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© Christian Charisius/dpa
Ärmel von Arztkitteln sind hochgradig keimbelastet, der Trend geht daher zu kurzärmeliger Dienstkleidung. Ein Vorreiter: das heuer neu eingekleidete Personal des deutschen Klinikkonzerns Asklepios.
 
Leben 29. August 2016

Ärmellos durch die Nacht

Corporate Fashion. Reden wir über die Wirkung von Kleidung. Vom Krankenhaus bis zur Beauty Clinic werden Bekleidungskonzepte überdacht. Ein Trend: Kossak statt Kittel. Aus hygienischen Gründen.

Die Art der Berufskleidung von Ärzten und Pflegern ist am Tagesablauf orientiert. Eher weit, leicht auszukochen, extrem strapazierfähig und elastisch, eher unsexy. Doch es war nicht immer so wie es jetzt ist. Die Tracht der Ordensschwestern orientierte sich bis in die jüngste Vergangenheit an der Kleidung, die im 13. Jahrhundert üblich war, damals übliche Schleierformen waren Teil der Ordenstracht und blieben über lange Zeit unverändert. Die Professionalisierung der Krankenpflege im 19. Jahrhundert wurde durch Uniformierung betont, was die damalige Vorliebe für Epauletten, Umhänge, Orden und Abzeichen erklärt. Ab den 1830er-Jahren wurde es üblich, dass Pflegerinnen Rüschenhauben tragen. Dieses Zeichen für die verheiratete Frau wertet die unverheirateten Pflegerinnen auf, nach dem Verständnis der Zeit. Ärzte trugen damals übrigens schwarzen Gehrock, doch schon bald sollte sich das heute selbstverständliche Weiß durchsetzen. Grund dafür: Der Wert von Sauberkeit und Hygiene war erkannt worden, bevorzugt wurden Farben, die sich leicht auskochen ließen (siehe Interview auf dieser Seite). Der Arzt moderner Prägung war ohne Weißkittel unvorstellbar. Bis heuer.

Im Februar 2016 gab ein deutscher Klinikbetreiber bekannt, dass in allen betriebenen Kliniken die langärmligen Arztkittel aus hygienischen Gründen abgeschafft und durch kurzärmlige Kasacks ersetzt werden. Der Klinikbetreiber, der Askepios-Konzern, berief sich dabei auf die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der Weltgesundheitsorganisation. Außerdem wurde eine Studie durchgeführt, in der 65 Prozent der Patienten angaben, sich im Krankenhaus vor der Ansteckung mit einem multiresistenten Keim zu fürchten. „Die Ärzte gehen von Patient zu Patient und untersuchen sie. Der lange Ärmel hat Kontakt zu den Patienten. Die Hände desinfiziert der Arzt, aber er wechselt nicht jedes Mal den Kittel“, erklärte Konzerngeschäftsführer Kai Hankeln die Umstellung.

Neuer Farbcode für die alte Ordnung

Eine Weiterentwicklung, allerdings keine, die Hierarchien umkrempeln würde. Für die Abschaffung musste die Konzernleitung viel Überzeugungsarbeit leisten. „Das ist ein beachtlicher kommunikativer Aufwand“, sagte Hankeln. Jüngeren Medizinern falle der Abschied vom traditionellen Kittel leichter.

„Bei älteren Chefärzten ist das schon eine gewisse Hürde, die sie überspringen müssen.“ Die Verteidiger des althergebrachten Kittels glaubten sogar an einen „Placeboeffekt“. Demnach führt allein die Erscheinung des bis zu den Handgelenken in Weiß gewandeten Arztes dazu, dass sich die Patienten besser fühlen. Dabei wird die Hierarchie in den Asklepios-Kliniken auch künftig an der Kleidung erkennbar sein. Eine komplett weiße Tracht ist den Ärzten vorbehalten. Sie tragen den sogenannten Kasack mit Stehkraken und einer Knopfleiste. Examinierte Schwestern und Pfleger haben zur Unterscheidung einen grau abgesetzten V-Ausschnitt mit grünem Streifen am Revers. Wer noch in der Ausbildung ist, muss eine graue Hose anziehen. Hilfskräfte werden komplett in Grau gekleidet.

Zur Causa Ärmel-Schmutz liegt eine Untersuchung von Dr. Markus Lenski (Neurochirurgische Klinik und Poliklinik, Ludwig Maximilians Universität München) und Prof. Dr. Michael Scherer (Orthpädie und Unfallchirurgie, HELIOS Klinikum Dachau) vor. Ihre Conclusio: „Arztmäntel sind regelhaft bakteriell kontaminiert, in bis zu 29 Prozent mit potenziell pathogenen Erregern wie Staphylococcus aureus. In chirurgischen Disziplinen ist die Keimbelastung des Arztkittels mit pathogenen Erregern höher als in nichtchirurgischen Fachrichtungen. Die Ärmel des Arztkittels waren in unserer Studie im Median hochgradig keimbelastet, der Kasack des Pflegepersonals nur mittelgradig. In diesem Zusammenhang war die Keimbelastung am Arztkittel aber nicht statistisch signifikant erhöht. Die Tragedauer, also die Benutzungsintensität und das Waschintervall, korrelieren mit der bakteriellen Kontamination“. Nach einer Woche Benutzungsdauer werde ein steady state der bakteriellen Last erreicht.

Quelle: Lenski, M. & Scherer, M.A. Orthopäde (2016) 45: 249. doi:10.1007/s00132-016-3226-0, © Springer Berlin Heidelberg

Martin Krenek-Burger

, Ärzte Woche 35/2016

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