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© Joe Giddens/picture alliance
Umzug aus Anlass des 400. Todestages des Dichters in seiner Heimatstadt Stratford-upon-Avon.
 
Leben 3. Mai 2016

„Ich könnt’ sie retten“

Weltliteratur: In Shakespeares Stücken offenbart sich der Meister als Kenner psychosomatischer Zusammenhänge.

400 Jahre nach dem Tod des Dichterfürsten entdecken Forscher dessen medizinische Kompetenz. Sie meinen sogar, dass die Lektüre helfen kann, körperliche Beschwerden mit psychischen Problemen in Verbindung zu bringen.

Zu diesem Ergebnis kam der britische Mediziner Kenneth Heaton nach einem Vergleich der 42 Hauptwerke des englischen Dichters mit 46 Werken seiner Zeitgenossen. Shakespeare habe eine außergewöhnliche Fähigkeit, psychosomatische Symptome zu erkennen, schrieb Heaton in der britischen Fachzeitschrift Journal of Medical Humanities. Kein anderer Dichter sehe diese Verbindung zwischen körperlichen Problemen und psychischem Stress.

Bei „König Lear“ tritt, ausgelöst durch eine extreme mentale Krise Schwerhörigkeit auf (3. Akt, 5. Szene). „Fluch über euch, Verräter, Mörder, alle! Ich könnt sie retten; nun dahin auf immer!“ – im Original: „A plague upon you, murderous traitors all!“ So schreit der greise eigensinnige Lear seine Verzweiflung hinaus, als er erkennt, dass seine treue Tochter Cordelia tot ist, die Worte seines Freundes, des Earl of Kent („O teurer Herr!“) hört er nicht mehr.

Schockschwerenot

Julia seufzt: „Kalt rieselt matter Schau’r durch meine Adern,/Der fast die Lebenswärm erstarren macht.“ Und das tut sie nicht aus Jux und Tollerei. Kälte und Schwäche seien Zeichen für einen tiefen Schock in „Romeo und Julia“ und auch bei „Julius Caesar“. Das dicke Ende dieses Stücks wurde ebenfalls untersucht, doch davon später mehr.

Was noch? Starke Gefühle, so der Forscher, würden in „Venus und Adonis“ von Atembeschwerden begleitet. Zum Beispiel an dieser Stelle: „Bis atemlos er endlich sich befreit, Und ihrem Durst das sel’ge Nass versagt, Den Purpurmund, in dessen Süßigkeit Sie schwelgt, und dennoch über Dürre klagt.

Trauer oder Leid wie etwa in „Hamlet“, schlagen sich demnach in extremer Müdigkeit nieder. In der 1. Szene des 3. Aufzugs, an jener Stelle also, die Shakespeare-Adoranten auswendig hersagen können („Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: ...“), folgt eine weniger bekannte Passage: „Sterben – schlafen – Nichts weiter! Und zu wissen, dass ein Schlaf/Das Herzweh und die tausend Stöße endet,/Die unsers Fleisches Erbteil, 's ist ein Ziel,/Aufs innigste zu wünschen. Sterben – schlafen –/Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts:/Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,/Wenn wir die irdische Verstrickung lösten,/Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht,/Die Elend lässt zu hohen Jahren kommen.“

Viele Ärzte würden zögern, körperliche Beschwerden mit emotionalen Problemen in Verbindung zu bringen, schrieb Heaton. Dies führe oftmals zu „verspäteten Diagnosen, unnötigen Untersuchungen und unangemessenen Behandlungen“. Mit Shakespeare könnten Mediziner „bessere Ärzte“ werden.

Brutus, auch du? Nein, diese Stelle in „Julius Caesar“ ist medizinisch unergiebig. William Shakespeare lässt Julius Caesar in seinem Drama aber etwas anderes sagen: „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen, die des Nachts gut schlafen.“ Es könnte etwas Wahres dran sein. Wiener Wissenschafter konnten zeigen, dass Übergewichtige und Adipöse in Österreich viel seltener wegen Gewaltdelikten ins Gefängnis kommen. Die Studie ist im Journal of Forensic Sciences erschienen. Cem Ekmekcioglu vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien und seine Co-Autoren ( bit.ly/21fdRkh ) stellten dabei im Titel die Frage: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Body Mass Index und Gewalttätigkeit gegenüber Personen?“

Offenbar, so die Ergebnisse der Wissenschaftler. Sie analysierten die ihnen von den Justizbehörden bei Haftantritt erhobenen und anonymisierten Daten bezüglich des Körpergewichts von 74.809 Gefängnisinsassen in Österreich. „Ausgeschieden haben wir Frauen, ebenso Inhaftierte unter 18 und über 55 Jahren. Insgesamt konnten wir die Body-Mass-Index-Daten von 43.992 Personen für unsere Studie verwenden.“

Kategorisiert wurde nach den Haftgründen: Delikte gegen Leib und Leben, Freiheitsentziehung, Drogendelikte, Raub, Diebstahl, Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Minderjährigen. Die zweite Einteilung erfolgte nach den BMI-Werten: untergewichtig (BMI kleiner 18,5), normalgewichtig ( 18,5 bis 24,9), übergewichtig (25 bis 29,9), adipös (30 bis 34,9) und morbid adipös (größer 35).Die Forscher untersuchten dann, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Angehörigen der verschiedenen Gewichtsklassen wegen der einzelnen Delikte in Gefängnisse kamen. „Deutliche Unterschiede gab es bei den Inhaftierten wegen Verbrechen gegen Leib und Leben“, sagte Ekmekcioglu. So haben Untergewichtige ein um 40 Prozent geringeres Risiko, wegen solcher Delikte in Haft zu kommen. Mit Übergewicht bis hin zu morbider Adipositas sank die Inhaftierungshäufigkeit um 13 Prozent bei Übergewichtigen, bei Adipösen um 40 Prozent.

Zuviel denken ist gefährlich

Shakespeares Caesar machte seine eigene Gefährdung an einem anderen Persönlichkeitsmerkmal fest. „Der Cassius dort hat einen hohlen Blick. Er denkt zu viel: Die Leute sind gefährlich“, heißt es in dem Drama.

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