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© (5) Yvonne Oswald
Im Waldhofsaal wurde in vergangenen Zeiten gefrühstückt und an manch einem Abend ein Ball veranstaltet.

Das Schwimmbad wurde von Emil Hoppe und Otto Schönthal entworfen.

Detail des Waldhofsaals im Südbahnhotel.

Spiegelung im Foyer des Südbahnhotels.

Der allgegenwärtige Staub am Parkett ist ein stiller Zeuge der Zeit.

 
Leben 22. September 2014

Verlorene Größe

Fast wirkt das majestätisch thronende Südbahnhotel auf der Seite des Semmering, die der Rax zugewandt ist, anachronistisch: Das rauschende gesellschaftliche Leben, das hier stattfand, gehört längst der Vergangenheit an.

Noch steht das Hotelgebäude am Semmering. Dennoch sind die großen Zeiten dieses Palasthotels im einst berühmten Luftkurort längst passé. Die Ausstellung „Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit. Die Fotografien von Yvonne Oswald“ im Jüdischen Museum in Wien zeigt den morbiden Charme verlassener Räume, ohne über den langsamen Verfall hinweg zu täuschen.

Vor fast 30 Jahren fand die erste Begegnung des Autors mit diesem grandiosen Relikt einer anderen Ära statt. Wenig war damals über eines der ersten Häuser der k.u.k. Monarchie bekannt, das Meiste davon in Vergessenheit geraten. Die Wäscherei und die von Emil Hoppe und Otto Schönthal entworfene mondäne Garage des Hotels, beides in Richtung der Adlitzgräben gelegen, waren in bemitleidenswertem Zustand. Die architekturhistorisch erhaltenswerte Garage wich einer Wohnanlage, die ehemalige Wäscherei, so groß wie ein Zinshaus, wurde renoviert und beherbergt heute Wohnungen. Und das Hotel? Dort türmte sich damals im Verbindungsgang zur 1901 errichteten Dependance „Waldhof“ das Mobiliar bis zur Decke.

Bis in die 1970er Jahre konnte der Hotelbetrieb aufrechterhalten werden. Dann war die große Zeit des Südbahnhotels unwiderruflich zu Ende. Im ursprünglichen Hoteltrakt, links vom Haupteingang gelegen, befinden sich seit einigen Jahren Appartements. Dem mächtigen Erweiterungsbau, 1901 – 1903 von den Architekten Alfred Wildhack und Robert von Morpurgo im romantisierenden Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts errichtet, war seit der Einstellung des Hotelbetriebs allerdings bislang kein günstiges Schicksal beschieden.

Nachhall früherer Eleganz

Auch davon erzählen die Fotografien, welche die leeren, verlassenen Korridore und Zimmerfluchten, den Speisesaal, den darüber liegenden Festsaals und die ehemals eleganten Salons zeigen. Keine Spur mehr vom Leben der „Semmering-Society“, so ein Zitat im 1992 erschienenen Katalog zur Niederösterreichischen Landesausstellung „Die Eroberung der Landschaft“. Aber auch keine Spur mehr von all jenen, die hier arbeiteten. Was blieb, ist nur mehr ein Nachhall des eleganten Lebens, für welches das Südbahnhotel eine außergewöhnliche Bühne bot.

Fotografien aus den 1930er Jahren zeigen die belebte Terrasse über dem Schwimmbad, das den Haupttrakt des Hotels überragt. Die Tanztees und Soireen gehören der Vergangenheit an. Der Zahn der Zeit nagt seither am Gebäude, das seit fast 30 Jahren brach liegt – nach einer mittendrin abgebrochenen Renovierung, in deren Zuge wenigstens das Dach mit ungeheurem Aufwand saniert wurde. Bis Mitte der 1980er Jahre blieb das von den Wagner Schülern Hoppe und Schönthal entworfene Schwimmbad unversehrt. Dann wurden im Zuge des Bauvandalismus die bislang erhalten gebliebenen Marmorglaskacheln in Gelb, Weiß und Orange nahezu alle abgeschlagen. Die zerbrochenen Reste liegen heute noch da.

Aus dem eleganten Ambiente mit Raxblick wurde Tristesse ohne Aussicht auf Besserung. Was bleibt, sind Reminiszenzen, obwohl man sich kaum mehr eine Vorstellung vom Glamour und der Noblesse dieses Hauses machen kann, das mit seinem Fachwerk und dem beherrschenden Turm wie eine Burg wirkt. Heute sind die Scheiben blind, die Balkone morsch und die Clubsessel verstaubt. Es herrscht Ruhe. In den 1980er Jahren streifte ein scharfer Schäferhund durch die verlassenen Räume; näherte man sich der Eingangstüre, sprang er kläffend gegen die Scheibe, um ungebetene Eindringlinge fern zu halten. Dem unvorbereiteten Besucher jagte dieser Hund einen riesigen Schrecken ein. Gut, dass da Glas war, zwischen einem selbst und dem Vestibül. Die Fotografin Yvonne Oswald konnte sich hingegen ganz ungehindert bewegen, den Festsaal mit seinen prunkvollen Lustern und die angrenzenden Salons aufnehmen, oder sich unbefangen einer Chaiselongue nähern, die dort seit Jahrzehnten in einem der Gästezimmer steht.

Bilder der Leere

Blickt man auf die Fotografien, stellt sich die Frage, wie das wohl war, welches Gefühl, in solch einer Luxusherberge zu residieren. Vor einigen Jahren hat man das Haus teilweise genutzt, um Theaterstücke wie etwa „Alma“ aufzuführen. Für die Festspiele Reichenau ein faszinierender Ort, für die Besucher eine Reise in die Vergangenheit auf den Spuren einer Frau, die als Femme Fatale sich selbst genügte, ohne sich einem ihrer Verehrer und Ehemänner jemals unterzuordnen. So maßlos wie Alma Mahler ist das Südbahnhotel: verschwenderisch an Raum und Luxus.

Die meist jüdischen Intellektuellen und Industriellen, die das gesellschaftliche Leben am Semmering vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit maßgeblich prägten, sind längst Geschichte. Die Lücken, die durch die Emigration und gewaltsame Auslöschung so vieler entstanden sind, ließen sich später nicht mehr füllen. Davon hat sich nicht nur das Südbahnhotel, sondern auch andere große Häuser wie das Panhans, das seinen alten Charme völlig verloren hat, oder auch das unterhalb des Südbahnhotels gelegene Kurhaus später nicht mehr erholt.

Die Fotografien Yvonne Oswalds dokumentieren eindrücklich anhand des Südbahnhotels den schleichenden Verfall der Kulturregion Semmering. Da hilft auch die mit erheblicher Anstrengung und Kosten verbundene Initiative von privater Seite, einige der berühmten Semmering-Villen zu erhalten, nur wenig. Die Aussichten auf ein gutes Ende sind, was das imposante Südbahnhotel betrifft, eher vage. Was bleibt, ist Nostalgie mit einer bitteren Note.

Ausstellung: 10. September 2014 – 11. Januar 2015

Jüdisches Museum Wien

www.jmw.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 39/2014

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