zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 21. September 2015

Bettruhe für die Wissenschaft

In der Weltraumforschung wird ein neues Gerät getestet, das mit einem kurzen intensiven Training den Muskelabbau verhindern soll.

Zwölf gesunde Männer werden die Auswirkungen der Schwerelosigkeit im All testen – acht Wochen lang im Bett. Die Ergebnisse könnten auch für die Medizin interessant sein.

Für eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur ESA durchgeführt wird, dürfen die Probanden sich noch nicht einmal aufrichten – weder zum Essen noch zum Waschen. Wie bei den Astronauten werden Muskeln und Knochen der unteren Körperhälfte abbauen. Untersucht werden auch Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Herz-Kreislaufsystem, Gleichgewicht, Augen oder Nervensystem. Die Betten sind leicht zum Kopf hin geneigt, damit die Körperflüssigkeiten wie in der Schwerelosigkeit Richtung Oberkörper gehen.

Neues Gerät im Test

Was das im Einzelfall bedeuten wird, machte das DLR am Beispiel eines Ergotherapeuten deutlich, der an der Studie teilnimmt: Die Knochendichte an Beinen und Hüften werde etwa um zwei bis vier Prozent abnehmen. Muskeln in Beinen und Rücken werden abbauen – am stärksten der Wadenmuskel mit bis zu 25 Prozent. Die Wissenschaftler wollen testen, ob ein intensives Training – natürlich auch im Liegen – an einem neuen Gerät gegen den Schwund effektiver ist als herkömmliche Verfahren. Dafür wird die Hälfte der Probanden trainieren, die Vergleichsgruppe nicht.

„Ein kurzes knackiges Training mit einem starken muskulären Reiz - das gibt es im All noch nicht“, sagte Studienleiter Edwin Mulder vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin. Bis jetzt müssen Astronauten an Bord der internationalen Raumstation ISS zwei Stunden am Tag gegen den Schwund trainieren. Die Testpersonen liegen in der DLR-Forschungseinrichtung „envihab“ in Einzelzimmern mit einheitlich geregelter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Sie dürfen zwar keinen Besuch bekommen, aber mit Handy und Internet Kontakt zur Außenwelt halten.

Nach der Studie kommen die Teilnehmer in eine Reha-Maßnahme, um wieder Knochen und Muskeln aufzubauen. Bekannt ist, dass der Knochenabbau wieder vollständig reversibel ist, allerdings dauert es länger, bis der ursprüngliche Zustand erreicht ist – und diesen Mechanismus wollen die Wissenschaftler besser verstehen.

Es ist nicht die erste Weltraum-Forschungsmission, für die Teilnehmer lange unter extremen Bedingungen verharren müssen: Von Juni 2010 bis November 2011 ließen sich sechs Freiwillige für 520 Tage in einer engen Raumkapsel einschließen, um einen Flug zum Mars in Echtzeit zu simulieren. Die Mission „Mars 500“ lief unter der Regie der ESA und der russischen Weltraumagentur Roskosmos in Moskau und gilt als bisher längstes Isolationsexperiment der Weltraumwissenschaft.

Ein ähnliches, aber wesentlich kürzeres Experiment lief bereits 2009: Damals hatten sich sechs Männer für 105 Tage in eine Weltraumkapsel einschließen lassen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben