zur Navigation zum Inhalt
© Devrimb / Getty Images / iStock
In einer Klinik der Zukunft wird der Arzt Zugriff auf alle Gesundheits-Daten der Patienten haben und möglicherweise bei seiner Diagnose durch eine künstliche Intelligenz unterstützt werden.
 
Leben 22. September 2017

Das Krankenhaus von morgen

Zukunft. Das Internet der Dinge und künstliche Intelligenzen eröffnen dem Mediziner neue Möglichkeiten für die Behandlung seiner Patienten. Eine hohe Effizienz in den Versorgungszentren kann aber selbst ohne Einsatz von Computer rasch erreicht werden. Dazu braucht es ein offenes Ohr für die Wünsche der Patienten. Das Gesundheitssystem von morgen zeichnet sich dadurch aus, dass die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen im Zentrum stehen werden.

Die Mediziner, die heute ihr Studium abschließen, werden bis ins Jahr 2060 aktiv bleiben. Um diese Generation an Mediziner bestmöglich auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten, bedarf es einer bestimmten strategischen Planung und keiner vagen Vorhersagen. Risikomanagement-Tools sollen dabei helfen, die große Breite an zukünftigen Unsicherheiten bestmöglich zu bestimmen. Dem Accreditation Council for Graduate Medical Education (ACGME; JGME, 2015) zur Folge wird die Komplexität in der Patientenversorgung stark zunehmen und das interprofessionelle Handeln an Bedeutung gewinnen.

Ausbildung soll flexibler werden

Da die zukünftigen Entwicklungen aber nicht genau vorhersehbar sind, muss die Ausbildung der Mediziner flexibler werden und der Verantwortungsbereiche der unterschiedlichen Gesundheitsdienstleister zunehmen. Der Grad der Standardisierung am Beginn der Patientengeschichte wird höher und gleichzeitig kommt es dadurch zu einer Verlagerung der Verantwortungen und Risiken von einzelnen Experten auf ein interprofessionelles Team.

Damit einher geht ein Wandel im Anforderungsprofil des Mediziners. Pharmazeuten werden in Zukunft Impfungen gegen Influenza anbieten, Krankenschwestern weitere Aufgaben in der medizinischen Grundversorgung übernehmen. Ein Wandel, der bereits heute eingesetzt hat – Arbeiten, die exklusiv Ärzten vorbehalten waren (z. B. die Blutabnahmen), werden bereits jetzt verstärkt von Krankenschwestern durchgeführt.

An Mensch oder Maschine delegieren

Durch die „Vereinfachung“ von Wissen wird es anderen zugänglich gemacht und das macht es möglich, dass Arbeiten von höheren auf niedrigere Hierarchieebenen delegiert werden können. Also auf jene Ebene, die gerade noch kompetent dafür ist, diese Leistung, entsprechend der gesetzlichen Vorgaben, zu erbringen. Die Delegation kann aber auch an jene neue Technologie erfolgen, die in der Lage ist, die zuvor von einem Menschen durchgeführte Handlung vollkommen oder größtenteils zu ersetzen (Nasca & Thomas, 2015).

Technische Möglichkeiten kennen

Der ehemalige Rektor der Medizinischen Universität Graz, Prof. Dr. Josef Smolle, ist der Meinung, dass die Studierenden mit den existierenden technischen Möglichkeiten vertraut und deren Prinzipien einschließlich deren Limitationen kennen müssen. Es reicht nicht aus, dass die zukünftigen Absolventen der Medizinischen Universitäten nur reine, wenn auch kompetente Anwender der heutigen Technologien sind.

Seiner Ansicht nach „muss man durch ein grundlegendes Verständnis derselben die Grundlage schaffen, dass diese Ärztegeneration auch in Zukunft sich mit neuen Möglichkeiten auseinandersetzen, diese verstehen und sie in ihren ärztlichen Alltag integrieren kann.

