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Schmale Kost: Hauptsächlich Gemüse, Brot, Milch und Käse standen wochentags auf dem Speisezettel.

Mangelnde Hygiene und Körperpflege brachten oft chronische Erkrankungenbei der ländlichen Bevölkerung mit sich.

Glaube als Hilfe in schwierigen Lebenslagen: Andachtsbilder, Rosenkranz und Schutzbriefe als Zeichen der Volksfrömmigkeit.

Arthritis, Geschwüre, Karies: Die gesundheitlichenBeeinträchtigungen des „einfachen Lebens“ warenvielfältig, die medizinische Versorgung schlecht.

 
Leben 3. Mai 2016

Ein karges Leben

Seit 200 Jahren ist das ehemalige Fürsterzbistum Salzburg ein Teil Österreichs. Einblicke in das Leben einer Bergbauernfamilie um 1816 gibt die Sonderausstellung „Hunger, Not und Gottvertrauen!“ im Salzburger Freilichtmuseum in Großgmain.

Mehr schlecht als recht fristete die Familie Grimming auf dem „Lärchenhof“ in St. Martin am Tennengebirge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihr Dasein. Heute befindet sich das Haus, in dem diese Sonderausstellung zu sehen ist, im Bestand des Salzburger Freilichtmuseums.

Es gab sie nie, die so viel beschworene „gute alte Zeit“, wie man sie in romantisierenden Vorstellungen wiederfindet. Die malerischen Darstellungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermitteln oftmals ein Ideal des einfachen ländlichen Lebens. Doch erstrebenswert war dies nur selten, die Lebensumstände in den teils idyllisch gelegenen Bauernhäusern und Almen waren meist hart. Nur unter großen Anstrengungen war das Lebensnotwendige zu erwirtschaften. Dazu kam im Jahr 1816, das den thematischen Aufhänger dieser Sonderausstellung bildet, neben den Spätfolgen der napoleonischen Kriege, die Land und Leuten sehr zugesetzt hatten, das „Jahr ohne Sommer“. Nicht nur beträchtliche Teile des Voralpenlandes wurden von einer Klimakatastrophe schwer in Mitleidenschaft gezogen und auch das Salzburger Land litt darunter.

Der US-amerikanische Klimaforscher William Jackson Humphreys fand um 1920 dafür eine plausible Erklärung. Das andauernde nasskalte Wetter im Jahr 1816 war eine Folge des Ausbruchs des Vulkans Tambora 1815 auf der heute zu Indonesien gehörenden Insel Sumbawa. Dies führte zu einer allgemeinen Abkühlung des Weltklimas und unter anderen in Mitteleuropa auch zu erheblichen Ernteausfällen. Überschwemmungen schmälerten den Ernteertrag, in der Folge gab es zu wenig Mehl und Brot. Das Vieh litt, Kühe, Schafe und Ziegen verhungerten.

Ein schweres Los

Aber auch ohne diese dramatischen Umstände, die das Leben auf dem Land in diesem Jahr beeinträchtigten, hatte man es nicht leicht. Die Kost war karg, Tag ein, Tag aus gab es Mus, einen Brei aus Getreide, manchmal mit ein wenig Schmalz oder auch Knödel. Dazu kamen Obst und Gemüse aus eigenem Anbau sowie Milchprodukte aus eigener Viehhaltung und Getreide, aus welchem das zum Brotbacken benötigte Mehl gemahlen wurde. Fleisch stand hingegen selten auf dem Speisezettel. Gekocht wurde in der „Rauchkuchl“ auf einer offenen Feuerstelle, die oft keinen Abzug hatte. Dieser Raum war auch der einzig beheizte im ganzen Haus. Ein wenig Wärme zog dadurch nach oben in die Schlafkammer des Bauern.

