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Leben 29. April 2015

Der gläserne Mutterleib

Bei der Empfängnis liegen Buben und Mädchen gleichauf, auf die Welt kommen aber mehr Buben.

US-Forscher haben den Grund für das Ungleichgewicht der Geschlechter herausgefunden: eine höhere Mortalität weiblicher Embryonen und Feten.

Heute vor genau 50 Jahren schmökern werdende Mütter und Väter im LIFE Magazine. Die Titelgeschichte „Drama of Life before Birth“ zeigt die ersten Bilder von Embryonen und Föten im Mutterleib. 50 Jahre danach arbeiten sich Forscher immer noch am „Wunder Leben“ ab: So ist erst seit Kurzem klar, warum mehr Buben als Mädchen zur Welt kommen. So kamen 2013 Österreich 40.953 Buben zur Welt, aber nur 38.377 Mädchen.

Nach den Daten eines Forscherteams um Steven Orzack aus Cambridge (USA) ist bei der Empfängnis das Geschlechterverhältnis noch ausgeglichen, zum Schluss erblicken etwas mehr Burschen als Mädchen das Licht der Welt (PNAS 112). Für ihre Untersuchung haben die Forscher um Orzack unterschiedliche Quellen ausgewertet und zusammengeführt. Unter anderem analysierten sie Karyotypisierungen von rund 140.000 Embryonen im Alter von drei bis sechs Tagen, die für eine In-vitro-Fertilisation untersucht wurden. So kann nicht nur das Geschlechterverhältnis eruiert werden, wie es zum Zeitpunkt der Empfängnis vorliegen dürfte, man erhält auch Informationen über Chromosomen-Anomalien.

Das Geschlechterverhältnis im frühen Embryonalstadium war praktisch identisch: Der Anteil der männlichen Embryonen lag bei 50,2 Prozent. Weder das Alter der Mutter noch ethnische Merkmale hatten einen Einfluss auf dieses Verhältnis. Allerdings scheint sich kurz nach der Empfängnis das Verhältnis zugunsten der weiblichen Embryonen zu verschieben. Darauf deutet der etwas höhere Anteil von Chromosomenfehlern bei männlichen Embryonen hin. Bei 60 Prozent der Proben ließen sich per Karyotypisierung Chromosomenstörungen nachweisen, davon waren 50,8 Prozent männlich. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede basierten v. a. auf Aberrationen der Chromosomen 15 und 17 – diese treten bei männlichen Embryonen etwas häufiger auf. Die Forscher vermuten aufgrund solcher Fehler, dass in der ersten Schwangerschaftswoche mehr männliche als weibliche Embryonen zugrundegehen.Anschließend haben die männlichen Embryonen und Feten bessere Karten – das zeigt die Analyse von 5000 induzierten Aborten aus den ersten beiden Trimestern hin. Der Anteil männlicher Ungeborener lag im ersten Trimester bei 51,1 Prozent, im zweiten bei 55,9. Die männliche Dominanz in dieser Phase wird auch durch Analysen von etwa 62.000 Chorionzottenbiopsien bestätigt: Hier zeigte sich mit 51,4 Prozent ein höherer Anteil männlicher Feten.

Fazit: Bei der Empfängnis ist das Verhältnis ausgeglichen, in der ersten Woche sterben mehr männliche Embryonen, von da an bis zur 20. Schwangerschaftswoche trifft es die weiblichen Ungeborenen, bis zur Geburt die männlichen. Unterm Strich bleibt ein leichter männlicher Überschuss.

Ob und wie stark das Geschlechterverhältnis durch Umweltfaktoren beeinflusst wird, bleibt unklar. Es gibt Hinweise, dass in Hungersnöten mehr Mädchen geboren werden.

Tipp

„Mutter der Pille“ nannte sich der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi selbst. Das Bezirksmuseum Leopoldstadt widmet dem in Wien als Sohn eines jüdischen Ärzteehepaars aufgewachsenen Forscher eine Ausstellung (bis einschließlich 1. Juli). Am 8. Mai und 12. Juni werden moderierte Themenspaziergänge zu den Orten von Djerassis Kindheit und Jugend geführt.

MB/springermedizin.de, Ärzte Woche 18/2015

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