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Leben 13. Juni 2016

Operation WM-Titel

Österreichs Ärzte-Auswahl bereitet sich auf einen sportlichen Härtetest vor: die Ärzte-WM in Barcelona.

Sie betreten den Fußballplatz meist nur dann, wenn ein Spieler gefoult wird und ärztliche Hilfe braucht. Ab 9. Juli rennen sie selber dem Ball hinterher. Österreichs Mediziner-Nationalmannschaft reist nach Barcelona, um sich dort, wo sonst Messi und Neymar trainieren, mit den besten Mediziner-Mannschaften der Welt zu messen. Der ehemalige Defensiv-Künstler Dr. Simon Sailer vom LKH Innsbruck weiß: „Gegen uns spielt keiner gern, wir geben nie auf.“

Was macht ein Teammanager nach zwei verlorenen Testspielen? Er macht sich keine Sorgen. Die Rede ist von Dr. Simon Sailer. Der Sekretär der österreichischen Ärzte-Nationalmannschaft ist selbst WM-Veteran, er war u. a. beim Turnier in Südkorea dabei. Platz 5 wurde damals erreicht, die zweitbeste Platzierung eines österreichischen Mediziner-Teams. Dieses Mal wäre das ein großer Erfolg. Soeben haben die kickenden Ärzte bei einem Dreiländerturnier in Tirol gegen Deutschland und Ungarn verloren. Simon Sailers Reaktion: „Das würde ich nicht überbewerten. Die Gegner waren ziemlich stark, die sind im oberen Drittel des internationalen Feldes einzuordnen.“ Parallelen zu ÖFB-Teamchef Marcel Koller sind offenkundig: „Es gibt keinen Grund zu zweifeln“, sagte der nach der Niederlage gegen motivierte Holländer im Prater.

Etwas haben die Mediziner den Profis voraus: Sie haben an jeder Weltmeisterschaft teilgenommen, seit diese Veranstaltung 2006 eingeführt worden ist. Doch es gibt noch andere feine Unterschiede:

• Die Qualifikation: Ein wesentlicher Unterschieds zu Kollers Eleven ist, dass sich Österreichs Ärzte – so wie die Profis anno 2008 bei der Heim-Euro – nicht für ihre Weltmeisterschaft in Spanien qualifizieren mussten. 24 Mediziner-Mannschaften nehmen teil und werden spielen. Stichwort 2008: Während sich die Profis rund um Andreas Ivanschitz unter Wert verkauften, machten die Ärzte-Amateure vor acht Jahren das Optimum aus ihren Möglichkeiten. Sailer: Bei der Ärzte-WM in Litauen verlor man damals das kleine Finale 0:1 gegen Großbritannien, WM-Vierter, die beste Platzierung aller Zeiten. „Das war ein Spiel, das die Engländer dominiert haben. Wir haben uns aufs Verteidigen beschränkt, aber trotzdem war bei unserem Strafraum immer fertig. Das Tor, dass sie geschossen haben, ging leider aus einem abgerissenen Abstoß hervor. Das haben quasi wir ihnen geschossen.“ Heuer zählt man eher nicht zu den Geheimtipps, „wenn, dann ganz geheim“. Das Überstehen der Gruppenphase wäre im Gegensatz zu den Profis eine Überraschung.

• Die Vorbereitung: Erwartungsgemäß sind die Unterschiede enorm. Koller wird sein Team komplett abschirmen, fokussieren, nennt man das im Neusprech. Die ambitionierten Doctores haben nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Vorbereitung, die Spieler sind über ganz Österreich verteilt, manche machen sich nach einem Nachtdienst auf zum Trainingslager, das am Tag des Euro-Krachers Österreich-Portugal startet. „Da müssen wir uns im Wesentlichen darauf beschränken, die Mannschaft richtig einzustellen, taktische Varianten zu trainieren, das physische Training und Balltraining muss jeder selber machen.“ Bei so einem Mediziner-Lehrgang kann es passieren, dass einige Teamspieler die Nacht zum Tag machen, laut Sailer seien die Steirer diesbezüglich umtriebig, „doch die sind talentiert und bringen ihre Leistung“. Die Zeiten strawanzender ÖFB- Kicker ist dagegen lange vorbei.

