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Who is who: Der Blick von der Höhenstraße von Hermann Kosel, 1936

Wow: Diese Rundansicht der Stadt Wien zur Zeit der „Ersten Türkenbelagerung“ 1529/1530 zeigt der einzigartige Meldeman-Plan.

Weitum: Ein plastisches Modell der inneren Stadt mit dem Glacis, 1852/54,angefertigt von Eduard Fischer.

Wohin: Schema der Straßennummerierung von Wien anno 1862/63.

© (5) Wien Museum/Birgit + Peter Kainz

Wahnsinn! Wien aus der Vogelschau vom Getreidemarkt aus, 1904, von Erwin Pendl.

 
Leben 31. März 2017

„Das ist die stat Wienn“

Ausstellung

Ausstellung. Vom spätmittalterlichen Albertinischen Plan bis zur Lifestyle-Karte von heute: Gesamtansichten und Vogelschaupläne sind stets selektiv, mitunter manipulativ oder sogar falsch, aber niemals neutral.

MBWie können wir Wien als Ganzes fassen? Der Versuch, die Stadt „auf einen Blick“ erfahrbar zu machen, fasziniert Gelehrte wie Laien seit Jahrhunderten. Gesamtansichten sind ein zentrales visuelles Medium und ein wichtiger Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Stadt. Die Ausstellung „Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick“ im Wien Museum am Karlsplatz zeigt anhand von rund 150 Objekten, wie sich Gesamtdarstellungen Wiens vom 15. Jahrhundert bis heute entwickelt haben und welche unterschiedlichen Funktionen sie übernehmen können.

Die letzte große Überblicksschau von kartografischen Wien-Darstellungen fand 1995 im damaligen „Historischen Museum der Stadt Wien“ statt. Mehr als 20 Jahre danach werden nun etliche der ältesten, größten und berühmtesten Pläne, Panoramen und Vogelschauen Wiens wieder in einer Ausstellung gezeigt – diesmal im Zusammenspiel mit Modellen, zeitgenössischen künstlerischen Positionen oder alltäglichen Designprodukten. Aus der Gegenüberstellung von Alt und Neu, von historischen Kostbarkeiten und Gebrauchsware, von Kunstwerken und „Counter-Maps“ erschließt sich das Thema in all seinen Facetten und Varianten.

Der Ausstellungsparcours ist in vier Bereiche gegliedert: „Vermessen und Darstellen“; „Repräsentieren und Idealisieren“; „Beherrschen und Ordnen“; „Emanzipieren und Experimentieren“ und orientiert sich damit an Prinzipen, die wesentlich in der Entstehung oder Verwendung von Gesamtdarstellungen der Stadt sind. Es werden nicht nur Fragen nach Vollständigkeitsanspruch, Selektion und Symbolisierung gestellt, sondern auch die sich ständig verändernden technischen Möglichkeiten thematisiert.

Außerdem geht die Ausstellung der Rolle von Macht und gesellschaftlichen Verhältnissen im Zusammenhang mit der Entstehung von Stadtdarstellungen auf den Grund. Bewusst wurde auf eine vielleicht erwartbare chronologische Ordnung der Objekte verzichtet: Diese würde eine scheinbar lineare, vom Fortschrittsgedanken geprägte Entwicklung hin zu maximaler Genauigkeit und „Objektivität“ suggerieren – und diese Betrachtungsweise gilt es zu hinterfragen. Zugleich decken die meisten der gezeigten Objekte die unterschiedlichsten Facetten ab: Die Zuordnung zu einem bestimmten Kapitel bedeutet daher keineswegs, dass die jeweiligen Objekte nur unter dem dort thematisierten Aspekt zu lesen sind.

Das erste Kapitel („Vermessen und Darstellen“) der Ausstellung widmet sich dem Totalitätsanspruch von Gesamtdarstellungen. Wer die Stadt als Ganzes abbilden will, ist per se zum Scheitern verurteilt. Stadtansichten und Pläne befinden sich stets im Spannungsfeld zwischen Vollständigkeitsanspruch und Fragmentierung, zwischen Wirklichkeitstreue und Ideal. Sie sind eine Mischung aus Abbild und Sinnbild und somit stets Konstrukte. So erfolgte selbst bei detailgetreu wirkenden Vogelschauen notgedrungen die kunstvolle Reduzierung einer komplexen Realität, die oft mit einer Idealisierung und Harmonisierung einherging. Auch die genauesten modernen Stadtpläne bilden nie das „reale“ Territorium ab, sondern sind interessensgeleitet und selektiv. „Die immer partiellen Wahrheiten reflektieren Politik, Ideologie, Technologie und Ästhetik ihrer Entstehungszeit.“ Das sagen die AusstellungskuratorInnen Sándor Békési und Elke Doppler unisono.

