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© (2) Martin Burger
Terroranschlag in Paris. Brennpunkt der österreichischen Anteilnahme war die französische Botschaft am Schwarzenbergplatz in Wien.
 
Leben 20. November 2015

Zustände wie im Krieg

Nach dem Terroranschlag in Paris konnten Ärzte viele Menschenleben retten, weil das vor Jahren entwickelte Rettungssystem für Notfälle gut funktionierte.

Man kann Katastrophenszenarien üben, wie viel man will, ob sie im Ernstfall dann funktionieren, lässt sich nicht vorhersagen. Wohl ist Frankreich, insbesondere Paris, in der Vergangenheit immer wieder von Terror betroffen gewesen, doch die Nacht vom 13. auf den 14. November war ein Höhepunkt der bisherigen Terrorwelle. Dabei lässt sich sagen, dass der Katastrophenschutz funktionierte – auch dank der Solidarität der französischen Ärzte.

Der 13. November hätte in Frankreich eigentlich der Tag der Ärzte sein sollen: An diesem Freitag haben 70 bis 80 Prozent aller niedergelassenen Ärzte gestreikt. Viele von ihnen waren gut gelaunt und kampfesfroh in ihren Heimatstädten unterwegs, um gegen die geplante Gesundheitsreform der Regierung zu protestieren. Am Abend konnten sich die beteiligten Ärzteverbände noch über den medialen Erfolg dieser Aktion freuen. Doch dann erschütterten die ersten Schüssen der Terroristen plötzlich Paris – und der Kampf der Ärzte wurde schlagartig zur Nebensache.

Nach dem Chaos der ersten Minuten waren gleich hunderte von Rettern im Einsatz, um Erste Hilfe zu leisten. Die Situation war vollkommen unübersichtlich. Inzwischen gibt es klare Zahlen.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

129 Menschen starben direkt in der Terrornacht, es gab mehr als 350 Verletzte, an die 100 schweben noch in akuter Lebensgefahr. Sie alle wurden so rasch wie möglich in die Krankenhäuser der Hauptstadt transportiert. Die Hauptstadt Frankreichs bleibt im Ausnahmezustand.

Viele große Krankenhäuser befinden sich in unmittelbarer Nähe der Anschlagsorte. Dort wurden die Opfer von Ärzten stundenlang operiert. Auch am Wochenende ging die Arbeit weiter. Not- und Krankenhausärzte haben in der Öffentlichkeit den Begriff der „Kriegschirurgie“ verwendet und über schlimmste Verletzungen. berichtet. Unterstützt wurden sie von freiwilligen Ärzten, darunter vielen Niedergelassenen, die sich unmittelbar nach den Anschlägen meldeten und sofort in die Behandlungsabläufe integriert wurden.

Paris verdankt seine notfallmedizinische Organisation dem sogenannten „weißen Plan“. Er wurde als Folge von islamistischen Attentatswellen entwickelt, die Paris schon 1986 und 1995 erschüttert hatten – jedoch mit deutlich weniger Opfern als am vergangenen Freitag. Die Logistik funktionierte. Die Rettungsdienste konnten sehr schnell die Anschlagsorte erreichen, unterstützt von Rettungsmannschaften aus anderer Regionen, die per Hubschrauber eingeflogen wurden. Parallel dazu wurde das benötigte Krankenhauspersonal zurück zum Dienst gerufen. Viele kamen auch aus eigenem Antrieb.

Der weiße Plan erwies sich als Volltreffer. Das bestätigten auch die Leiter der Notdienste. Viele Menschen seien nur deshalb gerettet worden, weil die Logistik funktionierte. Dazu gehörte auch die Solidarität der Pariser Bürger – hunderte von ihnen standen stundenlang Schlange, um Blut für die Opfer zu spenden.

Am Samstag haben sich in den Medien die Notdienst-Chefärzte der Pariser Krankenhäuser bei allen Ärzte bedankt, die aus eigener Initiative direkt gekommen waren. Hervorragend seien die Solidarität und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen gewesen, die sich zum Teil nie im Leben vorher gesehen hätten. Über die Dramatik der Situation ließen die Chefärzte keinen Zweifel: „Es war eine Albtraumnacht mit Verhältnissen wie im Krieg.“

Niedergelassene Ärzte, die ursprünglich ihre Streikaktionen auch am Wochenende fortsetzen wollten, haben den Protest erst einmal gestoppt. Auch wenn sie nicht direkt in die Behandlung der akut Verletzten einbezogen sind, so wissen sie durchaus, dass in den kommenden Wochen viele herausfordernde Aufgaben auf sie warten.

Ärzte sind keine Sozialarbeiter

Die Terroranschläge haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Es wird in den Praxen darum gehen, geschockte und psychisch leidende Angehörige zu versorgen. Die Ängste der Bevölkerung sind groß – ein Problem, das schon nach den Anschlägen gegen „Charlie Hebdo“ viele Ärzte in ihrem Arbeitsalltag immer wieder beschäftigte. Diesmal wird die Aufgabe zweifelsohne noch größer – und das ganze Ausmaß ist noch nicht einmal im Ansatz abzusehen.

Viele Ärzte arbeiten in Vierteln mit hohen Ausländerquoten, dazu gehören auch Stadtbereiche, in denen Salafisten wohnen, die als Patienten in Arztpraxen versorgt werden. Nach den Jänner-Anschlägen haben Ärzte deutlich gemacht, wie wichtig es sei, sich für den Dialog zwischen allen Bevölkerungsgruppen einzusetzen. Ihre Botschaft: Ärzte sind keine Sozialarbeiter, aber ein guter Arzt kann mit Empathie, Reden und geduldigem Zuhören dazu beitragen, dass sich vor allem jungen, gefährdeten Patienten nicht radikalisieren. Diese Aufgabe bleibt eine große Herausforderung.

Innerärztliche Diskussion

Beim aktuellen Thema Flüchtlinge hingegen haben sich Frankreichs Ärzte zurückgehalten und kaum positioniert. Zwar gibt es durchaus ein Engagement in humanitären Hilfsorganisationen, aber klar ist: Sollte einer der Attentäter einen Flüchtlingshintergrund haben, wird das die innerärztliche Diskussion in Frankreich nicht einfacher machen.ÄZ

Denis Durand de Bousingen, Ärzte Woche 47/2015

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