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© Akademie der bildenden Künste Wien, Kupferstichkabinett
Katholisch geprägte Romantik als Gegenentwurf zum Klassizismus: Moritz von Schwind – Kaiser Maximilian I. in der Martinswand, 1839
© bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Die Entdeckung der Landschaft als eines der Leitmotive der Romantik: Carl Blechen – Bau der Teufelsbrücke, um 1830

© Albertina, Wien

Die drängende Macht des Unbewussten als Kennzeichen der Romantik: Johann Heinrich Füssli d. J. – „The Shepherd’s Dream“, 1786

© bpk/Museumd.bild.Künste, Leipzig/Bertram Kober

Ein sehnsuchtsvoller Blick in die Ferne: Caspar David Friedrich – Die Lebensstufen, um 1834

 
Leben 30. November 2015

Romantische Vorstellungen

Die Albertina widmet sich in Kooperation mit dem Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste in Wien unterschiedlichen Aspekten der Epoche der Romantik.

An der Wende zum 19. Jahrhundert hat die Romantik die europäische Geistesgeschichte tiefgreifend beeinflusst. Die Ausstellung „Welten der Romantik“ in der Albertina in Wien spürt den damit verbundenen Ausdrucksformen in der bildenden Kunst nach.

Der Begriff Romantik als Bezeichnung einer Epoche an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert umfasst mehrere thematische Ebenen, die zeitlich teils parallel verlaufen. In Musik, Literatur und bildender Kunst kennzeichnet die Romantik die Ablösung von der Klassik und leitet eine Zeit des Umbruchs und der Neuordnung ein. Mit dem Ende des absolutistischen Ständestaats und dem Einsetzen der Aufklärung ergaben sich tiefgreifende macht- und gesellschaftspolitische Veränderungen. Mit einem Mal rückte der Einzelne als selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Wesen in den Mittelpunkt, die damit verbundene Irritation und Selbsterkenntnis inbegriffen, welche am Beginn des bürgerlichen Zeitalters stand. Damals endete auch die Macht der Zünfte, jene der Kirche wurde durch die mit der Aufklärung einhergehende Säkularisierung vorübergehend in ihrem Einfluss beschnitten.

Romantik als Gegenbewegung

In der Zeit der Regentschaft Napoleon Bonapartes und im Zuge der nach den napoleonischen Feldzügen besetzten Gebiete erlangten wichtige Reformen dort bleibende Gültigkeit. Die bis dahin herrschende Ordnung war mit einem Mal weggefegt, zahlreiche unabhängige Fürstentümer verloren – wie etwa das Fürsterzbistum Salzburg – ihre Unabhängigkeit. Die Romantik wurde von der Reaktion auf die sich neu anbahnenden Umstände geprägt und bildete so eine Gegenströmung zu Aufklärung und Klassizismus.

Wesentlich daran war ein Zug weg vom Rationalen, hin zu einer gefühlsbetonten, von Intuition geprägten Empfindsamkeit. Dort, wo Erklärungs- und Deutungsversuche philosophischer Natur nur mehr bedingt weiter halfen, nahm man Zuflucht bei der Metaphysik, sollte zudem das Künstlerische Antworten geben. Dieses Dilemma, in dem sich der moderne Mensch in der Epoche der Romantik befand, artikulierte Mary Wollstonecraft Shelley (1797 – 1851) in dem zu den Klassikern der Gothic Novel gehörenden Werk „Frankenstein; or, The Modern Prometheus“, erschienen 1818 in London. Die Frage nach der eigenen Existenz, Selbstbestimmung und Verantwortung sind die zentralen, beherrschenden Themen dieses klassischen Schauerromans.

Die Selbstreflexion des Menschen als humanistisch geprägtes Wesen und ein Blick in die Abgründe menschlichen Seins kennzeichnet die Epoche der Romantik. Die thematisch höchst unterschiedlich gelagerten Werke von E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine, Novalis, August Wilhelm Schlegel, aber auch des Amerikaners Edgar Allen Poe sind für diese Phase des Übergangs, die in der Literatur, der bildenden Kunst und der Musik Werke von ganz besonderer Sensibilität hervorgebracht hat, charakteristisch.

Die reichgestalteten graphischen Arbeiten Philipp Otto Runges und die Werke Füsslis deuten zudem die Macht des Unterbewusstseins an und das Spannungsverhältnis, in dem Phantasie und Wirklichkeit zueinander stehen. Zugleich aber trägt die Romantik verklärende Züge, die das klassische Ideal und damit eine Rückschau auf ein idealisiertes Verständnis der Antike propagieren. Erhabenheit wird früheren Epochen zugerechnet und in idealisierter Form interpretiert. Zum anderen prägen Volksliedsammlungen und Volkstänze sowie die kommentierte Märchensammlung der Brüder Grimm die Romantik und damit schlussendlich auch das aufkeimende nationale Empfinden.

Über die eigene Vergänglichkeit

Die Epoche der Romantik ist nicht nur voller ahnungsvoller Intuition, sie trägt in ihren Grundzügen auch eine klar definierte christliche Weltanschauung in sich. In den Werken Caspar David Friedrichs ist der Mensch in seiner Existenz an einem Wendepunkt dargestellt, sein Verhältnis zur Natur weist auf die eigene Vergänglichkeit. Verlassene Orte und Ruinen wurden zu Orten der Sehnsucht, an denen Architektur und Natur als gegensätzliches Paar aufeinandertreffen.

Das Ausstellungskonzept in der Albertina thematisiert zudem den Gegensatz der protestantisch norddeutschen und der katholischen Romantik. Als wichtige Künstlergruppe der Romantik gilt der 1809 in Wien gegründete Lukasbund, dessen Mitglieder zunächst aus einem protestantischen Umfeld kamen. Als Konvertiten in Rom bildeten sie schließlich die Künstlergruppe der Nazarener, deren Kunst ganz im Zeichen des Katholizismus stand. Das Programm der Nazarener war – anders als etwa in der Literatur und der Musik dieser Zeit, die teils von volkstümlichen Einflüssen mitbestimmt wurden, in erster Linie antiaufklärerisch. Die Vorbilder dieser Kunst, die sich ganz und gar den religiösen Themen widmete, finden sich in der Renaissance und deren altmeisterlichem Stil. Und doch trägt sie auch einen Zug der Verweigerung in sich, da man sich mit den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten, wie sie in der Zeit des Vormärz im metternich‘schen Wien herrschten, nicht abfinden wollte.

Entdeckung der Landschaft

Geprägt wird die Romantik aber auch von einem bewussten Erleben der Natur und der Entdeckung der alpinen Berglandschaft. Was bislang als kaum überwindliche Barriere galt, rückte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt des Interesses. Majestätische Bergwelten und die Fragilität der eigenen Existenz traten erstmals in einen wichtigen und wesentlichen Zusammenhang. In der bildenden Kunst wurden diese wild-schönen Naturszenarien nicht mehr nur idealisiert, sondern dem Naturvorbild entsprechend wiedergegeben. Zugleich eroberte der Mensch diese bislang unkultivierten Bereiche. Bald schon waren viele der undurchdringlichen Wälder und unzugänglichen Rückzugsgebiete urbar gemacht und taugten somit nicht mehr als Orte romantischen Empfindens.

Ausstellung läuft bis 21. Februar 2016; www.albertina.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 49/2015

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