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Leben 20. Mai 2015

Wie lebt es sich in China?

Die große Angst vor Krankheiten und neue Erfahrungen mit Smog – Teil 1.

Drei Monate lang lebt die Redakteurin der deutschen „Ärzte Zeitung“ in Peking. Von dort aus berichtet sie, mit dem Gesundheitsaspekt im Auge, wöchentlich aus dem Reich der Mitte. Diesmal: Was Chinesen so alles tun, um sich vor Krankheiten zu schützen und wie einem der Smog den Atem raubt.

Da bin ich nun also: Rund 8.000 Kilometer gen Osten, in meiner neuen Wohnung im Herzen Pekings. Dass dies nicht nur ein Urlaub ist, sondern ich als Stipendiatin des Programms „Medienbotschafter“ der Robert Bosch Stiftung und Redakteurin der deutschen Ärzte Zeitung hier leben und arbeiten werde, habe ich vermutlich noch nicht ganz realisiert. Wohl fühle ich mich nach den ersten Tagen jedoch – auch wenn die Stadt ungewohnt laut, hektisch und groß ist und die Ankunft bereits allerhand Unerwartetes mit sich gebracht hat.

„Leiden Sie unter Fieber, Husten, Halsschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Atemnot, Geschlechts- oder anderen Krankheiten, so bitten wir Sie, sich unverzüglich bei der Crew zu melden.“ Noch vor der eigentlichen Einreise nach China wurde im Flieger klar, wie sehr sich das Reich der Mitte vor Krankheiten von außen schützen will.

Sind Sie krank?

Dabei hatte die Regierung bereits auf dem Visumsantrag nach dem Leiden an einer „schweren Geisteskrankheit, infektiösen Lungentuberkulose oder anderen Infektionskrankheiten, die der öffentlichen Gesundheit schaden können“ gefragt.

Am internationalen Flughafen der Hauptstadt wurden die Passagiere dann noch einmal per Wärmebildkamera inspiziert. Die Temperaturmessung bei der Ankunft existiert seit 2003, als Peking extrem unter der SARS-Epidemie litt, die sich international rasant ausbreitete. Zum Schutz vor Ebola hatten jüngst zwar auch die USA und einige europäische Länder Temperaturmessungen an den größten Flughäfen eingeführt. Peking allerdings soll weltweit der einzige Flughafen sein, bei dem diese Maßnahmen, seit nunmehr über zehn Jahren, durchgängig gelten. Da konnte ich also von Glück reden, dass sich die Erkältung, die sich wenige Tage vor dem Abflug anbahnte, pünktlich zur Einreise verzogen hat!

Nachdem all die Kontrollen problemlos passiert waren, konnte ich meine neue Wohnung beziehen. Diese ist äußerst zentral gelegen: Chinas Hauptstadt ist in Ringstraßen aufgebaut; der erste, also innere Ring ist die frühere Stadtmauer, hier liegt etwa das berühmte Tian’an Men (Tor des Himmlischen Friedens) mit dem gleichnamigen Platz. Über die Jahre hinweg ist die Stadt über fünf Ringstraßen hinaus gewachsen.

Die Älteren machen Tai Chi

Meine Wohnung liegt am zweiten Ring, und meine Nachbarschaft vereint zwei faszinierende chinesische Aspekte: Moderne Hochhäuser auf der einen, die traditionellen, einstöckigen Häuschen der Pekinger Altstadt auf der anderen Seite der Straße.

Vor unserem Haus ist immer Leben: Da putzt der Fahrrad-Riksha-Fahrer bei Sonnenschein sein Gefährt, hier halten zwei Chinesinnen einen Plausch, und gegenüber liefert ein alter Mann auf seinem Karren noch mehr Steine für die Baustelle an. Im Innenhof treffen sich die Senioren des Wohnblocks regelmäßig, um gemeinsam ihre Runden zu laufen oder sich mit den sanften Bewegungen des Tai Chis fit zu halten. Gesundheitspflege spielt bei der älteren Generation eine große Rolle.

