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© (6) Gerald Egger, Heimathaus Vöcklabruck
Pfahlbaupavillon Seewalchen: Informationen zur frühesten Besiedelung am Attersee.

Überblick über die bekannten Pfahlbaustationen am Attersee und Mondsee.

Station Seewalchen:Unterwasseraufnahme einesPfahls mit horizontalem Balken.

Bronzebeil zur Holzbearbeitung.

Geweihschäftung und Steinbeil.

Spinnwirteln als Hilfsmittel bei der Wollverarbeitung.

 
Leben 6. November 2014

Blick in die Vorzeit

Seit 2011 zählen 111 erhaltene Relikte von Pfahlbauansiedlungen zum UNESCO Weltkulturerbe, fünf davon befinden sich in Österreich. Ein kulturhistorischer Rückblick eröffnet informative Einblicke.

Eine Reise in die Vergangenheit: Die Pfahlbauten am Attersee zählen zu den ältesten kulturellen Relikten im Voralpenland. Anhand von drei Stationen am Attersee und Mondsee ist die frühzeitliche Besiedelung des Uferlandes nun anschaulich aufbereitet.

Die Besiedelung der Seeufer im Voralpenland reicht weit zurück. Im Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit waren die Jäger und Sammler nach und nach sesshaft geworden, aus der nomadischen wurde eine agrarische Gesellschaft, die in der von Laubmischwäldern, Seen und Mooren geprägten Landschaft vermehrt Ackerbau betrieb. 1870 entdeckte Ladislaus Gundaker Graf Wurmbrand den ersten Pfahlbau im Salzkammergut bei Seewalchen am Attersee. In den folgenden zehn Jahren wurden weitere zehn Pfahlbausiedlungen am Attersee, Traunsee und Mondsee nachgewiesen.

Die Sedimente am Seeboden sorgten für eine sehr gute Konservierung der Holzpfähle. Zudem wurde in der Nähe von Seewalchen im Gerlhamer Moor, das unter Natur- und Denkmalschutz steht, die einzige Moorsiedlung in Österreich – ebenfalls Pfahlbauten – gefunden. Theodor Wang aus Seewalchen sind weitere Funde zu verdanken: im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckte er beim Sandbaggern immer wieder Reste von Pfahlbauten. Zunächst verkaufte er diese Funde an den Fabrikanten Max Schmidt, der einen Sommersitz in Seewalchen hatte, später an das Heimathaus Vöcklabruck.

Datiert wurden die Pfahlbaufundamente am Westufer des Attersees um 3770 v. Chr. und sie sind damit älter als bislang vermutet. Gebaut wurde ufernah oder im seichten Wasser, wobei die Höhe der Pfähle die Pegelschwankungen zwischen Sommer und Winter ausglichen. Warum man Seeuferbereiche als Standorte wählte, ist nicht völlig geklärt. Möglicherweise lag einer der Gründe darin, die Seefläche überblicken zu können, hinzu kam der Schutz von der Seeseite her. Zudem war es so nicht notwendig, durch Rodung eine Lichtung und damit Platz für eine Siedlung zu schaffen.

Alltag im Pfahlbau

Romantisierende Vorstellungen vom Leben in den Pfahlbausiedlungen sind jedoch verfehlt. Die fischreichen Seen boten zwar Nahrung, um Nutzpflanzen anbauen und ernten zu können, waren jedoch anstrengende, kräftezehrende Rodungsarbeiten des seenahen Geländes notwendig. Der Wald war schließlich Urwald, die einzigen halbwegs gangbaren Wege waren schmale Wildfährten oder Knüppelwege. Neben der Jagd in Revieren mit einer Ausdehnung von mehreren Tagesetappen wurde auf dem See Fischfang betrieben.

Am Übergang von der Spätphase des Neolithikums zur Bronzezeit, also um 3300 v. Chr., wurden Bronzeäxte und geschliffene Steinäxte als Werkzeuge gebräuchlich. Mit diesen Werkzeugen wurden in aufwändiger und mühseliger Arbeit aus Stämmen Einbäume hergestellt, um den See befahren und darin fischen zu können. In solchen Einbäumen ließ sich der See bei Bedarf auch überqueren, was tagelange Märsche um den See ersparte. Am Mondsee waren Einbäume bis in das 20. Jahrhundert in Gebrauch; ein Exemplar ist an der Uferpromenade in Mondsee zu besichtigen. Dieser urtümliche Boots-Typ hat sich demnach über Jahrtausende hinweg auf den Seen im Voralpenland bestens bewährt.

