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Nur ein Problem von vielen: Patienten können zum Teil gar nicht richtig mitteilen, wo der Schuh drückt.
 
Praxis 26. Jänner 2014

Von wegen informierter Patient

Jeder Zweite versteht Ärzte nicht.

Informierte Patienten allerorten? Bei diesem Stichwort rümpft so mancher Arzt die Nase. Doch womöglich ist es mit dem mündigen Patienten gar nicht so gut bestellt. Denn jeder Zweite versteht beim Arzt nur Bahnhof.

Eine Studie könnte das Bild vom informierten, mündigen Patienten, der jede Diagnose nach dem Arztbesuch googelt oder am besten schon in der Praxis mit der passenden Eigendiagnose auftaucht, deutlich entschärfen. Denn wie ein Konsortium aus neun Unis und Instituten unter der Leitung der Universität Maastricht herausgefunden hat, hapert es bei fast jedem Zweiten an der nötigen Gesundheitskompetenz, um Gesundheitsinformationen auch richtig verstehen und nutzen zu können.

Aber nicht nur die Studie lässt aufhorchen. „Auch wenn Sie ein noch so guter Therapeut sind und meinen, dass Sie alles verständlich rüberbringen, so können Sie nicht sicher sein, ob Ihr Gegenüber das wirklich und nachhaltig verstanden hat“, sagte Dr. Gabriele Seidel auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten e.V. (bvvp) in Bochum. Sie ist Geschäftsführerin der Patientenuniversität der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und weiß aus der Praxis: „Bei uns gibt es viele Menschen, die relativ problematische Gesundheitskompetenzen haben.“ Dabei hat sich die Patientenuni gerade dieses Thema auf die Fahnen geschrieben: Die Gesundheitskompetenz der Deutschen zu erhöhen.

Mehrere Fähigkeiten notwendig

Doch was genau bedeutet Gesundheitskompetenz? Der Begriff ist relativ jung und wird zurzeit gerne verwendet. Das Problem dabei: Jeder versteht etwas anderes darunter. Laut Seidel gehört ein ganzes Bündel an Fähigkeiten dazu, dass ein Mensch kompetent mit seiner Gesundheit umgehen kann. Dazu zählen:

  • Kognitive Fähigkeiten, wie lesen, schreiben oder rechnen zu können. Immerhin seien 14 Prozent der Menschen in Deutschland Analphabeten, dazu kämen 26 Prozent, die nur sehr langsam lesen und schreiben können, zitierte Seidel Ergebnisse einer Leo-Studie.
  • Kommunikative Kompetenzen, denn ein Patient muss dem Arzt mitteilen können, welches gesundheitliche Problem er hat.
  • Die Fähigkeit, die eigenen Interessen durchsetzen zu können.
  • Vertrauen darauf, dass man gesund werden kann, „Selbstwirksamkeit“ nannte Seidel das.
  • Die Fähigkeit, sich neues Wissen anzueignen und auch zu verstehen.
  • Die Fähigkeit, dieses Wissen auch in Handeln umzusetzen, denn Wissen allein genügt eben nicht – „nur weil ich weiß, dass Rauchen schädlich ist, muss ich noch nicht damit aufhören“, sagte Seidel.

Doch besonders gut ist es hierzulande nicht mit diesem Konglomerat an Fähigkeiten, die die Gesundheitskompetenz ausmachen sollen, bestellt. Das haben die Ergebnisse des ersten europäischen „Health Literacy Survey“ (Studie zur Gesundheitskompetenz), die von Jänner 2009 bis Februar 2012 gemacht wurde, gezeigt. Denn 10,81 Prozent der 1.000 befragten Deutschen erreichten nur 0 bis 25 von maximal 50 Punkten, ihre Gesundheitskompetenz wird als „inadäquat“ beschrieben. Weitere 35,1 Prozent schafften 25 bis 33 Punkte, ihre Kompetenz gilt als „problematisch“.

47 Prozent fehlt Gesundheitskompetenz

Im Schnitt aller acht EU-Länder, die teilnahmen – dies waren Österreich, Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Irland, die Niederlande, Polen und Spanien – fehlte 47 Prozent die ausreichende Gesundheitskompetenz. Diese Patienten sind also alles andere als mündig und können Erläuterungen ihres Arztes zum Teil gar nicht folgen. Doch gerade mit diesen Patienten haben Ärzte besonders häufig zu tun. Denn verschiedene Studien aus den USA hätten gezeigt, dass Menschen mit einer geringen Gesundheitskompetenz das Gesundheitswesen wesentlich häufiger nutzen als Menschen mit einer hohen Gesundheitskompetenz, berichtete Seidel.

Es gilt also, hier etwas zu verbessern. Diese Aufgabe haben sich die Patientenuniversitäten gestellt. Im Herbst 2006 wurde an der MHH die erste deutsche Patientenuniversität gegründet. Die Initiative ist ein unabhängiges Bildungsinstitut, das durch Eigenmittel der MHH, Teilnehmerbeiträge und Spenden finanziert wird. Ziel ist, auf der Basis strukturierter Bildungsangebote das universitäre Wissen und aktuelle Forschungsergebnisse aus den diversen Disziplinen der Medizin einschließlich der Versorgungsforschung nicht nur Expertenkreisen, sondern der Bevölkerung insgesamt zur Verfügung zu stellen. Nicht nur können die Teilnehmer ihr medizinisches Wissen erhöhen und ihr präventives Bewusstsein weiterentwickeln. Das Konzept hat auch noch einen anderen positiven Effekt: Referenten sind außer Professoren der MHH auch Medizinstudenten. Sie werden in diesem Umfeld darin geschult, medizinische Infos verständlich zu vermitteln und laiengerecht zu formulieren.

Die Kurse der Patientenuniversität beginnen jeweils mit einem einstündigen Vortrag. Dann geht es ans Praktische, nämlich an die 15 bis 20 Lernstationen „Medizin zum Anfassen“. Da gibt es etwa die „Lernstation Makroskopie“, wo die Teilnehmer an Tierorganen den Aufbau und die Funktion eines Organs kennenlernen, die „Lernstation Mikroskopie“, die „Lernstation Physiologie“, wo anhand von Experimenten Körpervorgänge verständlich gemacht werden, und viele mehr.

Das Konzept habe sich bewährt, so Seidel. Bisher haben knapp 3.000 Teilnehmer mitgemacht. Davon waren etwa zwei Drittel Frauen, über die Hälfte waren chronisch Kranke. Eine repräsentative Befragung im Jahr 2011 hat ergeben, dass die Teilnehmer wirklich viel gelernt und von dem Angebot profitiert haben. „Vor allem die Teilnehmer mit niedrigem Bildungsgrad hatten signifikant mehr Benefit.“

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