Dass ich von meinen neuen Nachbarn noch viel lernen kann und hier – in meiner neuen, temporären Heimat – allerhand erleben werde, daran besteht kein Zweifel…

Dicke Luft in Peking

In meiner zweiten Woche habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Smog gemacht. Nach meinen ersten durchgängig klaren, von blauem Himmel und Sonnenschein geprägten Tagen hat er sich wie eine Glocke über die Stadt gelegt und das Atmen erschwert.

Gefühlt kam plötzlich nur noch ein Bruchteil der Luft in den Lungen an, und die Sicht war von einem grauen Schleier verhangen. Auch wenn ich in Deutschland viel über die Luftverschmutzung in China gelesen habe, so kann man sich doch nur schwer vorstellen, wie es auf einmal ist, wenn die Luft – das alltäglichste, notwendigste Medium schlechthin – auf einmal zum Mittelpunkt der Gedanken wird. Schon nach dem Aufstehen prüfen meine deutschen Kollegen und ich per Internetradar an vielen Tagen die Luftqualität; die Überlegung, einen Mundschutz zu tragen, ist omnipräsent (auch wenn ich es bisher noch nicht getan habe). Die Laufschuhe habe ich bisher noch nicht ausgepackt, weil doch zu oft von Sport an der „frischen Luft“ abgeraten wird.

Für viele Chinesen aber ist der Smog kein Thema, sie „haben sich daran gewöhnt“. Auch wenn sich der Körper natürlich nie an die Belastung, die die Verschmutzung mit sich bringt, gewöhnen kann.

„Paris ringt um Luft“

In Europa gehen wir daher sehr sensibel mit der Feinstaubbelastung um. „Paris ringt um Luft“ titelten vergangenen Monat einige Medien. Die französische Hauptstadt kämpfte da kurze Zeit gegen den Smog: Vorübergehend durften sogar nur Autos mit ungeradem Nummernschild nach Paris. Das traurigerweise Kuriose: Während Paris bei Feinstaubkonzentrationen von maximal 180 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft röchelte, gelten diese Werte – obwohl die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dabei bereits bei Weitem überschritten ist – hierzulande als normal. Und das, obwohl lediglich eine Zahl zwischen 0 und 50 mg/m3 eine exzellente Luftqualität anzeigt, spätestens bei 300 mg/m3 wird es laut WHO gefährlich für die menschliche Gesundheit. Bereits bei niedrigeren Werten können Gefahren für Asthmatiker, alte Menschen oder Kinder bestehen.

In Peking haben wir in den vergangenen Tagen einen Höchstwert von 648 mg/m3 gemessen – und damit sind alleine die sogenannten PM 2,5-Teilchen gemeint. Diese als Feinstaub bezeichnete Staubfraktion enthält zu 50 Prozent Teilchen mit einem Durchmesser von 2,5 mm, einen höheren Anteil kleinerer Teilchen und einen niedrigeren Anteil größerer Teilchen.

PM 2,5 ist eine Teilmenge von den sogenannten PM 10. Bezieht man diese mit ein, lagen wir nach einem Sandsturm, der am Mittwochabend zusätzlich zur ohnehin schon hohen Luftverschmutzung noch allerhand Sand aus der Inneren Mongolei durch Pekings Straßen gepeitscht hat, sogar bei 895 mg/m3. Dunkelrote Werte!

Regen und Wind

Hoffnung bringen dabei Regen und Wind – zwei Wettermeldungen, die ich sonst nur ungern höre. Doch während Ersteres hier relativ selten zu einer Reinigung der Luft führt, ist es relativ häufig der Wind, der den Smog vertreibt. Dann haben wir sogar wieder richtig schöne, von Sonnenschein geprägte Frühlingstage – wie nach meiner Ankunft. Zeit zum Aufatmen!ÄZ

Jana Kötter , Ärzte Woche 20/2015

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