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Adolf Wölfli, Skt.Adolf=Graab=Quellen=Schloss, 1918,Bleistift und Farbstift auf Papier

Adolf Wölfli, Rückkehr aus Sibirien, 1905,Bleistift auf Zeitungspapier und Collage

Adolf Wölfli in seiner Kammer neben dem Stapel seiner Bücher (1921)

© (5) Adolf-Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern, Bern

Adolf Wölfli, Der Amazohn=Strom und Amazohn=Hall (1911) / Bleistift und Farbstift auf Zeitungspapier

Sommer-Wirtschaft. Zehndermätteli. Bern, 1907,Bleistift und Farbstift auf Papier

 
Leben 3. Dezember 2014

Von Macht und Ohnmacht

Zum 160. Geburtstag des Schweizers Adolf Wölfli widmet das Museum Gugging seinem umfassenden Werk die Ausstellung „adolf wölfli. universum.!“.

Adolf Wölfli verbrachte 35 Jahre seines Lebens in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Seine wahnhaften Vorstellungen eines eigenen Universums, seine vermeintliche Macht und tatsächliche Ohnmacht hat er in einem nahezu enzyklopädisch anmutenden Werk festgehalten.

Er war einer vom Rand der Gesellschaft, einer, der alle günstigen Pro-gnosen für einen lauteren Lebenswandel schon von Haus aus Lügen gestraft hätte. Bessere Aussichten gab es für ihn von Anfang an nicht, dazu war er als eines von sieben Kindern eines Steinhauers, der der Überlieferung nach noch dazu Trinker war, zu arm. Als Wöfli sechs Jahre alt ist, verlässt der Vater die Familie, die Mutter bringt sich und die Kinder als Wäscherin durch, aber was heißt das schon „durchbringen“? Es fehlt an allem, steter Mangel ist an der Tagesordnung. Ob das auch den Mangel an Zuneigung unter solch ärmlichen Verhältnissen mit einschließt? Es scheint zumindest wahrscheinlich. Als Adolf Wölfli neun ist, stirbt die Mutter. Das ohnehin schwere Leben des Heranwachsenden wird noch schwerer: Weil er nichts ist und nichts gelernt hat, bleibt ihm nur, sich schon in jungen Jahren bei den Bauern im Emmental zu verdingen. Die Arbeitstage sind lang und einer wie er steht als Knecht ganz unten in der Hierarchie auf den Höfen, auf denen ein strenges Regiment herrscht. Da ist es schwer, wieder und wieder auf die Beine zu kommen und sich als seines Glückes Schmied zu erweisen, wenn man ahnt, dass man keine Zukunft hat.

Armut und Aussichtslosigkeit

Die ungünstigen, widrigen äußeren Umstände lenken mitunter solch ein Leben in schiefe Bahnen. Seine Armut und sein geringer sozialer Status mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass alle Liebesbeziehungen, die er in jungen Jahren anzubahnen versucht, scheitern. Er ist und bleibt allein, nicht geachtet, bestenfalls geduldet, ein unnützer Esser, der, auch wenn er etwas schafft, eigentlich keinen rechten Platz für sich findet. Aber all das allein reicht nicht aus, um zu rechtfertigen, was weiter in Wöflis Leben geschieht und für sein Schicksal ausschlaggebend ist: 1890 wird er als Sechzehnjähriger wegen versuchter Notzucht mit Minderjährigen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung wird Wölfli rückfällig. Eine Untersuchung seines Geisteszustandes ergibt die Diagnose Schizophrenie. Für sein weiteres Leben bedeutet dies „Irrenhaus“ statt Zuchthaus. 1895 wird er in Waldau bei Bern interniert und lebt dort bis zu seinem Tod im Jahr 1930.

Weg von der Welt

Wer sein Leben gezwungenermaßen in solch einer Institution verbringt, für den gibt es wenig Hoffnung. Und doch zeigen sich für den Insassen Wölfli zumindest Lichtblicke. Die Welt „da draußen“ ist für ihn zwar verloren, das hat er verspielt, er hat sein Leben und das der anderen verpfuscht. Um 1899 beginnt er jedoch, ob aus eigenem Antrieb oder aber dazu ermutigt, zu zeichnen. Es ist dies wohl in erster Linie der Versuch, ihn zwischen den schizophrenen Schüben zu beschäftigen, damit er vergisst, dass er diese Anstalt zu Lebzeiten nicht mehr verlassen wird.

Die frühesten erhaltenen Zeichnungen stammen aus den Jahren 1904 bis 1906. Im Jahr 1907 kommt der Arzt und Psychiater Walter Morgenthaler nach Waldau. Er interessiert sich für das, was Wölfli zu Papier bringt, und versorgt ihn von da an mit Malmaterial. Der Patient Wölfli wird Morgenthalers Studienobjekt, wobei dies keinesfalls mangelnde Wertschätzung bedeutet. Es mag wohl außer einer gewissen Faszination, die Erkenntnis eine Rolle gespielt haben, dass hier ein Werk im Entstehen begriffen war, das kaum seinesgleichen hat.

Wölfli schafft sich über Jahre ein Universum, in dessen zentralem Mittelpunkt er selbst steht. Walter Morgenthaler hat dies in seiner Studie „Ein Geisteskranker als Künstler“ im Jahr 1921 festgehalten. Morgenthalers Studie blieb umstritten und das zu einer Zeit, die künstlerisch unglaublich produktiv war. Die Ironie daran blieb freilich, dass Wölfli seinen künstlerischen Ruhm nicht mehr erlebte. Macht und Ohnmacht liegen ohnehin in seinem Leben und Werk sehr eng beieinander. In seinem imaginären Reich ist er der Herr und Meister, zugleich Chronist und Universalkünstler, der das Universum „Wölfli“ schafft und dessen Geschicke im übertragenen Sinn auch lenkt. Für ihn selbst bedeutet dies ein Zurückgehen an den Punkt vor seinem Sündenfall.

Ein künstlerischer „Hilfsarbeiter“

Aus dem ehemaligen Handlanger wurde so ein künstlerischer „Hilfsarbeiter“, der in einem Gespräch mit Morgenthaler einmal erwähnt, er führe ja all das nur aus, das, was er zeichne, sei nicht seine Erfindung, er mache dies nur auf göttliche Anweisung hin, die ihm auf seinen (imaginären) Reisen durch das Universum aufgetragen wurde.

Der innere Zwang seines künstlerischen Tuns treibt ihn stetig voran, sein Werk nimmt über die Jahre einen immensen Umfang an. Allein die Niederschrift der Geographischen und algebraischen Hefte umfasst rund 3000 Seiten, die in den Jahren danach entstandenen Lieder und Tänze haben ein Volumen von 7000 Seiten. Fast scheint es, als wollte sich Wöfli alles von der Seele schreiben und zeichnen, es folgen Album-Hefte mit Tänzen und Märschen, dann als letztes Werk der Trauer-Marsch auf 8000 Seiten.

Über drei Jahrzehnte bleibt das Werk Wöflis nach seinem Tod vergessen. Erst Jean Dubuffet, der unter dem Begriff „Art Brut“ künstlerische Ausdrucksformen wie jene Wölflis klassifiziert und eine ernsthafte Diskussion darüber auslöst, sorgt für dessen Bekanntheit. Harald Szeemann hat daran ebenfalls wesentlichen Anteil: 1963 werden Wölflis Werke im Rahmen der Ausstellung „Bildnerei der Geisteskranken“ in der Kunsthalle Bern gezeigt. Und im Jahr 1975 erfolgt mit der Gründung der Adolf-Wölfli-Stiftung Kunstmuseum Bern und der Eröffnung der Collection de l’Art Brut in Lausanne, die aus der Sammlung Jean Dubuffets besteht, ein weiterer wichtiger Schritt für das grundlegende Verständnis des künstlerischen Wirkens dieser Gruppe, zu deren Hauptvertretern Adolf Wölfli zählt.

Ausstellungsdauer: 18. September 2014 - 1. März 2015

www.gugging.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 49/2014

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