Als philosophischem Zugang bedarf es zudem einerseits der Einsicht in die für unseren Verstand nicht fassbare Komplexität des Menschen, andererseits des Erkennens der Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion als Voraussetzung für tragfähige Entscheidungen. Zukünftige Technologien werden für beides – Komplexitätserfassung und Komplexitätsreduktion – wertvolle Dienste leisten.“

Patientenwünsche berücksichtigt

Bereits heute definieren Pioniere Trends von morgen. In den Niederlanden wurde eine Klinik speziell auf die Wünsche der Patienten ausgerichtet. Drei Dinge waren für die Patienten von entscheidender Bedeutung:

- Die Verbesserung der Privatsphäre

- Die Verbesserung der Informationsversorgung

- Eine Umgestaltung der Warteräume speziell für Kinder. Diese sollen die allfälligen Wartezeiten mit Hilfe von Spiel- und Unterhaltungsangeboten als so kurz wie möglich wahrnehmen.

Hellere Räume mit angenehmeren Licht würden ebenfalls dazu beitragen, die Stimmung zu heben. Die eckigen Tische sollen runden Tischen weichen, da dadurch eine bessere Interaktion mit anderen Patienten möglich wird.

In der Cleveland Clinic wurde viel in den digitalen Bereich investiert. Ein eigener „Health Essentials Blog“ dient der Patienten- und Dienstleisterweiterbildung, angepasste elektronische Anwendungen ermöglichen das einfache Bezahlen von Rechnungen oder einen Live-Chat mit den Ärzten.

Rascher Erfolg der Vorzeige-Kliniken

Eine patientenzentrierte und digitale Philosophie, die so gut angekommen ist, dass sie von einem Krankenhaus in Abu Dhabi umgehend übernommen wurde. Drei Kinderkrankenhäuser in Stockholm (Schweden), Adelaide (Australien) und in Orlando (Amerika) haben ebenfalls die Patientenwünsche umgesetzt und auch dort hat sich schnell ein Erfolg eingestellt.

Untersuchungen wurden als weniger schmerzhaft eingestuft, Patienten sind bei den Untersuchungen ruhiger und die Behandlung durch die Ärzte war effektiver. Dabei müssen die Arztpraxen und Krankenhäuser aber unter Berücksichtigung ihrer finanziellen Möglichkeiten, einen breiten Zugang zu allen technischen und datenbasierten Möglichkeiten wahren.

Triage durch Symptom-Checker

In der Version von Arnaud Bernaert, Leiter von Global Health and Healthcare des Weltwirtschaftsforums, sollen Patienten in Zukunft im Krankenhaus keine undifferenzierte, sondern eine individualisierte Behandlung erfahren, also eine, die eine wesentlich effektivere Behandlung verspricht. Ausgehend von der Forderung, das für Heilung bezahlt wird und nicht länger nur für eine Behandlung. Seiner Ansicht nach, wird den virtuellen Symptom-Checkern in Zukunft eine wesentlich größere Bedeutung zukommen.

Eine Aussage, die im klaren Gegensatz zu einer aktuellen Studie im JAMA Internal Medicine steht. Der Studie zur Folge sind Mediziner im Gegensatz zu den angesprochenen Onlineangeboten doppelt so oft in der Lage, die richtige Diagnose zu stellen. Anders ausgedrückt, in dreiviertel der Fälle liegt der Arzt richtig und in zweidritteln der Fälle liegt der digitale Helfer in seiner Annahme falsch.

Zugriff auf Krankenakte

Unsere Gesundheitsdaten liegen in den meisten Fällen gesammelt bei unserem Hausarzt. Es sind unsere Daten, auf die wir aber keinen Zugriff haben. Die technischen Möglichkeiten würden es aber sehr wohl erlauben, eine Kopie in Eigenverantwortung zu Hause sicher zu verwahren. Würde der virtuelle Arzt nun in einem Triage-System eingebunden sein, so könnte im Bedarfsfall ein verfügbarer realer Arzt nach Bereitstellung der gesamten zu Hause gespeicherten Krankenakte ebenfalls online konsultiert werden und nötigenfalls Entwarnung geben.

