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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 28. Oktober 2016

Halloween statt Allerheiligen

Es ist nicht alles schlecht, was aus den USA kommt.

„Man muss doch nicht jeden Dreck aus Amerika nachmachen!“, klagt man dieser Tage alljährlich in Österreich. Damit spricht man jedoch keine schräge Präsidentschaftswahl an; die bringen wir auch ganz ohne Amerikaner hin. Nein, es geht um die Zeit, in der geschnitzte Kürbisse die Hauseingänge zieren und im Supermarkt von August an neben dem Nikolo auch Halloween-Schokolade, Halloween-Klopapier und Halloween-Fischstäbchen verkauft werden.

Tatsächlich ersetzt man zu Allerheiligen den beschaulichen Besuch bei Verstorbenen zunehmend dadurch, als Verstorbener gekleidet die Lebenden zu besuchen. Zugegebener Maßen ist es für die Kinder deutlich lustiger, sich gruselig zu verkleiden und aus der Nachbarschaft Tonnen an Süßigkeiten zu lukrieren, als gelangweilt am Friedhof zu stehen und Kastanien in offene Gräber zu werfen.

Während die Traditionalisten beklagen, dass die heimischen Bräuche leider mit der Attraktivität einer grausigen Trash-Kultur nicht mithalten können, beklagen Mediziner das Gutheißen einer unmäßigen Aufnahme gezuckerter Lebensmittel. Einzig die Urologen freuen sich über die positive Wirkung der Kürbiscremesuppe auf die Prostata.

Auch ein vermehrtes Auftreten sogenannter „Horror-Clowns“ ist in diesen Tagen zu bemerken, was den redlich arbeitenden Klinik-Clowns naturgemäß nicht entgegenkommt und sie damit rechnen müssen, von ihren kleinen Patienten mit dem Infusionsschlauch gewürgt zu werden, so sie ihnen zu nahe kommen. Da wollen wir doch lieber von einer heimischen alkoholisierten Schirch-Perchte, als von einem amerikanischen Schirch-Clown erschrocken werden.

Doch ist wirklich alles so schlecht, was aus Übersee zu uns kommt? Was wäre die Medizin ohne die neuen innovativen Therapieformen aus den USA? „In den Staaten verzichtet man schon seit zwei Jahren komplett auf die Schilddrüse!“ Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis „das zu uns kommt“. Man ist stolz darauf, eine Untersuchung anbieten zu können, die man in Stanford, Yale oder Harvard entwickelt hat. Das klingt besser, als etwas, das in St. Pölten erfunden wurde. Man orientiert sich gerne an den Vorgaben der American Heart Association und nicht der ukrainisch-kardiologischen Gesellschaft. Selbst bezüglich der Umgangsformen ahmen wir die US-amerikanischen Vorbilder von Dr. House bis Dr. McDreamy nach.

Es ist ein kultureller, allerdings recht einseitiger Austausch. Denn auch wenn die aus Europa eingewanderten Nordamerikaner viel an Tradition mit hinüber genommen haben, sind sie nur selten bereit, Innovationen aus der alten Heimat zu übernehmen. Sollten sie doch mal erkennen, dass auch Allerheiligen seinen Reiz hat, so werden sie es erfinden und die Idee weltweit vermarkten. Dann, liebe Traditionalisten, besteht auch die Chance, dass man diesen amerikanischen Brauch hierzulande nachmacht und beschaulich auf den Friedhof pilgert.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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