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© Oliver Berg/dpa
Messdiener verteilen Weihrauch: Wird hier Langlebigkeit verströmt?
 
Leben 7. April 2017

Ein Bad für Geist und Körper

Expertenbericht Studien zur Bedeutung der Religiosität für die Gesundheit werden Mängel vorgeworfen. Jetzt bestätigt eine anspruchsvolle Langzeitstudie eine positive Verknüpfung. Doch auch diese Studie hat Schwächen. Für Zeitgenossen Jesu war Beten jedenfalls die erste Therapieoption.

Heute ist es so: Wenn alle Stricke reißen, muss man sich noch nicht aufhängen, denn man kann ja noch mit dem Beten anfangen. Wurde man allerdings rund um Christi Geburt krank wurde, verheilt man sich anders – das Beten stand am Anfang eines möglichen Heilungsprozesses.

Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheit sind methodisch schwierig und werden vielfach skeptisch beurteilt. In der prospektiven Nurses‘ Health Study gaben Frauen im Alter von 30–55 Jahren zwischen 1992 und 2012 ausführlich zu Lebensstil und medizinischer Vorgeschichte Auskunft. 74.534 Teilnehmerinnen, die anfangs frei von kardiovaskulären und malignen Erkrankungen waren, berichteten alle vier Jahre auch über die Teilnahme an religiösen, mehrheitlich christlichen Gottesdiensten. 14.158 besuchten mehrmals pro Woche eine solche Zeremonie, 30.401 einmal pro Woche, 12.103 seltener und 17.872 nie. Innerhalb der Beobachtungszeit verstarben 13.537 Probandinnen, darunter 2.721 an kardiovaskulären und 4.479 an malignen Krankheiten.

Die Gesamtmortalität der Frauen, die mehrmals pro Woche einen Gottesdienst besuchten, lag 33% niedriger als bei den Gottesdients-Abstinenzlern. Die Sterblichkeit mit kardialer Ursache war um 27 Prozent verringert, jene mit maligner Ursache um 21 Prozent. Es zeigte sich eine gute Korrelation zur Häufigkeit der Besuche, auch Änderungen im Laufe der Jahre bildeten sich ab. Zahlreiche Einflussfaktoren wie Lebensstil, Risikofaktoren, Begleiterkrankungen und ethnische Herkunft wurden berücksichtigt.

Auch die vorliegende Untersuchung von Li et al. 2016 mit dem Titel „Association of Religious Service Attendance With Mortality Among Women“ (DOI: 10.1001/jamainternmed.2016.1615) hat Schwächen: Es wurden nur Frauen befragt, und nur ein Einzelaspekt der Frömmigkeit, der Gottesdienstbesuch, wurde analysiert. Doch überwiegen die positiven Aspekte. : Es ist eine sehr umfangreiche Studie über einen langen Zeitraum mit regelmäßigen Zwischenbefragungen. Die Ergebnisse stimmen für Gesamtmortalität und zwei ursachenspezifische Todesarten überein, es ergibt sich eine inverse „Dosiswirkungskurve“ zwischen der Sterblichkeit und der Häufigkeit von Gottesdienstbesuchen sowie ihren Änderungen im Laufe der Zeit, und die statistische Analyse ist robust.

Wer nicht an Wunder glaubt, dem bleibt die Ursache der Korrelation allerdings unklar. Zweifellos hat Religiosität viele positive emotionale, kognitive und soziale Stimuli und kann Verhalten und Wohlbefinden beeinflussen. Allerdings kann sie auch Schuldgefühle, Ängste, Intoleranz und Gewalt verursachen.

Noch einmal zurück in die Zeit , in der Jesus gelebt hat, von übertragbaren Infektionen wusste man nichts, aber Gebote in der Thora, die sich um rituelle Handlungen und spirituelle Reinigung drehen, hatten einen positiven Nebeneffekt – Anweisungen zur persönlichen Hygiene. Geistige und körperliche Reinigung gehörten eng zusammen.

Der Originalartikel „Treue GottesdienstBesucher leben länger“ ist erschienen in MMW – Fortschritte der Medizin 158/2016, DOI 10.1007/s15006-016-8767-y, © Springer Verlag

Heinrich Holzgreve

, Ärzte Woche 15/2017

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