Aus Sicht der Patienten sollten vor allem Universitätskliniken mit ihren vielen Fachrichtungen telemedizinische Angebote bereitstellen, da laut JAMA Oncology die 5-Jahres Überlebensrate nach der Diagnose in einem Spital mit onkologischer Abteilung um 21 Prozent besser ist als in einem Spital ohne Onkologie. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei nichtübertragbaren Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder kardiovaskulären Problemen. Arnaud Bernaert schließt daraus, dass virtuelle Behandlungsangebote von den spezialisierten Kliniken nicht nur Leben verlängern, sondern auch Notfallambulanzen entlasten und dabei helfen können, Kosten zu sparen (Bernaert, 2016).

Nur mehr Notfälle und Operationen

Experten gehen davon aus, dass Krankenhäuser einen Veränderungsprozess erfahren werden. Behandelt werden dann nur mehr Notfälle oder Patienten vor und nach Operationen. Eine Ansicht, die auch Smolle teilt. „Kurze, stationäre Aufenthalte werden nur vorübergehende Episoden sein, die in der Patientengeschichte nicht isoliert sein dürfen, sondern in das Kontinuum der Betreuung eingebettet sein müssen. Vieles wird Berufsgruppen-übergreifend und in Teams bearbeitet und gelöst werden. Jedes Team ist jedoch nur so gut, als jedes einzelne Mitglied sich der vollen persönlichen Verantwortung für die gemeinsame Aufgabe und die anvertrauten Patienten bewusst ist und sich entsprechend einbringt.“

Bettruhe hat keinen Nutzen

Wie Dr. Morton Creditor bereits 1992 festgestellt hat, hat eine strikte Bettruhe keinen oder nur einen sehr minimalen therapeutischen Nutzen. Eine Immobilisation des Patienten geht mit einem Muskelschwund von rund zwei Prozent pro Tag bei älteren Patienten einher. Bei jüngeren Patienten sind es rund 1 bis 1,5 Prozent.

Nicht nur, das die Bettruhe als langweilig empfunden und zu einem depressiven Verhalten führt, bringt es wenig. Freie Bettenkapazitäten verbraucht, Personal gebunden und unnötige Kosten erzeugt werden. Chronische Krankheiten und nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen werden daher in Zukunft nicht mehr in Krankenhäusern, sondern zu Hause mit Hilfe von Sensoren, tragbaren Geräten unter ständiger Überwachung durch einen Gesundheitsexperten behandelt werden. Die medizinischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts werden zunehmend an das Patienten-Empowerment gekoppelt sein.

Alexander Riegler, MPH, ist als Coach tätig und bietet Gesundheitskompetenz- Coaching an.

www.alexanderriegler.at

 

Literatur

1. Bernaert, A. (16. November 2016). Forbes. Abgerufen am 26. Juni 2017 von We Need To Stop Paying Doctors For Treating Us And Start Paying Them For Healing Us -- Here’s Why: https://www.forbes.com/sites/worldeconomicforum/2016/11/16/we-need-to-stop-paying-doctors-for-treating-us-and-start-paying-them-for-healing-us-here-is-why/#758acd835b08

2. Galeon, D. (21. April 2017). Expert: Human Immortality Could Be Acquired Through AI. Abgerufen am 4. Juli 2017 von Futurism: www.futurism.com/expert-human-immoortality-could-be-acquired-through-ai/

3. Mesko, B. (2015). Commentary: we need to be better prepared for a technological future. BMJ(350), S. h279. doi:10.1136/bmj.h279

4. Nasca, T. J., & Thomas, C. W. (März 2015). Medicine in 2035: Selected Insights From ACGME´s Scenario Planning. Journal of Gradate Medical Education, S. 139-142.

5. The Medical Futurist. (2017). Abgerufen am 2017. Juni 24 von Peek into the Future of Hospitals: Smart Design, Technologies and Our Homes: http://medicalfuturist.com/peek-into-the-future-of-hospitals/

Alexander Riegler
, Ärzte Woche 39/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben