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Leben 28. Juni 2015

Plazenta-Essen gegen Depression

Lindert der Verzehr des Mutterkuchens postpartalen Probleme?

Ein kurioser Trend findet offenbar immer mehr Anhänger: das Verspeisen der Plazenta. Es soll frischgebackene Mütter vor Depressionen schützen. Belegbar ist das nicht. Vielen schmeckt es trotzdem, denn im Web wimmelt es von Rezepten.

Über den Nutzen der Plazentophagie kursieren eine Reihe von Berichten. Der Verzehr des Mutterkuchens soll demnach Mütter vor postpartaler Depression schützen, Schmerzen lindern und die Milchproduktion ankurbeln. Blutungen nach der Geburt verringern sich angeblich, die Gebärmutter soll sich rascher erholen, die Bindung zum Kind sich verbessern und das Immunsystem einen Schub erhalten, von den Wirkungen auf Haut und Schönheit zu schweigen.

Die Psychiaterin Crystal Clark von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago hat der Plazentophagie eine Studie gewidmet (Arch Womens Ment Health 2015, online 4. Juni) . Sie war aufmerksam geworden, nachdem einige schwangere Patientinnen sie gefragt hatten, ob der Plazentaverzehr mit der antidepressiven Medikation wechselwirken würde. Daraufhin fragte sie andere Patientinnen gezielt nach dieser Praxis und war laut eigener Aussage überrascht, wie verbreitet sie ist. Zusammen mit Cynthia Coyle sowie weiteren Kolleginnen unternahm Clark eine Literaturrecherche und stieß auf zehn brauchbare Artikel.

Nach der Auswertung der Daten wussten die Forscherinnen, dass sie nichts wussten. Denn schmerzlindernde Effekte des Plazentaverzehrs waren nicht an Menschen untersucht worden. Und die Daten zur erleichterten Uteruskontraktion, rascheren Normalisierung des Östrogenzyklus und zur Milchproduktion waren nicht schlüssig.

Enthält auch Bakterien, Quecksilber und Blei

Zusammenfassend stellten Clark und Kolleginnen fest: „Der gesundheitliche Nutzen und die Risiken der Plazentophagie erfordern weitere Untersuchungen.“ Schließlich enthält die Plazenta nicht nur vermeintlich nützliche Hormone. In der natürlichen Barriere zum kindlichen Kreislauf sind in früheren Studien schon Viren und Bakterien sowie Cadmium, Quecksilber und Blei gefunden worden.

Wenig überraschend, bietet das Web Plazentophagen einen reich gedeckten Tisch mit Angeboten. Man kann den Mutterkuchen zu Kapseln oder Globuli verarbeiten lassen, es existieren aber auch klassische Kochrezepte wie etwa Plazenta mit Brokkoli („Vergesst bloß nicht den viertel Löffel Thymian! Der ist ganz wichtig! Sonst ist die Plazenta zu dominant im Geschmack!“) oder Plazenta-Lasagne („der Klassiker“). Bisweilen wird zur Plazentaparty geladen.

Der Trend zur Plazentophagie mag dadurch mitbedingt sein, dass sich in den vergangenen Jahren einige Prominente als Plazentaesser offenbart haben. Darunter war auch Tom Cruise. Zwar steht nicht fest, ob er seiner Ankündigung eine Mahlzeit folgen ließ. Von einer Wochenbettdepression und postpartalen Blutungen dürfte er in jedem Fall verschont geblieben sein.

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