• Die Müdigkeit, die in den Knochen steckt: Wird bei den Amateuren weniger thematisiert als bei den Profis. Der Trick: Die meisten Ärzte-Spieler reisen vorher mit der Familie an und kombinieren die WM mit einem Urlaub. Lockere Trainingseinheiten während des Turniers sind fix eingeplant.

• Die Analyse: Seit dem Antritt Marcel Kollers 2011 erlebte der österreichische Fußball eine Renaissance, taktisch flexibel und mit einer goldenen Spielergeneration ausgestattet, hat das Nationalteam die Qualifikation geschafft, der wichtigste Schlüsselspieler sei Marc Janko, analysiert ein Sportjournalistenkollektiv im Guardian. Als Schwachpunkt wird die Ersatzbank ausgemacht. Bei den Ärzten ist das so: „Wir haben eine relativ gute Mischung, sind eine ausgewogene Mannschaft, unsere Stärke im Vergleich zum internationalen Feld ist der Kampfgeist. Es spielt niemand gern gegen uns. Man kann uns schlagen, wenn man besser ist, aber leicht ist es nicht.“ Soll heißen: Weltmeister wird Österreich eher nicht.

• Das Spiel ist das Ernste: Amateure wie Profi-Kicker verstehen Fußball nicht als Jogo Bonito, als schönes Spiel, bei dem egal ist, wie es ausgeht. Wer auf dem Platz steht, will gewinnen. „Das ist ganz klar, am Feld, da will jeder gewinne, da gibt es keine Gefangenen.“ Auch teilnehmende südamerikanische Mannschaften kennen kein Pardon.

Austragungsort der Ärzte-Weltmeisterschaft ist das Trainingsgelände des FC Barcelona, oder wie man am Austragungsort sagt: Ciutat Espor- tiva Joan Gamper. Dass Iniesta, Messi, Neymar, Suarez, Rakitic und Ramos normalerweise dort schwitzen, wo Dr. Jara (David) und Dr. Ivanschitz (Martin) bald auflaufen werden, flößt Sailer keine übermäßige Ehrfurcht ein. „Wir haben schon im Olympiastadion von Seoul gespielt.“

Auch das Abspielen der Hymne gehört zur Routine. Große Namen haben die Mediziner selbst in ihren Reihen. Zumindest jener von Dr. David Jara lässt Fußballfans mit der Zunge schnalzen. Der 30-jährige Chirurg aus Schwaz ist der Neffe von Kurt Jara, Teilnehmer der Endrunden in Argentinien 1978 und Spanien 1982. Wie sein Onkel trägt er die Rückennummer 11. Dr. Martin Ivanschitz, der Bruder von US-Legionär Andreas Ivanschitz, der übrigens immer noch zum erweiterten Teamkader gehört, muss die WM in Barcelona verletzungsbedingt auslassen.

Football’s coming home

2010 fand die Weltmeisterschaft in Innsbruck statt. Kommendes Jahr trifft sich die kickende Mediziner-Elite wieder in Österreich, in Salzburg, was Vorbereitung und Anreise erheblich erleichtern wird. Viele Spieler sind in Graz oder in Schwaz tätig. Bei der Heim-WM soll dann auch Mittelfeldturbo Dr. Josef Penninger, im Brotberuf Star-Genetiker, auflaufen. Ein gutes Omen? Dem Leiter des Instituts für molekulare Biotechnologie sagt man einen Zug zum Tor nach.

Termine

Österreichs Ärzte-Kicker testen den Ernstfall: vom 17. bis zum 19. Juni 2016 bei einem Trainingslager in Steyr und bei einem Benefizspiel gegen das Priester-Nationalteam in Laimbach (26. Juni 2016, 13:00). Die „2016 World Medical Football Federation Championchip“ findet vom 9. bis zum 16. Juli in Barcelona statt ( www.wmfc2016.com ). Karrierehöhepunkt für viele ist die Teilnahme an der Heim-WM 2017 in Leogang/Salzburg ( www.wmfc2017.com ). Infos über das Nationalteam finden sie unter www.medicalsoccerteam.at

Martin Burger, Ärzte Woche 24/2016

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