zur Navigation zum Inhalt
Eduard Angeli: Das Gitter, 2014, 102 x 152 cm,Kohle auf Papier

Eduard Angeli: Die Isaakskathedrale in einer weißen Nacht,2013, 102 x 152 cm, Kohle auf Papier

© Eduard Angeli, Wienerroither & Kohlbacher

Eduard Angeli: Die Neva, 2013, 102 x 152 cm, Kohle und Rötel auf Papier (4)

 
Leben 3. Dezember 2014

Wo der Mensch die Stille stört

Relikte menschlichen Daseins, vergessene Orte: Eduard Angeli sucht sie auf und verleiht ihnen in seiner Malerei stumme Größe.

Die Poesie der Leere und des Lichts: In überwiegend großformatigen Arbeiten spürt der gebürtige Wiener besondere Qualitäten von Orten auf. Die Galerie Wienerroither & Kohlbacher in Wien widmete sich kürzlich in einer Ausstellung unter dem Titel „St. Petersburg“ seinen Arbeiten. Seine Werke sind unter anderem auch in der Galerie Welz in Salzburg und bei Suppan Contemporary in Wien vertreten.

Es gibt Orte, da stört der Mensch nicht nur die Stille, sondern an sich. Eduard Angeli, 1942 in Wien geboren, spürt solche verlassenen, wie aufgegeben wirkende Orte auf. Auch wenn die menschenleeren Szenerien dies vielleicht zunächst vermuten ließen, hat das aber nichts mit Verfall oder gar einer apokalyptischen Endzeitstimmung zu tun. Den Betrachter nehmen diese im Halbdunkel verborgenen Welten, in denen es wenig Gewissheit zu geben scheint, gefangen.

Eduard Angeli bannt Zwielicht und Dämmerung in seiner Malerei, verleiht so einerseits der Stille Form, aber auch der Einsamkeit einen Ort und eine Stimmung. Der Nebel, der im Winter in der Lagune von Venedig alle Geräusche dämpft, sie gleichsam verschluckt und einem die Orientierung nimmt, lässt vieles anders als gewohnt erscheinen. Es ist ein gedämpftes, kein grelles Licht, das statt Schatten Schemen erzeugt und so die Silhouetten hervortreten lässt, keines, das Klarheit schafft, sondern eher die Kraft der Stille verstärkt.

Botschaften der Stille und des Lichts

Dass sich der Künstler in diesen Zonen bewegt, und dies einerseits vor der Kulisse Venedigs, andererseits während der Weißen Nächte in St. Petersburg, hängt mit einer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für Orte und ihre besondere Qualität zusammen. Ungestörtes Flanieren inmitten stiller Stunden führen dorthin, schärfen den Blick für Details, die sich später in den Bildern wiederfinden.

Vom ursprünglichen Eindruck hat sich Angeli über die Jahre frei gemalt, um sich ganz und gar den Schattierungen, dem Spiel von Licht und Schatten oder einer Spiegelung auf einer Wasseroberfläche, wie er im Nacht- oder besser Dämmerungsstück des Flusses Newa aus dem Jahr 2013 dargestellt ist. Das lässt jene melancholischen Stimmungen aufkommen, welche die Erkenntnis der Einsamkeit, letztlich ein zutiefst menschliches Empfinden, ins Kontemplative erheben.

Das Wirkliche im Unwirklichen

Mit Hilfe von Kohle, Rötel oder Ölfarben entstehen zudem Ansichten von Stadtsilhouetten mit beherrschend wirkender Architektur. Das verleiht ihnen fast unwirkliche Monumentalität und Größe. Die Stille, sie ist geradezu spürbar, das Diffuse, das teils mehr verbirgt als es zeigt, reizen die Phantasie auf das Äußerste. Immer wieder gleitet der Blick über Uferpassagen, Dachlandschaften, Molen, Ansichten von Brücken, um irgendetwas Bekanntes fest zu machen und sich so zurecht zu finden. Und doch bleibt alles trügerisch, ungewiss und ungewohnt.

Die Stofflichkeit des spärlichen Lichts, fast nur ein Widerschein, der die Kontraste erhellt und sie sichtbar werden lässt, spielt dabei ebenso eine wesentliche Rolle wie das Meer und seine scheinbar unbegrenzte Weite – ob es sich um die Lagune vor Venedig oder um das Marmara-Meer vor Istanbul handelt. Bleiern und glatt, mit dem Himmel fast eins und an der Horizontlinie kaum voneinander zu unterscheiden, führt dies zu einem Zustand des nicht-sichtbaren Übergangs von einem Element in das andere, der jede Gewissheit ausschließt.

Die Abendstimmungen in Angelis Bildern sind oft von diffus-dunstigen Blau- und Rottönen bestimmt. Melancholie kommt dabei auf, mitunter auch unbestimmte Sehnsucht. Der Blick bleibt ohne verlässliche Anhaltspunkte ins Ungefähre gerichtet. Manchmal nimmt einem die farb- und lichtdurchflutete Leere schier den Atem. Man fühlt sich an William Turner erinnert, der Lichtstimmungen virtuos auf Leinwand zu bannen wusste. Eduard Angeli setzt aber dem Südlicht auch das Nordlicht entgegen, dessen fahler, matter Schimmer kälter wirkt und Form und Kontur ganz anders erscheinen lässt. Durch die strikte Vereinfachung des Dargestellten wird jedoch jedweder Anflug von Romantik und damit alles Pittoreske strikt vermieden. Sucht man die Orte auf, die Eduard Angeli in seinen Bildern festgehalten hat, erkennt man die bildhafte Übersetzung in eine übergeordnete Wirklichkeit. In diesem radikalen Reduzieren liegt darstellerische Kraft und letztlich auch die unvergleichliche Poesie dieser Bilder.

http://eduardangeli.com/

Thomas Kahler, Ärzte Woche 48/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben