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© Historisch/ W. Regal
Ein Knabe mit zwei leiblichen Müttern. Als diese verstarben verschwand der damals elfjährige Bub spurlos von der Bildfläche.
© W. Regal

Früh verstorbene Siamesische Zwillinge aus dem Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum in Wien.

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Ein Knabe mit zwei leiblichen Müttern. Als diese verstarben verschwand der damals elfjährige Bub spurlos von der Bildfläche.

 
Leben 11. Dezember 2014

Rosa und Josefa – die siamesischen Zwillinge aus Böhmen

Verbundene Geschwister und der „Sohn zweier Mütter“ – eine außerordentliche Weltsensation.

Die siamesischen Zwillinge Rosa und Josefa Blažek waren um 1900 die Stars der Panoptiken und Vaudeville-Theater von Australien bis Amerika. Rosa spielte Geige, ihre Zwillingsschwester Josefa außerdem Xylofon. Eine Sensation waren sie aber nicht wegen ihrer Duette oder der virtuosen Beherrschung ihrer Instrumente, das waren sie insbesondere, weil sie einen gesunden Sohn gebaren.

Weltberühmt waren die Zwillingsschwestern Rosa und Josefa Blažek (1878–1922) als die „siamesischen Zwillinge aus Böhmen“. Zwei an den Hüften zusammengewachsene Mädchen (ein sogenannter Pyopagus) deren Wirbelsäulen v-förmig vom verschmolzenen gemeinsamen Os sacrum abgingen. Dadurch konnten die Mädchen ihre Oberkörper drehen, sich ansehen, küssen und bei Bedarf auch gegenseitig ohrfeigen. Was sie angeblich als Kinder auch häufig getan hatten.

Die Kuriosität aus dem Nest

Geboren wurden die Zwillinge am 20. Jänner 1878 in der Nähe von Prag, in Skrejchov bei Mnichovice, einem „Nest bei einem Nest“, wie der rasende Reporter Egon Erwin Kisch (1885–1948) in seinem Artikel über die zusammengewachsenen Schwestern schrieb. Die Schwangerschaft und die Geburt der Zwillinge sollen unauffällig verlaufen sein. Auch ihre weitere körperliche Entwicklung verlief im Großen und Ganzen normal. Der Dorflehrer unterrichtete sie zu Hause und auch ihr Kontakt zu anderen Kindern war gut. Die Mädchen waren besonders stolz darauf, dass sie wie ihre Spielgefährten auf „Zwetschgenbäume klettern konnten“.

Ihre Zeit im kleinen böhmischen Dorf war jedoch alsbald zu Ende. Als Schauobjekte und damit „reichliche Erwerbsquelle“ für ihre Eltern tingelten sie durch Europa und später über den ganzen Erdball. Um Reklame für seine Stars zu machen ließ ihr Impresario, zu der Zeit ein gewisser Herr Forbée, keine Gelegenheit aus, die Werbetrommel zu rühren. So klagte er medienwirksam die Eisenbahn, weil er für Rosa und Josefa Blažek nur ein Ticket zu zahlen bereit war, die Eisenbahnverwaltung das aber anders sah und zwei Fahrkarten forderte. Sie benötigten zwar anatomisch gesehen tatsächlich nur einen Sitzplatz, aber sie waren wie fast alle siamesischen Zwillinge völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Rosa war lebhaft, witzig, beweglicher und auch intelligenter, während Josefa als ruhig bis phlegmatisch, geistig wenig rege und introvertiert beschrieben wurde.

Getrennte Miktion, gemeinsamer Stuhlgang

Während des Engagements in einem Panoptikum in Berlin erkrankte die Mutter der beiden Mädchen schwer und musste in der Charité behandelt werden. Während dieser Zeit erhielten der Neurologe Richard Henneberg (1868–1962) und seine Assistentin, und vielleicht auch Anstandsdame Helenefried Stelzner, die einmalige Gelegenheit, die beiden Schwestern „haargenau zu untersuchen und samt graphischer Skizze präsentieren zu können“. Ihre Arbeit mit intimen Details veröffentlichten sie 1903 unter dem Titel: „Ueber das psychische und sonstige Verhalten der Pyopagen Rosa und Josefa“. In diesem Bericht beschrieben sie nicht nur anatomische Gemeinsamkeiten der beiden Zwillingsschwestern sondern versuchten auch deren unterschiedliche Individualität herauszuarbeiten.

