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© Archiv/Historisch

Fritz Haber (1868-1934), Leiter der Spezialeinheit für chemische Kriegsführung im Preußischen Kriegsministerium. Seine Frau wurde zum indirekten Opfer.

 
Leben 11. Oktober 2014

Das lautlose Grauen

Billig, bestialisch und unberechenbar: Giftgas im Ersten Weltkrieg.

Der erste Einsatz von Giftgas in einer Schlacht war grauenerregend und überraschte in seiner fürchterlichen Wirkung selbst die Erfinder der neuen Waffe. Dass die Deutschen hier die Nase vorne hatten, verdankten sie ihrer gut ausgebauten chemischen Industrie, doch die Kontrahenten auf der anderen Seite der Front zogen rasch nach – und missachteten dabei jede Regel.

Ypern/Belgien, 22. April 1915, Nordostwind. Endlich blies der Wind aus der richtigen Richtung und der deutsche General Berthold Deimling (1853 – 1944) gab um 18:00 Uhr den Befehl Chlorgas abzublasen. Aus Tausenden heimlich an die Front gebrachten Stahlzylindern ließen seine Soldaten eine fast sechs Kilometer breite hochgiftige Chlorgaswolke vom Wind auf die französischen Stellungen blasen. Dem General „ging es zwar gegen den Strich, den Feind wie die Ratten zu vergiften“, aber vor Ort unterstützt von Fritz Haber (1868 – 1934), dem Leiter der Spezialeinheit für chemische Kriegsführung im Preußischen Kriegsministerium und anderen Wissenschaftlern, gab er schließlich doch den Befehl. Die Folgen der Lungengewebe zersetzenden Gaswolke waren verheerend. Der Angriff forderte mehrere tausend Tote und ein Vielfaches an grauenhaft verätzten Soldaten.

Wen kümmert schon die Rechtslage?

Der Einsatz von Giftgas war zwar ein eklatanter Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907, großen Protest erregte das bei den Alliierten aber dennoch nicht, da sie selbst an chemischen Kampfstoffen herumbastelten und ihnen die Deutschen durch ihre hervorragenden Wissenschaftler und die fortschrittliche chemische Industrie nur zuvorgekommen waren. Selbst die Deutschen waren von der enormen Wirkung der neuen Waffe überrascht und bald setzte auch die Gegenseite chemische Kampfstoffe ein, da man sie für viel effektiver hielt, als Mann gegen Mann zu kämpfen. Dass damit gegen geltendes Kriegs- und Völkerrecht verstoßen wurde, kümmerte eigentlich keinen der Kontrahenten.

Entwickelt, erforscht und organisiert hatte diesen ersten Giftgasangriff der Chemiker und spätere Nobelpreisträger (den Nobelpreis erhielt er 1919 für die Ammoniaksynthese) Fritz Haber. Sein „glühender Patriotismus bei der Erprobung der chemischen Massenvernichtungsmittel“ machte den „Vater des Gaskrieges“ in Deutschland zu einem Nationalhelden. Seine Frau Clara Immerwahr (1870 – 1915) dagegen, selbst Chemikerin, geißelte öffentlich seine Arbeit für das Militär als „Perversion der Wissenschaft“ und erschoss sich (aus Protest?) nur einige Tage nach dem von ihrem Mann geleiteten und gefeierten Einsatz des ersten Massenvernichtungsmittel der Weltgeschichte mit seiner Dienstwaffe.

Tödliche Farbenspiele

Mit Giftgas konnte man vieles, aber eines konnte man damit überhaupt nicht: Zielen. Aber nicht nur das, auch wechselnde Windrichtungen konnte einen Blasangriff sogar zu einer Gefahr für die eigene Truppe machen. Bald stellten alle kriegführenden Nationen die von Haber erfundenen Blasangriffe ein und verwendeten neu entwickelte Gasgeschoße, die einen vom Wind unabhängigen Giftgaseinsatz ermöglichten. Durch farbige Kreuze auf den Granaten war erkennbar, welchen Kampfstoff sie enthielten. Gelb-, Blau-, Grün- und Weißkreuz, hinter diesen recht harmlosen klingenden Namen verbargen sich die grauenhaftesten chemischen Waffen des Ersten Weltkrieges.