Auch sanitäre Anlagen gab es damals noch keine, man wusch sich gelegentlich mit kaltem Wasser vom Brunnen. Als Abort diente der Stallbereich oder man ging einfach ins Freie. Nach einem langen Arbeitstag, der im Frühjahr und Sommer oft von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang dauerte, ging man früh zu Bett. Im Winter drang manchmal auch Schnee durch schlecht schließende Türen oder die mit Moos abgedichteten Ritzen zwischen den Balken ins Haus. Die Dinge des täglichen Bedarfs mussten selbst in Handarbeit hergestellt werden. Schafwolle wurde gesponnen, Leinen aus Hanf selbst hergestellt, Ledergurte für die Heuernte mussten aus der Tierhaut geschnitten und in aufwendiger, anstrengender Handarbeit geflochten werden.

Das schwere Tagwerk warf nicht viel ab und garantierte so bestenfalls halbwegs ein Auskommen. Von dem Wenigen, was als Überschuss blieb, mussten zudem Abgaben an die Grundherrschaft geleistet werden. Ob die Ernte in einem Jahr, wie jenem 1816, gut oder schlecht war, spielte dabei keine Rolle. Die jährlich eingeforderten Abgaben der Lärchenbauern an den Grundherrn waren im Jahr 1817 erhöht worden und betrugen 1 Gulden, 26 Kreuzer, 3 Denare, des Weiteren 36 Pfund Schmalz (20,16 Kg), 2 Pfund Käse (2, 12 Kg) und 2 Hühner. 1 Metzen Hundshabern (36, 37 l Hafer) für die Haltung der herrschaftlichen Jagdhunde und 2 Metzen Vogthabern (für den Beamten persönlich) sowie 1 Metzen Diensthabern für die Grundherrschaft waren zudem abzuliefern. Trotz allem beklagte man sich nicht darüber, sondern nahm sein Schicksal meist gottergeben an. Die steuerlichen Belastungen durch die Abgaben, die auf dem Erbhof der Grimmings lasteten, führten jedoch dazu, dass der Hof in den 1840er Jahren schließlich verkauft werden musste.

Eingeschränkte Lebensqualität

Ein hohes Alter war unter den kräftezehrenden Umständen selten zu erreichen. Die Kindersterblichkeit war hoch, das Kindbettfieber für die Mütter eine große Gefahr. Die ärztliche Versorgung war dürftig. Eine Bauernfamilie hätte sich diese finanziell auch kaum leisten können. Man vertraute stattdessen auf probate Hausmittel und auf die Heilkraft von Kräutern und ging – wenn es wenig Hoffnung auf Besserung gab – Wallfahrten, um durch die Spende von Votivgaben aus Wachs oder Silberblech Linderung von einem Leiden zu erbitten. Da auf Hygiene kaum geachtet wurde und die Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und ihren Ursachen überwiegend unbekannt blieben, gab es – auch das zeigt diese Ausstellung eindrücklich – eine ganz Reihe von gesundheitlichen Beeinträchtigungen etwa durch Ausschläge, Krätze, Floh- oder Wanzenbisse. Die Kropfbildung bei Männern und Frauen war bis ins 20. Jahrhundert nicht selten.

Diese alltäglichen Lebensumstände werden heutzutage gerne ausgeblendet, wenn es um das authentische Landleben geht. Dabei gab es in einigen abgelegenen Regionen sogar bis in die 1970er Jahre keinen Stromanschluss. Der Abfall wurde nicht zentral gesammelt, sondern meist einfach hinter den Wirtschaftsgebäuden entsorgt. Die Schattenseiten des Landlebens werden und wurden gerne verdrängt. Die Darstellung des täglichen Lebens auf dem Hof der Familie Grimming in dieser Sonderausstellung rückt solche der Wirklichkeit nicht entsprechenden Vorstellungen zurecht.

Ausstellungsdauer: bis 1. November 2016

www.freilichtmuseum.com

Thomas Kahler, Ärzte Woche 18/2016

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