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Bub oder Mädchen? Wenn Kinder nicht wissen, was sie sind, ist das für die Familie nicht einfach.
 
Leben 5. April 2016

„Mama, in mir drin bin ich ein Mädchen“

Eingesperrt im falschen Körper: Immer öfter gehen Familien mit Transgender-Kindern in der USA mutig an die Öffentlichkeit – allen verletzenden Kommentaren zum Trotz.

Wenn sich ein Kind ein anderes Geschlecht wünscht, braucht es die Unterstützung der Familie, um den langen und schwierigen Weg des Wandels durchstehen zu können und dabei nicht verloren zu gehen, wie es die hohe Suizidrate von Trangender-Kindern zeigt.

Avery ist drei Jahre alt, als er anfängt, sich sehnlichst ein Prinzessinnenkleid zu wünschen. Seine Eltern staunen, zögern, aber kaufen es ihm schließlich. „Eine Phase“, denkt seine Mutter Debi Jackson, eine Republikanerin und konservative Christin aus Kansas City. Aber: Ihr Sohn will das Kleid gar nicht mehr ausziehen.

Avery ist vier Jahre alt, als er seine Mutter bei einem Einkaufsbummel zur Seite nimmt: „Mama, weißt Du eigentlich, dass ich ein Mädchen bin? In mir drin bin ich ein Mädchen.“ Debi Jackson erinnert sich in einer auf Youtube verbreiteten Rede, wie ihr Atem stockte: „Mein Sohn sagte nicht: Ich möchte ein Mädchen sein. Er sagte: Ich bin ein Mädchen.“

Das ist der Moment, der für die Jacksons, bis dahin eine konservative Vorzeigefamilie mit zwei kleinen Söhnen und festem Wertekanon, alles verändert. „Ich wusste am Anfang ja noch nicht einmal, was Transgender überhaupt heißt“, erinnert sich Debi Jackson.

Der Wandel ist vollzogen

Heute ist Avery acht Jahre alt und lebt als Mädchen. Ihre Eltern konsultierten Kinderärzte, Endokrinologen und Psychologen und zogen sich mit ihr schließlich ein Jahr lang zurück, um den Übergang für alle leichter zu machen. Als sie in die Nachbarschaft zurückkehrten, hatte Avery ihre ersehnten langen Haare, jedoch kaum noch Freunde. Auch Freunde der Eltern, sogar Familienmitglieder, zogen sich zurück oder wechselten die Straßenseite. Wenn Avery in ihrem Elfenkostüm unterwegs war, schützte ihre Mutter sie vor dummen Bemerkungen: „Ich sendete tödliche Blicke aus.“

Avery ist eines von zahlreichen Transgender-Kindern, deren Leben noch weit von Normalität und Selbstverständlichkeit entfernt ist – selbst nachdem die Rechte für lesbische, schwule, bisexuelle und Trans-Menschen in den USA weiter ausgebaut wurden und werden. Dies geschieht vor allem durch Entscheidungen des Supreme Courts, wie etwa das Gesetz zur Homo-Ehe 2015.

Bislang haben jedoch erst 19 US-Bundesstaaten plus Washington D.C. und Puerto Rico Trans-Menschen in ihre Anti-Diskriminierungsgesetze mit einbezogen. Aber: Die Betroffenen wagen sich mehr und mehr an die Öffentlichkeit, finden sich in Selbsthilfegruppen und verbinden sich über soziale Netzwerke.

Angefeindet und ausgegrenzt

Davon berichtet auch die Pulitzer-Preisträgerin und Wissenschaftsreporterin Amy Ellis Nutt in ihrem neuen Sachbuch „Becoming Nicole“. Über mehrere Jahre begleitete sie dafür die Familie Maines, die 1997 eineiige Zwillingsjungen adoptierte: Wyatt und Jonas. Doch anders als Jonas, kann Wyatt Piraten und Star-Wars-Figuren wenig abgewinnen. Ein Foto zeigt den stolzen Vierjährigen mit seiner Barbie-Sammlung, er malt Selbstporträts als Mädchen und sieht seinen Penis als störendes Körperteil an.

Wie die Jacksons sind auch die Eltern Wayne und Kelly Maines konservativ. „Am Anfang war ich total aufgebracht. Das war nicht einfach für mich“, erinnert sich der Vater von Nicole, die ehemals Wyatt hieß, am Telefon. Mutter Kelly stellt sich schon im Kindergarten hinter ihren Sohn, der sich als Mädchen fühlt und von den Eltern anderer Kinder zunehmend ausgegrenzt wird. Die Familie muss wegen der Anfeindungen, vor allem von strenggläubigen Christen, schließlich Schulen wechseln und sogar umziehen.

Präzedenzfall geschaffen

Doch Wayne Maines braucht fast zehn Jahre, bis er akzeptiert, dass einer seiner Söhne in Wirklichkeit eine Tochter ist. „Es gab dafür keinen speziellen Moment, es summierte sich auf“, erzählt Maines: „Wenn man sieht, wie sein Kind anfängt, sich selbst zu verletzen. Und wenn man sieht, wie glücklich es ist, wenn es ein Kleid anziehen darf.“ Maines, der öffentliches Aufsehen eigentlich scheut, wird also zum Kämpfer für die Rechte seines Kindes – und erreicht 2014 mit einem wichtigen Musterprozess, dass Kinder wie Nicole die ihrem inneren Geschlecht entsprechende Schultoilette benutzen dürfen.

Heute ist Nicole volljährig, geht zum College und hat jenen letzten Schritt vollzogen, den Avery – wenn sie es denn möchte – noch vor sich hat: Die Operation zur Geschlechtsanpassung, die erst mit 18 Jahren erlaubt ist.

