das Beispiel Telekom Austria. Der Konzern führte jahrelang die Liste der höchsten Ausschüttungsvolumina an, was letztlich auf Kosten der Substanz ging. „Hier wurde immerhin die Reißleine gezogen und die Ausschüttungen auf ein notwendiges Minimum herabgesetzt“, lobt Oberrauter. „Den Unternehmen werden so wichtige Zukunftsinvestitionen vorenthalten, was wiederum zum Bumerang werden kann“, warnt Kaske. Der AK-Präsident fordert daher die Unternehmen auf, weniger auszuschütten und in das eigene Unternehmen und die Mitarbeiter zu investieren.

Studie kommt zu divergierenden Ergebnissen

Eine aktuelle Studie über das Ausschüttungsverhalten von 50 führenden Unternehmen (börsennotierte und nicht gelistete AGs, ohne Finanzdienstleister und Versicherungen), die von Contrast Management im Auftrag von Aktienforum und IV durchgeführt wurde, kommt zu abweichenden Ergebnissen. Demnach steigerten die analysierten Unternehmen zwischen 2007 und 2012 ihren realen Umsatz um 28 Prozent auf 124 Mrd. Euro. Gleichzeitig wurden 26.000 direkte Arbeitsplätze geschaffen. Die Ausschüttungsquote im Verhältnis zum Jahresüberschuss verhielt sich relativ konstant und erreichte 2012 36,6 Prozent. Zugleich wurde deutlich, dass in den Vergleichsjahren ein steigender realer Personalaufwand verglichen mit sinkenden Dividendenausschüttungen zu beobachten war. Die Ausschüttungen gingen in ähnlichem Ausmaß zurück wie die Investitionstätigkeit. Gleichzeitig stieg die Verwendung des Betriebsergebnisses für die Deckung der Körperschaftssteuerbelastung, des Personalaufwands und der Fremdkapitalkosten. Während die AK-Studie die Steuern und Abgaben unberücksichtigt ließ und daher 2012 eine Ausschüttungsquote von 40 Prozent der Löhne und Gehälter errechnet, ergab die IV-Studie eine Quote von elf Prozent.

Widerspruch in sich

„Die zunehmende Vereinnahmung von finanziellen Mitteln durch die Unternehmenseigentümer auf Kosten von Personal und Staat kann daher nicht festgestellt werden“, so die Studienautoren. „Es ist ein Widerspruch in sich, wenn die AK einerseits von Unternehmen stärkere Investitionskraft in den Betrieben und den Aufbau von Arbeitsplätzen fordert, andererseits aber die Auszahlungen an die Aktionäre, die Eigenkapital zur Verfügung stellen, kritisiert“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. „Unsere Ergebnisse bestätigen, dass die Ausschüttungen in Relation zum Personalaufwand 2012 nur elf Prozent betrugen, für 2013 ist keine wesentliche Veränderung erkennbar.“

Vergleiche man die Dividenden im Verhältnis zum Umsatz im Jahr 2007, dem letzten Normaljahr vor der Krise, so sind die Ausschüttungen bis 2012 um 47 Prozent zurückgegangen.

Erst in den letzten Jahren stabilisierten sie sich auf niedrigem Niveau. „Es ist ein Trugschluss, dass geringere Dividenden höhere Investitionen bedeuten, genau das Gegenteil ist der Fall“, betonte Neumayer. Dass die Investitionstätigkeit der Unternehmen noch nicht angesprungen ist, liege laut Aktienforum-Präsident Robert Ottel an der mangelnden Nachfrage. Grundsätzlich können sich derzeit die Firmen zu günstigen Konditionen verschulden. Ausschüttungen garantierten, dass Eigentümer und Investoren dem Unternehmen vertrauen und auch wieder Kapital für Investitionen zur Verfügung stellen. Würden die Unternehmen den AK-Forderungen folgen, bliebe schlichtweg wenig Spielraum für zukünftige Investitionen, was sowohl aus Standort- als auch aus Beschäftigungssicht nicht das Ziel sein könne. Darüber hinaus sei die Aussage der AK, die österreichischen Betriebe würden keine sorgsame und nachhaltige Unternehmenspolitik betreiben, sachlich falsch und angesichts des verantwortungsvollen Umgangs vor allem der heimischen Industriebetriebe mit ihren Mitarbeitern nachdrücklich zurückzuweisen“, so der IV-Generalsekretär.

Blackrock drängt auf Investitionen und Dividendenkürzungen

Larry Fink, der Chef des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock fordert in einem Brief an die Vorstandschefs der europäischen Großkonzerne, mehr Geld in die Zukunft zu investieren: „Zu viele Firmen haben ihre Kapitalausgaben zurückgefahren und höhere Schulden gemacht, um Dividenden und Aktienrückkäufe zu steigern. Viele Kommentatoren beklagen mittlerweile die kurzfristigen Forderungen der Finanzmärkte, wir teilen diese Bedenken.“ Stattdessen sollen die Konzerne wieder mehr Geld in Produkte, Innovationen und Übernahmen investieren. Rund zwei Drittel der im DAX vertretenen deutschen Firmen stocken ihre Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr noch einmal auf. Insgesamt wollen die 30 wichtigsten Konzerne rund 28 Mrd. Euro ausschütten. Die Barreserven der DAX-Unternehmen summierten sich 2013 auf knapp 140 Mrd. Euro.

Michael Strausz, Ärzte Woche 22/2014

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