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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 30. September 2016

Zu schön, um gesund zu sein

Nicht nur Nässe, Kälte und Regen sind der Gesundheit abträglich.

In diesen Tagen häufen sich die gesundheitlichen Beschwerden aufgrund des Herbstes. So weit, so gewöhnlich. Dabei ist der Herbst diesmal über die Maßen mild und freundlich. Ein „Altweibersommer“, wie er in jenen Büchern beschrieben steht, die weder politische Korrektheit noch das Gendern kennen. Die Statistiker bemühen sich, diese unerträgliche Milde zu erklären: Es war seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1895 jener September mit den meisten milden Tagen, ausgenommen eines Septembers in den Fünfzigerjahren, der ebenfalls katastrophal mild war und zu Ernteausfällen geführt hat, da die Erntehelfer allesamt im Bad waren. Ob dies nun das erste Zeichen für die Klimaerwärmung sei oder bereits eine perakute Klimanormalisierung, lassen die Experten indes noch unbeantwortet.

Gerade die fehlenden ungünstigen Wetterbedingungen scheinen aus gesundheitlicher Sicht bedenklich zu sein. Denn wo sich sonst bereits Rhinoviren tummeln und die U-Bahnen als rollende Keimschleuder die künftigen Patienten befördern, ist es weitgehend trocken und steril. Es ist schlicht zu warm, zu schön und zu angenehm für diese Jahreszeit. Das macht interessanterweise all jenen zu schaffen, die sich eigentlich sonst über die beginnende feuchte Kälte beschweren. Oder über die große Hitze im Sommer. Oder die beißende Kälte im Winter. Oder den mangelnden Schnee im Winter. Oder die mangelnde große Hitze im Sommer. Oder die mangelnde große Hitze im Winter.

Gründe gibt es immer zum Kranksein. Und so kann natürlich auch das Wegfallen eines Grundes krank machen. Wenn man gewohnt ist, sich schnupfend durch die ersten kalten Herbsttage zu quälen, so wird der Körper keine Ausnahme machen, nur weil es dem Wetter grad mal nicht in den Kram passt, kalt zu sein.

Der Körper ist ein Gewohnheitstier und bereits der Anblick gewisser Krankheitsauslöser kann eine Krankheit auslösen: Sei es ein Mitmensch, der hustet, selbst wenn er nur an einem trockenen Stück Kuchen im Hals laboriert; sei es ein Kind mit offenkundigen Windpocken, selbst wenn es sich die Bläschen nur mit einem Filzstift auf die Haut gemalt hat; sei es ein Kalender, der den Herbst anzeigt, selbst wenn sich der anfühlt, wie ein lauer Sommertag. Die Welt ist nun mal ansteckend. So entwickeln manche bereits einen Brechdurchfall, wenn sie mit einer erkrankten Person telefonieren. Andere wiederum stecken sich, wider besseren Wissens, an einer Schuppenflechte an. Oder an Zahnweh. Oder einer Hammerzehe (die man sich bekanntlich im Freibad holen kann).

Das Gute an der Angelegenheit: Es zeigt uns, dass wir unsere Gesundheit doch bis zu einem gewissen Grad in den eigenen Händen haben und uns ab und an auch entscheiden können, krank zu werden oder nicht. Diese Erkenntnis kann helfen, wenn uns das nächste Kindergartenkind vor die Füße kotzt, der Arbeitskollege in den Kaffee hustet oder der Sushi-Koch mit der eigenartigen Fieberblase bewirtet. Das hält unser Körper schon aus. Genauso, wie einen milden Herbst.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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