Davor steht für Transgender-Kinder meist ein jahrelanger medizinisch-therapeutischer Prozess. Den Anfang macht die Diagnose einer Gender Dysphorie (Unglücklichsein über das angeborene Geschlecht), die nach Kriterien der Psychiatrischen Fachgesellschaft der USA „nachdrücklich, durchgängig und lange anhaltend“ empfunden werden muss.

Dann wird oft zunächst die äußere Lebensweise verändert, schließlich das Einsetzen der Pubertät durch Hormonblocker verzögert. Nächster Schritt ist die Gabe von Sexualhormonen des erstrebten Geschlechts – junge Trans-Männer bekommen durch Testosteron kantigere Gesichtszüge und männliche Körperbehaarung. Östrogen lässt bei jungen Trans-Frauen Gesichtszüge und Körperformen weicher werden.

Wie aber kommt es zu dem Phänomen? Und warum können sich sogar eineiige Zwillinge mit identischem genetischen Bausatz unterschiedlichen Geschlechtern zugehörig fühlen?

Konservative sind verunsichert

Die Anlage und Entwicklung der Geschlechtsorgane findet beim Embryo zu einem deutlich früheren Zeitpunkt statt als die Ausbildung der Gehirnareale, die für die Geschlechtsidentität wichtig sind. Bildgebende Verfahren haben hier etwas mehr Licht in Aktivierung der jeweiligen Areale gebracht.

Äußere Einwirkungen wie Stresshormone oder Chemikalien könnten in diesen fragilen Phasen jedoch die Synchronisierung von innerem und äußerem Geschlecht beeinflussen, vermuten Ärzte. Möglich sei dabei letztlich auch, dass ein Embryo durch seine Lage in der Gebärmutter mit Hormonen anders versorgt werde als sein Zwilling, beschreibt Amy Ellis Nutt.

Wissenschaftler vermuten, dass die Entwicklung einer Transgenderidentität verschiedene Ursachen hat – und die scharfe Abgrenzung zwischen Mann und Frau wahrscheinlich mehr Grautöne aufweist als oft angenommen.

Diese Vielfalt, die auch Menschen umfasst, die sich gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen, verunsichert in den USA vor allem Konservative. Familien wie die von Avery und Nicole bekommen das zu spüren: Ihre Kinder seien in Wirklichkeit einfach schwul oder lesbisch. Sie seien Kinder von durchgeknallten Liberalen, die Geschlechtsgrenzen nach Lust und Laune setzten oder Sprösslinge von Eltern, die sich verzweifelt ein Kind anderen Geschlechts gewünscht hätten. „Da wollte Mami wohl ein kleines Mädchen ...“, lauten entsprechende Internet-Kommentare.

Immer wieder schaukelt sich auch das Thema Umkleideräume und Toilettenbenutzung hoch. Die Mutter einer Transgender-Tochter antwortet in ihrem Blog einer Frau, die sich um die Sicherheit ihrer eigenen Tochter sorgt: „Macht ein Penis jemanden denn automatisch zum Angreifer? Ich bin sicher, den Vater Ihres Kindes würde eine solche Einschätzung überraschen.“

Daneben werden Betroffene, Aktivisten und auch Beratungsstellen nicht müde zu betonen: „Transgender hat mit sexueller Orientierung nichts zu tun.“ Bei Letzterer gehe es darum, mit wem man ins Bett geht. Bei Ersterem darum, wer man selbst ist.

Im vergangenen Jahr lancierte die „New York Times“ einen eindrucksvollen journalistischen Versuch: Sie öffnete einen Blog-Raum für Geschichten von Trans-Menschen. Bis heute haben dort etwa 350 Betroffene aus ihrem Leben erzählt, anonym oder namentlich, mit Bild oder ohne.

„Familie ist alles“

Nicht wenige berichten von Selbstmordversuchen. Laut einer Statistik unternehmen 41 Prozent der Trans-Menschen in den USA einen solchen Versuch. Die hohe Rate von mehr als 50 Prozent unter Trans-Teenagern ist ein Grund, warum eine frühere äußerliche Anpassung an das innere Geschlecht mittlerweile auch von mehr Fachleuten unterstützt wird. „Als die weibliche Pubertät mich erwischte, wollte ich nur noch, dass das aufhört. Es war die reinste Höllenqual“, berichtet Daniel Koehler in der „New York Times“ .

Auch die Bereitschaft, mehr betroffenen Teenagern kurz vor der Pubertät Hormonblocker zu verabreichen, sei in diesem Zusammenhang begründet, sagt die Therapeutin Stacy Hutton. „Das verschafft ihnen mehr Zeit, bevor ihr Körper diese drastischen Veränderungen durchmacht.“

Die hohe Zahl suizidgefährdeter Teenager ängstigte auch Averys Vater Tom Jackson, als er darüber las. „Meine Frau und ich entschieden, dass wir lieber eine fröhliche, gesunde Tochter haben würden als einen toten Sohn.“ Unterstützung vonseiten der Eltern in dieser doppelten Umbruchphase ist deshalb maßgeblich. „Familie ist alles“, beschreibt die Psychologin Caroline Gibbs aus Kansas City, die viele Trans-Kinder begleitet hat.

Wie weit diese Unterstützung manchmal gehen kann, zeigt die Geschichte der beiden Trans-Teenager Katie und Arin, die sich nach ihrer Transition ineinander verliebten und einige Zeit zusammen waren. Katies Mutter brachte die beiden 17- und 18-Jährigen zusammen, nachdem sie Arin kennengelernt hatte. „Wer in aller Welt könnte besser verstehen, was Katie fühlt und was sie durchgemacht hat?“, sagte die Mutter im Fernsehsender abc.

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