Gemeinsam waren den beiden Schwestern der untere Abschnitt ihrer Wirbelsäulen und die beiden miteinander verschmolzenen Kreuzbeine. Gemeinsam hatten sie eine Vulva, ein gemeinsames Ostium urethrae externum und eine Analöffnung. Zwei durch eine 0,75 cm dicke Membran getrennte Vaginen führten zu zwei – dies zeigte sich allerdings erst bei der Obduktion – normalen Uteri mit anatomisch normalen Tuben und Ovarien. Im Urogenitalbereich hatten die Zwillinge eine gemeinsame Oberflächensensibilität. Stuhldrang empfanden beide Schwestern gleichzeitig, während die Miktion unabhängig voneinander stattfand. Berühmt wurde die mehrfach publizierte Zeichnung der Genital- und Analregion aus der Arbeit von Henneberg und Stelzner. Kisch empfand es bei dem Geburtstagsfest, bei dem er sich mit den Schwestern anfreundete, „seltsam, sich einem Mädchen zu nähern von dem man einen Situationsplan mit Grundriß und Aufriß in der Tasche hat.

Unabhängig krank

Kreislauf und Atmung der Blažek-Schwestern funktionierten unabhängig. Sie hatten unterschiedliche Pulsfrequenzen und wenn eine den Atem anhielt, hatte nur diese die unangenehme Empfindung des Erstickens. Sie schliefen und erwachten zu unterschiedlichen Zeiten und während die eine Schwester saure Speisen mochte, hatte die andere eine Vorliebe für Süßigkeiten. Auch in ihren Ideen, Wünschen und Ansichten waren die Schwestern voneinander unabhängig und es gab des Öfteren Meinungsverschiedenheiten und Streit. Bemerkenswert ist, dass sie immer unabhängig voneinander erkrankten. So erkrankte etwa Rosa mit zwölf Jahren an Diphtherie, während ihre Schwester gesund blieb.

Im Juli 1909 schließlich passierte es. Nach einer Tournee, die sie über die ganze Erde geführt hatte, kamen die „böhmischen Schwestern“ nach Prag. Hier wurde Rosa angeblich am 20. Juli schwanger. Der Vater war unbekannt. Rosa gab zwar den Soldaten Franz Dvorak als Vater an, aber es häuften sich die Gerüchte, dass der Agent der Mädchen der Vater sei. Jedenfalls fühlte sich dieser verpflichtet, den Schwestern 95.000 Mark (heute wären das rund 570.000 Euro) zu bezahlen. Dvorak selbst fiel angeblich 1917 im Ersten Weltkrieg. Am 16. August 1910 entbanden die Zwillinge spontan einen 3.070 Gramm schweren, 50 Zentimeter großen Knaben, den sie Franzl nannten. Bei der Geburt war kein Arzt anwesend.

Die Sensation: Trick oder echt?

Bekannt wurde die geheim gehaltene Geburt – angeblich wollte von den beteiligten Gynäkologen jeder zuerst die Nachricht von der Weltsensation veröffentlichen – wiederum durch Reporter Kisch, der wie so oft den richtigen Riecher hatte und durch seine Recherche von der Geburt erfuhr (Rosa Blažek wurde ursprünglich mit der Diagnose Appendicitis eingeliefert). Die Nachricht vom „halben Doppelwesen, das ein Kind gebiert“ ging um die Welt. Später lud der berühmte Wiener Gynäkologe Friedrich Schauta (1849–1919), „Habsburgs Klapperstorch“ wie Kisch ihn nannte, die Tagespresse zu einem Vortrag ein. Schauta betonte, dass ihm jedes Sensationsbedürfnis fern liege und es ihm „nur um die erste Festlegung dieses historischen Phänomens zu tun ist“.

Vaclav Pitha (1865–1922) wiederum, Vorstand der Gebärklinik in Prag, ließ sich nicht so leicht die Show stehlen und stellte Mutter, Tante und Kind in der Aula der Universität vor. Der geschäftstüchtige Manager verkaufte freilich Ansichtskarten mit den Schwestern und dem kleinen Franzl. Später tourte der Bub als „Sohn zweier Mütter“ zehn Jahre lang mit Mutter und Tante durch die Vaudeville-Theater dieser Welt. Da es genau genommen keine Beweise für Rosas Schwangerschaft und Franzls Geburt gibt, halten manche Historiker und Autoren die gynäkologische Sensation dieser Geburt weiterhin für einen Reklametrick des phantasiereichen und skrupellosen Impresario der Zwillinge.

Zusammen bis zur letzten Stunde

Im Jahr 1921 tourten die „böhmischen Schwestern“ und Franzl durch Amerika. Aber schon 1922 mussten sie die Tour in Chicago unterbrechen, da Rosa an Influenza erkrankte und sich erst nach drei Wochen wieder erholte. Unmittelbar danach erkrankte Josefa schwer und die Schwestern wurden am 25. März 1922 im West End Hospital in Chicago aufgenommen.

Rosa war zu diesem Zeitpunkt bereits gesund, aber der Zustand Josefas verschlechterte sich zunehmend. Es wurde sogar an eine chirurgische Trennung der Zwillinge gedacht um Rosa zu retten. Aber noch ehe ein Operationsplan erstellt werden konnte, wurde Josefa komatös und starb am 30. März 1922. Zwölf Minuten später starb auch ihre Schwester. Nach dem Tod seiner „Mütter“ verschwand Franzl spurlos von der Bildfläche. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 50/2014

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