Bei den Soldaten ganz besonders gefürchtet war Gelbkreuz, auch Senfgas oder nach den beiden Anfangsbuchstaben der beiden Chemiker, die an der Entwicklung maßgeblich beteiligt waren, Wilhelm Lommel (1877 – 1962) und Georg Wilhelm Steinkopf (1879 – 1949) Lost genannt. Senfgas ist eine hochgiftige, relativ leicht und billig herstellbare ätzende Substanz, die sowohl über die Atemwege als auch über die Haut (sogar durch Kleidung und Schuhe) aufgenommen wird. Erstmals in größerem Umfang wurde Gelbkreuz im Juli 1917 ebenfalls in Ypern eingesetzt. Der Ausdruck „Yperit“ wird selbst heute noch in Frankreich synonym für Giftgas verwendet. Das Kontaktgift dringt innerhalb von Minuten in den Körper ein und hinterlässt große, einer Verbrennung ähnelnde Blasen, schwere Entzündungen und schlecht heilende Wunden. Über die Lunge aufgenommenes Gas führt zu schweren Erstickungsanfällen mit Lungenödem und fatalen Schäden an den Schleimhäuten. Da Lost auch das Knochenmark angreift und zu ausgeprägten Agranulozytosen und damit zu Immunschwäche führt, starben auch viele Soldaten an den später auftretenden Infektionen. Stickstofflost wurde schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg als erstes brauchbares Zytostatikum gegen Leukämie und bösartige Lymphknotenerkrankungen eingesetzt.

Buntschießen

Beliebt bei den führenden Militärs war das sogenannte „Buntschießen“. Man schoss zuerst Blaukreuz, ein Chlor-Arsen-Kampfstoff (kurz CLARK), dass wegen seiner die Atemfilter durchdringen Reizwirkung zum Abnehmen der Gasmaske zwang und kombinierte diesen „Maskenbrecher“ dann mit dem erstickenden Grünkreuz (Phosgen, Diphosgen oder Pikrin) und dem ätzenden Gelbkreuz – ein Cocktail, den sich der Leibhaftige wohl selbst nicht hätte besser ausdenken können. Das Ende war ein furchtbarer Erstickungstod bei fast völlig erhaltenem Bewusstsein.

Eindrucksvoll beschrieb Erich Maria Remarque (1898 – 1970) in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ einen Giftgasangriff: „Die ersten Minuten mit der Maske entscheiden über Leben und Tod: ist sie dicht? Ich kenne die furchtbaren Bilder aus dem Lazarett: Gaskranke, die in tagelangem Würgen die verbrannten Lungen stückweise auskotzen.“ Bei Überlebenden kam es vorübergehend oder dauerhaft „nur“ zur Erblindung. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich viele Ärzte mehr Gedanken machten, wie sie Simulanten unter den Scharen von Kriegsblinden identifizieren konnten, als lautstark gegen Giftgase zu protestieren. Ihr Patriotismus war ähnlich „glühend“ und menschenverachtend wie der von Fritz Haber. Otto Hahn (1879 – 1968), er erhielt den Nobelpreis 1944 für die Entdeckung der Kernspaltung des Urans, damals Mitglied der von Haber geleiteten Spezialeinheit, sah im Jahr 1915 einen Giftgaseinsatz so: „Ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt. Erst haben wir die russischen Soldaten mit Gas angegriffen, und als wir dann die armen Kerle liegen und langsam sterben sahen, haben wir ihnen mit unseren Rettungsgeräten das Atmen erleichtern wollen, ohne jedoch den Tod verhindern zu können.“ Hahn hatte zunächst große Bedenken gegen die Verwendung giftiger Gase im Krieg, bis er von Haber mit dem Argument, Gas verkürze den Krieg, erhalte also Menschenleben, überredet werden konnte. Das „humane“ Argument, sozusagen ein indirekt logisches Argument griff dann auch später bei der Entwicklung der Atombombe.

Töten war auch eine Kostenfrage

Da chemische Kampfstoffe nicht nur effektiv, sondern auch billig waren, erfreuten sie sich im Generalstab bald großer Beliebtheit. Tatsächlich galt und gilt es in militärischen Kreisen als „vorteilhaft“ den Gegner nicht sofort zu töten, sondern „ganz human“ nur kampfunfähig zu machen und so schwer zu verletzen, verstümmeln oder schädigen, dass die Ressourcen des Gegners durch die aufwendige Behandlung und Pflege der Opfer längerfristig blockiert werden.

Aber schon im Ersten Weltkrieg wurde klar, dass eine derartig bestialische und letztendlich unberechenbare Waffe nicht eingesetzt werden durfte. Tatsächlich wurde im Zweiten Weltkrieg das Verbot chemischer und biologischer Waffen zumindest in Europa im Großen und Ganzen beachtet. Durch das sogenannte Chemiewaffenübereinkommen, einer der wichtigsten internationalen Abrüstungsverträge, sind chemische Waffen seit 1997 geächtet. Ihre Entwicklung, Herstellung und Lagerung ist verboten. Aber welche Länder bis heute – natürlich streng geheim – neue chemische Kampfstoffe erforschen und herstellen, weiß niemand. Vermutlich sind es nicht nur die sogenannten „Schurkenstaaten“. Heute wird ein Kilogramm Senfgas für weniger als fünf Euro angeboten. Die fachgerechte Entsorgung derselben Menge kostet hingegen 50 Euro.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2014

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