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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 24. Mai 2016

Weit weg und doch zu Hause

Es bedarf nicht viel, um „am Weg“ zu sein.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist der Autor der Zeilen wieder mal am Jakobsweg unterwegs. Dies ist durch ein spezielles drucktechnisches Verfahren möglich, das ich noch nicht ganz durchschaut habe, das es aber ermöglicht, das Geschriebene auch bei meiner Abwesenheit sehen zu können.

Seit ich selbst auch meine Füße entdeckt habe und mir das, was ich meinen Patienten immer geratschlagt habe, zu Herzen genommen habe, nämlich die Füße auch zu benutzen, um stundenlang zu laufen oder tagelang zu gehen, möchte ich diese persönliche jährliche Tradition nicht mehr missen. Nachdem sich die Füße mit Blasen und Schwellungen anfangs noch gegen die Anforderungen gewehrt haben, scheint es mittlerweile auch ihnen schon Spaß zu machen und sie traben brav mit. Da der Jakobsweg zwar in Spanien aufhört, jedoch schon viel weiter östlich beginnt und ein paar Kilometer von meiner Haustüre entfernt verläuft, laufe auch ich heuer von zu Hause aus weg. Das Besondere liegt also im Nicht-Besonderen. Also keine weite Anreise, um den Pilgerweg zu erreichen, sodass der ökologische Fußabdruck nur auf die heimischen Gänseblümchen gesetzt wird. Keine fremden Sprachen, sieht man vom Mostviertler Dialekt ab. Keine fremden Sitten und Gebräuche, man trifft durchwegs auf Alpenländer, die zwar freundlich und weltoffen grüßen, aber im Endeffekt doch lieber unter sich bleiben wollen.

Ob die Route durch Niederösterreich ähnlich beeindruckend ist, wie jene in Spanien, wird sich herausstellen. Immerhin ist der spanische König Felipe weitaus weniger schillernd, als der noch amtierende niederösterreichische König Erwin. Man darf also gespannt sein. Man muss also nicht unbedingt in die Ferne, um etwas zu erleben, braucht die großen Hürden nicht fürchten, die es zu überwinden gilt, sondern befindet sich bereits mit dem ersten Schritt am Weg.

Tatsächlich scheuen sich auch viele Patienten davor, das ärztlich verordnete Maßnahmenpaket zur regelmäßigen Bewegung in Angriff zu nehmen, ohne zu beachten, dass bereits das Aufstehen vom Sofa der erste Schritt von ganz vielen Schritten bedeutet. Auch wenn das Ziel nicht Santiago de Compostela in Spanien, sondern Pizza Mozzarella im Tiefkühlschrank heißt.

Einen Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass er bereits in Bewegung ist, ist motivierender, als eine Person aufzufordern, in Bewegung zu kommen. Das ist einfache Physik. Das Trägheitsgesetz lehrt uns: Wir müssen ein erhebliches Maß an Energie aufwenden, um einen Körper aus der Ruhe zu bringen, es bedarf jedoch keiner Energie, um diesen Körper in gleichförmiger Translation zu halten. So schafft man am Ende des Tages nur deshalb über 30 Kilometer, weil es „von selbst“ läuft und man sich nicht überwinden muss. Das kann man von Dr. Jakob für die ärztliche Praxis lernen. Also statt dem üblichen „Sie sollten sich mal bewegen, Sie fauler Sack!“ ein „Weiter so! Sie haben vom Lift zur Ordinationstür bereits die ersten vier Schritte bravourös absolviert!“ Probieren Sie’s aus. Buen camino!

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