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Von Dr. Ronny Tekal Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 8. Juni 2015

Die Quadratur des Greises

Betagte Patienten stellen eine große Herausforderung dar.

Wie lässt sich ein bockiger Patient in ein von einer Fachgesellschaft empfohlenes Therapieschema hineinpressen? Diese Frage stellen sich nicht die Fachgesellschaften, die normalerweise auch weniger die Bockigen, denn die Schemata im Auge haben, sondern eher all jene Kollegen, die ihre betagten Patienten in der Praxis am neuesten Stand der Wissenschaft behandeln wollen. „Neu“ bedeutet aber auch „anders“ als bisher. Und je betagter ein Patient, desto weniger wird dieses „anders“ geschätzt.

„Das hat der alte Doktor aber ganz anders gemacht!“; „Für mich zahlt es sich nicht mehr aus, eine neue Packung aufzureißen“; „In Ihrem Alter haben wir noch was arbeiten müssen!“ So stehen viele Ärzte vor dem Problem der Quadratur des Greises, denn die medizinisch erforderliche Polymedikation endet zumeist in einer Compliance, die gegen Null geht.

Welche Versprechungen kann man einem 105-Jährigen machen, um sie zu motivieren? 110 zu werden? Mit 115 Leberwerte, wie ein 114-Jähriger zu haben? Einen täglichen Hausbesuch bis zum Lebensende auf Basis der Leibrente?

Zwar ist die Geriatrie mittlerweile ein eigenes Fachgebiet, die eigene Klientel dieses Fachgebietes findet sich jedoch ubiquitär im gesamten medizinischen Betrieb. So stellt der Sonderfall der sehr, sehr, sehr betagten Patienten im echten Leben die Normalität dar. Doch gerade diese sehr, sehr, sehr betagten Patienten werden gerne aus den klinischen Studien aussortiert, da Studiendesigner das Wort „sehr“ scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Vielmehr testet man die neuen Substanzen in der Regel an uralten Menschen im Alter zwischen 60 und 65, die über eine Bärenkonstitution verfügen, sodass sie die Studie auch überleben. Das bedeutet aber auch, dass oft erst in der Praxis die Konstitution der fragilen Mütterchen und Väterchen auf ihre Belastbarkeit getestet wird, was der Zielgruppe nur mäßig gefällt und sie noch bockiger macht.

Hinzu kommt, dass der durchschnittliche Mediziner seinen betagten Patienten in punkto Lebenserfahrung nicht annähernd das Wasser reichen kann. Sie haben längst begriffen, dass ein ungesunder Lebenswandel, ein paar Weltkriege, mehr oder minder bedrohliche Schweinegrippen und Gurkenkeime sie nicht davon abgehalten hat, alt zu werden. Damit sehen sie die Sache mit den „unbedingt nötigen Behandlungen“ etwas gelassener. Vielleicht sollten wir von den Älteren eher diese Gelassenheit lernen, als sie von unserer Ungelassenheit überzeugen zu wollen. Denn irgendwas müssen sie ja bis dahin richtig gemacht haben.

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