„Das ist die stat Wienn“ schrieb der Zeichner des „Albertinischen Plans“ in sein Werk. Die kolorierte Federzeichnung aus dem 15. Jahrhundert ist nicht nur der älteste Plan Wiens, sondern zugleich ein Beispiel für radikale Selektion: Im Wesentlichen ist die Stadt eine weiße Fläche, eingezeichnet sind nur die wichtigsten Gebäude wie Ringmauer, Kirchen, Klöster und Spitäler.

Die älteste Vogelschau Wiens aus dem frühen 17. Jahrhundert, der sogenannte „Hoefnagel-Plan“, wiederum besticht durch seinen hohen Detailreichtum – und die technische Raffinesse der Anfertigung, war doch der „Blick“ von einer Anhöhe im Norden Wiens rein fiktiv. Erst die Ballonfahrten schufen die Voraussetzungen, jene Perspektive in der Realität einzunehmen, die in den faszinierenden Vogelschauen suggeriert wird. Ein weiteres Highlight in diesem Kapitel ist der dekorative „Vogelschauplan der Stadt Wien mit ihren Vorstädten“ von Joseph Daniel von Huber aus den Jahren 1769-1773, der aus Anlass einer damals schon angedachten Stadterweiterung gezeichnet wurde und die Stadt in all ihrer Größe inszeniert.

Prächtig und mächtig

Im zweiten Bereich der Ausstellung („Repräsentieren und Idealisieren“) wird der Fokus auf die Schaffung von Images gelenkt. Städtebilder hatten seit dem 16. Jahrhundert häufig eine repräsentative Funktion. Befestigungspläne und Schlachtenbilder sollten zum Beispiel den Charakter einer uneinnehmbaren, siegreichen Festungsstadt vermitteln. Die berühmten Veduten wiederum sind nicht nur präzise Abbilder der Stadt, sondern zugleich identitätsstiftende Konstruktionen mit hohem politischem Symbolwert – und das bis heute, wie man an den Diskussionen über das Stadtbild sehen kann, in denen die Bewahrung des Bellotto-Blickes beschworen wird.

Gesamtdarstellungen der Stadt entstanden anfangs häufig im militärischen Kontext: als Befestigungspläne, Kriegskarten oder Schlachtenbilder. So werden im dritten Teil der Ausstellung („Beherrschen und Ordnen“) einige Highlights aus der Museumssammlung präsentiert. 1529 entstand der „Meldeman-Plan“, ein Bildbericht der militärischen Ereignisse mit Hunderten von Szenen und bisweilen kuriosen Details.

Die wehrhafte Stadt im Jahr 1683 ist Motiv der Vogelschau des Niederländers Folbert van Ouden-Allen: Die Spuren der osmanischen Belagerung sind ausgeblendet, Wien präsentiert sich makellos und unverwüstlich. Stadtpläne waren lange Zeit ein elitäres Medium. Kontrolle über Karten bedeutete die Kontrolle über das ihnen zugrundliegende Wissen. Vervielfältigte Karten wurden verfälscht, etwa der sogenannte „Huber-Plan“ aus dem 18 Jahrhundert, in dem Stadtbefestigung nicht korrekt wiedergegeben wurde, um militärische „Geheimnisse“ nicht preiszugeben (und das, obwohl die Zeit der Festungskriege längst vorbei war). Mit der wachsenden Stadt und der zunehmenden Mobilisierung gerät die Orientierungsfunktion von Karten zunehmend in den Mittelpunkt. So brauchte es ab 1900 bereits Buchpläne, um das gesamte Stadtgebiet abdecken zu können. Aus dem Wien von oben wurde das Wien von unten.

Wien von oben

Die Stadt auf einen Blick

23. März 2017 bis 17. September 2017

Wien Museum Karlsplatz

1040 Wien, Karlsplatz 8

Dienstag bis Sonntag & Feiertag, 10 bis 18 Uhr

Geschlossen: 1. Mai

www.wienmuseum.at

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 14/2017

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