Kulturelle Relikte

Im Zuge der bislang erfolgten wissenschaftlichen Bestandaufnahme zeigte sich, dass die Pfahlbauten im Salzkammergut, wie die Forschungen des führenden Schweizer Pfahlbauexperten Doz. Urs Leuzinger ergaben, nicht nur regionalkulturell bedeutsam sind, sondern eine weit umfassendere Bedeutung für die frühe Besiedelung des Voralpenlandes haben. Die zahlreichen unterschiedlichen Fundstücke vermitteln einen guten Eindruck vom alltäglichen Leben in den Pfahlbausiedlungen.

Neben Gebrauchskeramik wurden Spinnwirteln, Pfeilspitzen und Äxte gefunden. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen auf die Lebensumstände jener Menschen, die in solchen Pfahlbausiedlungen in kleinen Gruppen lebten. Gemessen an den harten Lebensumständen darf man sich dieses Leben jedoch nicht als primitiv vorstellen. Es hatte wohl seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, die vom Wechsel der Jahreszeiten, den klimatischen Bedingungen und dem damit zusammenhängenden Nahrungsangebot bestimmt wurden. Vergleichen lässt sich dies mit heute noch bestehenden tribalistischen Gesellschaften, die wenig Kontakt zur Außenwelt haben.

Über Kulte und Zeremonien ist wenig bekannt. Fruchtbarkeitskulte gelten als wahrscheinlich, da mit der zunehmenden Bedeutung des Ackerbaus auch die Anzahl der in Pfahlbausiedlungen lebenden Stammesmitglieder zunahm. Urgetreide und Hülsenfrüchte wurden angebaut und Ziegen als älteste domestizierte Haustierrasse gehalten. Über die Art des Totenkults fehlen entsprechende Belege. Auffällig ist jedoch, dass in Siedlungsnähe keine Grabstätten gefunden wurden. Das würde die Annahme untermauern, dass die Toten feuerbestattet wurden und darum keine Relikte erhalten geblieben sind.

Die Erforschung der Pfahlbauten am Attersee, Traunsee und Mondsee reichen – wie bereits erwähnt – bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im Heimathaus Schörfling und im Heimathaus Vöcklabruck sowie im Pfahlbaumuseum Mondsee sind zahlreiche bislang entdeckte Fundstücke zu besichtigen. Im September 2013 wurden zusätzlich drei Informations-Pavillons in Seewalchen am Attersee, Attersee am Attersee und Mondsee eröffnet. Der Pavillon in Seewalchen gibt Einblick in das Leben der Pfahlbauer, der Pavillon in Attersee über die Geschichte der Pfahlbauten am Seeufer und der Pavillon in Mondsee vermittelt Wissenswertes über den Stand der Pfahlbauforschung. Wer will, kann sich auch im Juli und August mit der Attersee-Schifffahrt auf Spurensuche begeben, um einen noch besseren Eindruck vom Leben jener Menschen zu bekommen, die in den Pfahlbauten in Seeufernähe ihr Leben verbrachten.

Info: www.pfahlbauer.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 45/2014

  • Herr Mag. Henrik Pohl, 01.03.2015 um 12:35:

    „Sehr geehrter Herr Kahler,
    mit Interesse las ich Ihren Artikel über das UNESCO-Welterbe der prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen. Es freut mich, dass Sie auf diesem Wege versuchen, dieses interessante Thema der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Leider muss ich Sie und die Leser auch auf einige fachliche Fehler hinweisen. Um nur einige zu nennen: das abgebildete Bronzebeil ist tatsächlich ein Kupferbeil, die Seeshaftwerdung der Menschen im Alpenvorland fand nicht am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit statt sondern schon viel früher, nämlich am Übergang von der Altsteinzeit zurm Neolithikum. Auch finden sich die ersten Bronzebeile um 2000 v.Chr. und nicht um 3300 v. Chr. usw.
    Vielleicht könnte man die offizielle Website zum UNESCO-Welterbe der prähistorischen Pfahlbauten erwähnen, auf der alle korrekten und aktuellen Daten zu diesem Thema zu finden sind.
    www.pfahlbauten.at
    mit freundlichen Grüßen - Mag. H. Pohl“

  • Herr Gerald Egger, 27.04.2016 um 19:31:

    „Richtig, das Beil ist nicht wie von mir fälschlich angegeben aus Kupfer sondern Bronze. Wir präsentieren dies auch immer wieder bei Vorträgen, Fortbildungsveranstaltungen für Geschichtelehrer, Vermittler und anderen Zielgruppen rund ums Thema Pfahlbau. 2015 informierten wir so 1500 Besucher und begeisterte Personen in über 100 "Abenteuer-Pfahlbau-Zeitreisen". Weitere Infos und Termine finden sie auf www.pfahlbau.at . Wir vermitteln unsere Geschichte mit Begeisterung und Freude für jeden Besucher!
    Leider ist Herr Pohl hier nicht immer auf unserer Welle, Schade!“

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