zur Navigation zum Inhalt
© Georg Zotti
Rekonstruktion der Kreisgrabenanlage Pranhartsberg 2 in Niederösterreich

Visualisierung Cursus2: Computerunterstützte Rekonstruktion einer weiteren monumentalen Anlage in der Nähe von Stonehenge.

© (2) 7reasons_LBI ArchPro

Visualisierung Woodhenge: Rekonstruktion eines Timber Circle, wie er um 2300 v. Chr. ausgesehen haben dürfte

© BDA Fasching St. Pölten

Fundstücke aus der näheren Umgebung von Kreisgrabenanlagen in Niederösterreich, darunter Glockenbecher und Pfeilspitzen

© David Bukach

Verzierte Raute aus dünnem Goldblech aus einem Grabfund vom Bush Barrow bei Stonehenge, University of Birmingham

 
Leben 5. April 2016

Reise in die Vergangenheit

Das Museum für Urgeschichte MAMUZ Museum Mistelbach zeigt eindrucksvoll den kulturellen Zusammenhang der weltbekannten jungsteinzeitlichen Anlagen von Stonehenge mit den Kreisgrabenanlagen im Weinviertel.

Neueste Forschungserkenntnisse bringen Stonehenge in Südengland, als zentraler Teil eines größeren Gesamtkomplexes mit kultischer Bedeutung, und die Kreisgrabenanlagen in Niederösterreichin in Zusammenhang. Die Ausstellung „Stonehenge. Verborgene Landschaft“ spürt dem Phänomen außergewöhnlicher prähistorischer Kultplätze nach.

Die Megalithanlage in Stonehenge muss nicht erst vorgestellt werden: Sie hat als imposantes Monument und Zeugnis neolithischer Kultur Jahrtausende überdauert. Als Zeugnis eines bis heute nicht in allen Einzelheiten bekannten prähistorischen Kultes übt die Anlage eine ungebrochene Faszination aus. In der näheren Umgebung befindet sich eine große Anzahl von Grabhügeln und im Jahr 2014 wurden dort zudem 17 weitere, bislang unbekannte Anlagen entdeckt. Ihr Bezug zu Stonehenge wird seither wissenschaftlich untersucht und erforscht.

Ein unweit davon gelegenes Monument aus der Zeit um etwa 2300 v. Chr. – nämlich Woodhenge – wurde schon früher entdeckt. In acht konzentrischen Kreisen angeordnete Löcher im Boden ließen den Schluss zu, dass es sich hierbei um eine aus Holzstämmen errichtete kultische Anlage handelte. Anders als in Stonehenge blieben jedoch keine auf den ersten Blick sichtbaren Spuren erhalten. Woodhenge und Stonehenge stehen miteinander – soviel ist bislang klar – als Kultplätze in engem Zusammenhang. Ebenso wie die Relikte um Averbury zählen sie zum UNESCO Weltkulturerbe. Sie sind auch Zeichen eines veränderten Bewusstseins, wodurch diese bedeutenden kultisch genutzten Anlagen erst möglich wurden.

Kreisgrabenanlagen in Niederösterreich

In Österreich wurden bereits in den 1960er Jahren bedeutsame und erheblich ältere Anlagen entdeckt. Allerdings sind die in Niederösterreich gefundenen Anlagen aus der mittelneolithischen Epoche – ähnlich wie Woodhenge – nicht sichtbar. Sie wurden erst mit speziellen Messverfahren, wie magnetischen Prospektionen und Luftbilduntersuchungen aufgefunden. Das Überraschende dabei war ihre über das niederösterreichische Weinviertel verstreute große Anzahl. Etwa 50 davon wurden mittlerweile dort lokalisiert und archäologisch bearbeitet, etwa 120 sind insgesamt in Mitteleuropa bekannt.

Für das bloße Auge bleiben die wahrhaft monumentalen Kreisgrabenanlagen jedoch unsichtbar. Erst Verfärbungen des meist landwirtschaftlich genutzten Bodens geben in der Regel Hinweise auf ihre Existenz, Lage und Größe. Die dreifache Kreisgrabenanlage Glaubendorf 2, im Schmidatal gelegen, zählt mit einem Durchmesser von über 100 Metern zu einer der größten bekannten Anlagen in Europa. Drei mächtige, kreisförmig verlaufende Gräben mit fünf Erdbrücken blieben hier erhalten. Erstaunlich dabei ist das Alter dieser Anlagen: Ihre Entstehung lässt sich auf die Zeit zwischen 4800 und 4500 vor Chr. datieren. Sie sind also bedeutend älter als Stonehenge.

Kalenderbauten aus der Jungsteinzeit

Über ihre Bestimmung ist man sich in Expertenkreisen weitgehend einig: Laut dem Archäologen Wolfgang Neubauer und dem Astronomen Georg Zotti von der Universität Wien handelt es sich dabei oftmals tatsächlich um Sonnen- oder auch Sternenkalender. Die notwendigen Belege dafür liefert die Archäoastronomie, also die Erforschung der Gestirnkonstellationen für solch weit zurückliegende Epochen der Menschheitsgeschichte.

Mit Computerunterstützung lässt sich der Sternenhimmel vor 6500 Jahren rekonstruieren und so der Zusammenhang mit der speziellen Ausrichtung dieser Bauten nachweisen. Schon 2005 hat eine Überprüfung durch Wolfgang Neubauer ergeben, dass die Tore der Anlagen auf die Messung von Sommer- und Wintersonnenwende ausgerichtet sind. Nach dem Übergang während des Neolithikums von der Jäger- und Sammlerkultur zur Sesshaftigkeit in Dorfgemeinschaften, wo Ackerbau und Viehzucht als Lebensgrundlage betrieben wurden, war der messbare Verlauf des Jahreskreises von höchster Bedeutung für Aussaat und Ernte. Sesshaft zu werden bedeutete einen höheren Bedarf an Nahrungsmitteln, um die davon abhängige Gemeinschaft zu versorgen.

Die Rückrechnung auf den damaligen Sternenhimmel ergab in einer überwiegenden Anzahl von Fällen, dass die Ausrichtung dieser Kreisgrabenanlagen tatsächlich nach astronomischen Gesichtspunkten erfolgt war. Die Wahl des richtigen Zeitpunktes war für die Aussaat und den Anbau von Feldfrüchten wesentlich und für das Überleben schließlich von höchster Bedeutung. In einem weiteren Schritt rekonstruierte man mittels Computeranimation das, was seit Jahrtausenden nicht mehr sichtbar ist, da die einstigen, aus Holzstämmen errichteten Anlagen in Niederösterreich über diesen enormen Zeitraum hinweg nicht erhalten geblieben sind und deshalb nur mehr schwer auffindbar waren. Mit computerunterstützen Programmen ist es heute möglich, diese Kultbauten virtuell zu rekonstruieren und so einen Eindruck von ihrer Größe und Wirkung zu gewinnen.

Erstmals ist nun durch die Ausstellung „Stonehenge. Verborgene Landschaft“ ein anderer Blick auf die Landschaft des Weinviertels über sehr weite Zeiträume möglich. Die Gegenüberstellung der heimischen Kreisgrabenanlagen mit Stonehenge und seiner bedeutsamen kultischen Bestimmung zeigt, wie wichtig und bedeutsam dieses Erbe ist. Im Rahmen der Ausstellung begibt man sich so auf eine Reise in die Vergangenheit und erfährt eine Menge Wissenswertes über eine Epoche, die auch heute noch viel Unbekanntes birgt.

Stonehenge. Verborgene Landschaft bis 27.11.2016

MAMUZ Museumszentrum Betriebs GmbH, Museum Mistelbach, Waldstraße 44-46, 2130 Mistelbach, www.mamuz.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 14/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben