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© Dr. Heinrich Hoffmann, 1845
Erblickte im Jahr 1845 das Licht der Welt: der Struwwelpeter. Heute ist er das Sinnbild der schwarzen Pädagogik.

© (3) Archiv Regal

© (3) Archiv Regal

Heinrich Hoffmann (1809–1894): Ein Arzt mit vielen Talenten.

 

 

 
Leben 17. September 2014

Eine unbekannte Berühmtheit

Vor 120 Jahren starb der Irrenarzt Heinrich Hoffmann, bekannt als Erfinder des Struwwelpeters.

Bereits kurz nach dem Tod von Heinrich Hoffmann am 20. September 1894 planten die Mitglieder des „Ärztlichen Vereins“ in Frankfurt am Main, ihrem Gründer ein Denkmal zu setzen. Sie wurden sich aber nicht so recht einig, wen sie eigentlich mit dem Denkmal würdigen sollten: Den engagierten Irrenarzt ihrer Stadt oder die mittlerweile weltberühmte Figur aus seiner Kindergeschichte. Schon damals drängte sich der „garst´ge“ Peter aus dem Bilderbuch vor seinen Schöpfer. Und das blieb bis heute so.

Der Irrenarzt und Autor des weltweit wohl berühmtesten deutschen Kinderbuches ist Heinrich Hoffmann (1809–1894). Sowohl als Arzt als auch als Autor ist sein Name weit weniger bekannt als der seines Geschöpfes, des Struwwelpeters. In seinen Lebenserinnerungen erzählt Hoffmann über die Entstehung des Bilderbuches. Für das Weihnachtsfest im Jahr 1844 suchte er in einer Frankfurter Buchhandlung ein Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn. Aber keines gefiel ihm. Alle waren zwar schön gezeichnet, ihm aber viel zu realistisch und ohne Fantasie. Sie seien eine Ansammlung „alberner Bildersammlungen, moralischer Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen“, schrieb er. Da kaufte er sich ein leeres Schreibheft und begann selbst ein Bilderbuch zu zeichnen und zu schreiben. Und auf das „letzte leere Blatt“ setzte er „den Struwwelpeter hin“. „Struwwelpeter“ war damals in Frankfurt die spöttische Bezeichnung für einen Unangepassten. Hoffmann stellte diesen Outlaw wie ein Denkmal auf ein Podest und machte den Aufmüpfigen zum Helden – nicht nur für Kinder.

Wüst und wild

Die Geschichten kamen bei seinem Sohn gut an. Und nicht nur bei ihm. Hoffmann: „Die Wirkung auf den beschenkten Knaben war die erwartete; aber unerwartet war die auf einige erwachsene Freunde, die das Büchlein zu Gesicht bekamen. Von allen Seiten wurde ich aufgefordert, es drucken zu lassen und es zu veröffentlichen.“ Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1845 unter dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schön kolorierten Tafeln für Kinder von 3–6 Jahren“. Der „Struwwel-Peter, wüst und wild“ war das letzte Bild des Buches. Der Verfasser der das Buch „fein malte und beschrieb“ nannte sich Reimerich Kinderlieb, später Heinrich Kinderlieb. Ab der 5. Auflage kam das Struwwelpeter-Bild an den Anfang und der Autor des „Struwwelpeter“, wie das Bilderbuch jetzt hieß, versteckte sich nicht mehr hinter einem Pseudonym.

Das Bilderbuch wurde völlig unerwartet zum Bestseller. Schon bald erschienen Übersetzungen in 40 – teilweise recht exotische – Sprachen, darunter auch Esperanto und Blindenschrift. Kein geringerer als Mark Twain (1835–1910) übersetzte das Buch ins Englische. „Der Schlingel hat sich die ganze Welt erobert, ganz friedlich, ohne Blutvergießen, und die bösen Buben sind weiter auf der Welt herumgekommen als ich; in ganz Europa sind sie heimisch geworden, ich habe gehört, daß man ihnen in Nord- und Südamerika, ja am Kap der Guten Hoffnung, in Indien und Australien begegnet ist“, bemerkt Hoffmann in seinen Erinnerungen. Bis heute sind mehr als 500 Auflagen und unzählige Parodien des „Struwwelpeters“ erschienen.

Schwarze Pädagogik oder Entlastung?

Die Geschichten im „Struwwelpeter“ sind so genannte Warngeschichten, die im 19. Jahrhundert sehr beliebt waren. Pädagogen, Psychologen, Psychiater und Analytiker streiten sich seit gut hundert Jahren um den Einfluss und die Gefahren des „Struwwelpeters“ auf die kindliche Seele. Während er für die eine Gruppe der Inbegriff einer autoritären „schwarzen“ Pädagogik ist, einer Strafpädagogik, die aus dem Kinderzimmer verbannt werden muss, da es in den Geschichten kein Happy End gibt – der Daumen wird abgeschnitten, Paulinchen verbrennt und der Suppenkasper stirbt – und dadurch archaische Ängste geschürt und verstärkt werden, hat der „Struwwelpeter“ für andere nach dem Motto „Kinder brauchen Märchen, ganz besonders Gruselmärchen“, sogar pädagogischen Nutzen. Kinder seien eben grausam. Die überspitzten comicstripartigen Darstellungen der drastischen Folgen und Strafen seien den Kindern durchaus bewusst und Entlastung für ihre Fantasie. So müssten sie Grausamkeiten nicht mehr selbst tun und könnten damit, wie auch Hoffmann hoffte, ihre wilden Aggressionen zügeln.

Vom Leichenhaus ins Parlament

Medizin studierte Hoffmann in Heidelberg und danach als „Klinizist“, so nannte man Studenten in den klinischen Fächern, in Halle. Hier lernte und studierte er bei einem der hervorragendsten Klinker des 19. Jahrhunderts, bei Peter Krukenberg (1787–1865). 1833 promovierte er beim Anatomen Johann Friedrich Meckel (1781–1833). Danach ermöglichte dem nun fertigen Arzt ein Stipendium einen Studienaufenthalt in Paris, wo die klinische Medizin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als die beste und modernste der Welt galt. Durch den Tod seines Vaters musste Hoffmann jedoch vorzeitig nach Frankfurt zurückkehren. Er eröffnete dort 1835 eine Privatpraxis als praktischer Arzt und Geburtshelfer, wurde als ärztlicher Überwacher des Leichenhauses angestellt und arbeitete mit sieben Freunden in der neu gegründeten poliklinischen Armenklinik. Im Jahr 1840 heiratete er Therese Donner und 1841 kam sein erster Sohn, Carl Philipp, auf die Welt. Für ihn schrieb er drei Jahre später den Struwwelpeter. Von 1844 bis 1851 unterrichtete Hoffmann für Chirurgengehilfen, Gymnasiasten die Medizin studieren wollten und naturkundlich interessierte Bürger Anatomie am „Theatrum anatomicum“ der Senckenbergischen Stiftung in Frankfurt. Im Jahr 1845 gründete er den „Ärztlichen Verein in Frankfurt am Main“, der sich bald zum geselligen aber auch wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Zentrum der Frankfurter Ärzte entwickelte. Im Revolutionsjahr 1848 engagierte sich Hoffmann politisch und zog als Abgeordneter ins Vorparlament in die Paulskirche ein, eine Versammlung die als Vorbereitung für die Frankfurter Nationalversammlung, das erste frei gewählte Parlament für die „deutschen“ Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reiches, diente.

Lebenshöhepunkt „Irrenarzt“

Das Jahr 1851 nannte er selbst das „bedeutungsvollste“ seines Lebens. Die Stelle des Arztes an der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ wurde frei und sollte neu besetzt werden. Hoffmann bewarb sich, bekam die Stelle und fand endgültig seinen „festen Wirkungskreis“. Und das, obwohl er „die Anstalt noch nie betreten“ und vorher „noch nie eine Irrenanstalt besucht“ hatte. „Aber ich glaube, daß ich an die richtige Stelle kam“, schrieb er. Am 12. Juni 1851 trat er sein „neues Amt“ an und fand die Anstalt „in ganz trostlosem Zustand“. Schon damals beschloss er „all meine Kraft einzusetzen, um eine neue Anstalt zu bauen“.

Vater, Arzt und Sonnenaufgang

So begann er mit viel Geschick und Organisationstalent den Neubau zu organisieren und durch Studienreisen in ganz Europa internationale Neuerungen in der Krankenhaus- und Irrenhausarchitektur kennenzulernen und die neuesten Therapieformen zu studieren. Der Neubau der Anstalt am Affensteiner Feld, wie damals üblich, „draußen am Rande der Stadt“, wurde 1864 fertig gestellt. „Affenstein“ oder „Irrenschloss“ nannte der Volksmund die damals hochmoderne riesige psychiatrische Anstalt im neugotischen Stil. Hier entdeckte übrigens Alois Alzheimer 1901 die nach ihm benannte Demenzerkrankung. Mit der Eröffnung „seiner“ Anstalt scheint für Hoffmann sein Lebenswerk aber abgeschlossen. Die rasante Wandlung der Psychiatrie in der zweiten Jahrhunderthälfte machte er am „Affenstein“ nicht mehr mit. Erst sein Nachfolger Emil Sioli (1852–1922) schaffte alle Zwangsmaßnahmen, wie Zwangsjacke und Zwangsstuhl ab und gründete erstmals im deutschen Sprachraum eine kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung.

Seine Rolle als Leiter der Anstalt sah Friedrich Hoffmann, wie viele frühe Psychiater, als hierarchische – naturgemäß manchmal auch strenge – Vaterfigur. Poetisch formulierte er sein Leitbild so: „Es muß vor allem so sein, daß der Eintritt des Arztes in eine Abteilung etwas vom Sonnenaufgang an sich habe.“

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 38/2014

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