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Max von Pettenkofer (1818-1901):Ein Mitbegründer der modernen Hygiene.

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Die Patienten erbrachen sich und litten an wässerigem Durchfall, wobei sie so rasch an Körperflüssigkeit verloren, dass die Haut blau und faltig wurde.

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Choleravibrionen infizieren lediglich den Gastroenteraltrakt. Eine Invasion in das Gewebe bzw. ins Blut findet nicht statt.

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Die Cholera befällt vorzugsweise den Dünndarm. Die endoskopischen und histologischen Veränderungen der Schleimhaut sind allerdings unspezifisch.

 

 
Leben 2. Oktober 2014

Das „Cholerafrühstück“

Der tollkühne Selbstversuch des „Erfinders“ der Hygiene.

„Ein Komödiant taugt höchstens noch zur Medizin“, stellte sein Onkel fest, und so wurde aus Max von Pettenkofer ein Arzt, der sich vor allem der Hygiene verschrieb. Aus dem verhinderten Schauspieler wurde ein vielgeachteter Gelehrter, der dennoch nicht immer richtig lag, etwa bei seiner Interpretation der Choleraausbreitung.

Bizarr. Das ist der richtige Ausdruck für den Selbstversuch des Münchner Hygienikers Max von Pettenkofer (1818-1901) im Jahr 1892. Mit dem Trinken eines Aufgusses mit Milliarden Cholerabakterien wollte Pettenkofer beweisen, dass die von Robert Koch (1843-1910) gefundenen kommaförmigen Bakterien an sich harmlos sind und erst durch eine „Reifung“ im Erdboden virulent würden. Pettenkofer überstand das - schon mit dem damaligen Wissen eher als Selbstmordversuch zu betrachtende - tollkühne Experiment ohne größere gesundheitliche Probleme. Seine Theorie war trotzdem falsch.

Der Triumph Pettenkofers, seiner Assistenten, Studenten und aller Anhänger seiner Hypothese nach diesem aufsehenerregenden Versuch beeindruckten aber weder Robert Koch noch das Berliner Gesundheitsamt. Man hatte mittlerweile entdeckt, dass verschiedene Individuen unterschiedliche Abwehrkräfte besitzen und durch die gerade in Hamburg grassierenden Choleraepidemie auch eindeutig beweisen können, dass die Seuche keineswegs durch geheimnisvolle Miasmen, die aus dem Boden aufsteigen, sondern durch schlecht gereinigtes Trinkwasser aus der Elbe verursacht und verbreitet wurde. Daran konnte auch der „missglückte Selbstmord“ des Herrn Geheimrats in München nichts ändern.

Max Pettenkofer war aber beileibe kein verschrobener Scharlatan. Er war ein vielseitiger, allseits gefragter und höchst geachteter Gelehrter, der bereits beachtliche Erfolge auf verschiedensten Gebieten vorzuweisen hatte. Auch in Fragen der von ihm akribisch beforschten Cholera sah er sich als Autorität. Seine Hypothese war falsch, aber seine Forderung nach hygienischen Einrichtungen in der Stadt war goldrichtig.

Vom Schauspieler …

Als Bub kam Max Pettenkofer zu seinem Onkel Franz Xaver Pettenkofer nach München. Der Inhaber der Münchner Hofapotheke nahm ihn an Sohnes statt in seinen Haushalt auf und wünschte sich, dass Max Pharmazie studiere, um später die Apotheke zu übernehmen. Nach einem heftigen Streit mit seinem jähzornigen Onkel verließ dieser aber München und schlug sich, nachdem er seinen Familiennamen vorne und hinten gekürzt hatte, als Statist und Schauspieler als „Tenkof“ in Augsburg und Regensburg durch. Große Erfolge feierte er auf den Brettern, die die Welt bedeuten zwar nicht, aber zur Rückkehr zu seinem Onkel konnten ihn auch das inständige Flehen seiner Eltern nicht überreden. Erst seiner Braut gelang es schließlich, dass er sein Lotterleben aufgab und als „ordentlicher“ Mensch nach München zurückkehrte. In sein Haus nahm in der Onkel zwar wieder auf, aber Hofapotheker konnte er nach Ansicht seines Oheims nun nicht mehr werden. „Ein Komödiant taugt höchsten noch zur Medizin“, stellte der standesbewusste Apotheker apodiktisch fest.

Um seinem Onkel zu zeigen, was ein „Komödiant“ alles zuwege bringt, studierte Pettenkofer an der Münchner Universität nun Medizin und Pharmazie und schloss beide Studien in kurzer Zeit ab. Seine Dissertation schrieb er über eine neue Droge, die er aus Guakblättern gewann. Die amerikanische Tropenpflanze Guaco wurde in ihrer Heimat als Heilmittel gegen Wechselfieber, Schlangenbisse und Cholera verwendet. Schon damals führte der Student für seine Doktorarbeit Selbstversuche mit dieser Droge durch, um ihre Wirkung auf den menschlichen Körper zu beobachten. Im Laufe seiner akademischen Laufbahn unternahm Pettenkofer noch einige heroische Selbstversuche, um zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.

… zum klassischen Gelehrten

Ein praktischer Mediziner wurde Pettenkofer nie. Als Chemiker in der Medizin und als Forscher arbeitete er aber an vielen Problemen mit großem Erfolg. Als Mitarbeiter Justus Liebigs (1803 - 1873) entdeckte er das Kreatinin im menschlichen Harn, erfand eine Methode um aus Holz Leuchtgas herzustellen, verbesserte die Qualität des Zements und fand das Geheimnis des antiken Purpurglases. Mit Copaivabalsam und Alkoholdämpfen entwickelte er eine Methode, um alte Ölbilder zu reinigen und aufzufrischen. Pettenkofer, mittlerweile Professor für medizinische Chemie, war zu einem vielseitigen Gelehrten geworden, „einer der immer Rat weiß!“, wie seine Kollegen zu sagen pflegten.

Im Jahr 1854 erkrankte Max Pettenkofer leicht an der Cholera. Seine Tochter erwischte es bereits schwer und seine Köchin starb daran. Das war für Pettenkofer einer der Auslöser, die Cholera als seinen „persönlichen Feind“ zu betrachten, ihr „den Krieg zu erklären“ und das Rätsel der Seuche zu lösen. Mit einem Stadtplan zog er durch München, verzeichnete jedes Haus mit Erkrankten oder Toten, untersuchte deren Ausscheidungen, Bettwäsche und Trinkwasser. Und dann vertrat er mit seiner ganzen Autorität seine persönliche Lehrmeinung: Die Keime aus Harn und Kot müssen erst in bestimmten Böden eine Umwandlung durchmachen, um danach als Miasma aufzusteigen. Eine Verbreitung der Cholera direkt von Mensch zu Mensch und durch das Trinkwasser hielt er für unmöglich. An dieser kruden Theorie hielt Pettenkofer bis an sein Lebensende fest.

Falsche Theorie, richtige Rückschlüsse

Viel wichtiger war allerdings, dass Pettenkofer vehement die Stadtverwaltung aufforderte, die „örtlichen Krankheitsdispositionen“ zu beseitigen. Er drängte auf Wasserleitungen und Straßenpflaster und verlangte die Kanalisation anstatt der Sickergruben auszubauen. Er forderte gewerbehygienische Einrichtungen in den Fabriken, gesündere Wohnungen und zweckmäßige Kleidung. 1865 erhielt Pettenkofer ein Ordinariat für experimentelle Hygiene an der Universität München und, um Pettenkofer in München zu halten, im Jahr 1879 ein eigenes hervorragend ausgestattetes hygienisches Institut. Auch deswegen, weil Kaiser Franz Joseph „aufs lebhafteste an einer Berufung“ Pettenkofers nach Wien interessiert war. Letztlich wurde der Boden und das Grundwasser durch die Kanalisation saniert und auch wenn Pettenkofers Hypothese von der Reifung der Keime im Boden falsch war, mit seinen geforderten Maßnahmen hatte er jedenfalls großen Erfolg und bewahrte nicht nur München vor weiteren Epidemien.

Kochs Mitleid mit dem Herrn Geheimrat

Zurück zum „Cholerafrühstück“. Pettenkofer schrieb Robert Koch 1892 einen Brief mit folgendem Wortlaut: „Schicken Sie mir einige von Ihren sogenannten Cholerabazillen, und ich will Ihnen beweisen, wie harmlos sie sind!“ Am 7. Oktober um 9 Uhr 15 Minuten führte er in Anwesenheit seiner Assistenten den Selbstversuch durch. Um die Magensäure zu neutralisieren trank er vorher noch doppelkohlensaures Natron in Leitungswasser und leerte dann den Cocktail aus Vibrionen in einem Zug. Bis auf profusen Durchfall verlief der Versuch aber im Wesentlichen komplikationslos. Ganz so ungewöhnlich und überraschend, wie es oft dargestellt wird, ist das aber nicht. Pettenkofer erkrankte bereits 1854 an Cholera und war vermutlich immun. Und Koch erzählte später, man habe Pettenkofer, da man ahnte was der alte Herr Geheimrat vorhatte, eine alte und abgeschwächte Kultur geschickt.

Trotz dieses eigentlich unverantwortlichen Selbstversuches - Pettenkofer hatte keinerlei Schutzmaßnahmen getroffen und damit ganz München erheblich gefährdet -, ist es Max von Pettenkofers Verdienst die moderne Stadthygiene „erfunden“ zu haben. Sie ist noch immer die Basis des Seuchenschutzes.

Die „Niederlage“ gegen Koch konnte Pettenkofer nicht so einfach wegstecken. Der 83-jährige bemerkte, dass es mit seinem Charisma und seiner Autorität vorbei war. Um nicht, wie er selbst schrieb, „ein Trottel“ zu werden, erschoss er sich am 10. Februar 1901.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 40/2014

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