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Wien zur Zeit der Weltausstellung, 1873, Josef Langl, Ölgemälde.

Bau des Industriepalasts, 1872, Fotografie.

Auf dem Dach der Rotunde, 1873, Franz Kollarz, Xylografie.

Nordamerikanischer Wigwam auf der Weltausstellung, 1873, Fotografie.

© Wien Museum

Präsentation von Sanitäreinrichtung, 1873, Fotografie. (5)

 
Leben 7. Juli 2014

Große Erwartungen

Weltstadt Wien – die aktuelle Ausstellung im Wien Museum beleuchtet die visionäre Aufbruchstimmung auf dem Weg zur internationalen Metropole.

Wien erfindet sich neu: „Experiment Metropole – 1873 Wien und die Weltausstellung“ spürt den tiefgreifenden Veränderungen nach, die den Charakter der Residenzstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bleibend prägten.

Besucher, die Ende der 1860er Jahre nach Wien kamen, bemerkten, dass tiefgreifende Veränderungen die Residenzstadt erfasst hatten. Großprojekte wie die Bebauung der Ringstraße, die rasant wachsenden Vorstädte, aber auch die Regulierung der Donau und des Donaukanals vermittelten nun einen völlig anderen Eindruck – Wien war auf bestem Weg zur Großstadt zu werden. Zeitgleich ging man daran, ein äußerst ambitioniertes Projekt zu verwirklichen: Um Wien neben Paris, London und Berlin in den Rang einer internationalen europäischen Metropole zu heben, wurde 1873 mit der Wiener Weltausstellung, der ersten im deutschen Sprachraum, eine Schau der Superlative inszeniert. Für die Residenzstadt bedeutete dies eine Zäsur. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stand im Zeichen gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen. Die Revolution von 1848 hatte die Habsburger Monarchie erschüttert, im gleichen Jahr wurde Kaiser Franz Josef I. gekrönt. Nach der Niederlage der Österreicher bei Königgrätz 1866 erfolgte durch die Auflösung des Deutschen Bundes die politische Neuordnung. Mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867, wodurch das Reich zur Doppelmonarchie wurde, setzte eine Phase der Identitätsfindung ein, die in besonderem Maß auch Wien betraf.

Wien erfindet sich neu

Der beschaulichen Zeit des Biedermeier folgte ein unglaublicher Aufschwung. Nach dem Abbruch der Befestigungen rund um die Innere Stadt, setzte eine umfangreiche Bautätigkeit ein. 1872 verbrauchte die Bauwirtschaft etwa 330 Millionen Stück Ziegel. Die einsetzende „Ringstraßenzeit“ mit den Residenzen der neureichen „Ringstraßenbarone“ wie Ephrussi, Todesco, Wertheim, fügte dem gesellschaftlichen Leben neue Facetten hinzu. Die liberale Haltung in wirtschaftlichen Fragen führte zu umfangreichen Investitionen, öffnete jedoch auch waghalsigen Spekulationen Tür und Tor.

Wien sollte mit Paris, London und Berlin auf gleicher Ebene stehen und nicht nur zur politischen Drehscheibe der k.u.k. Monarchie werden. Es sollte auch den Kronländern als wirtschaftliche Drehscheibe für Handel und Industrie dienen. Das betraf unterschiedliche Projekte, wie etwa den Bau von Kopfbahnhöfen, um zusammen mit effizienten Bahnverbindungen den Güter- und Personenverkehr in alle Teile des Reiches zu verbessern. In Wien wurde der zügige Ausbau der Pferde-Tramway forciert, um das steigende innerstädtische Verkehrsaufkommen zu bewältigen. Das Ziel, die noch Mitte des 19. Jahrhunderts eng begrenzte Residenzstadt in eine internationale Metropole zu verwandeln, war äußerst ambitioniert. Bereits in den 1860er Jahren war beträchtliches Vermögen in die Stadt gekommen, das dementsprechend gewinnbringend investiert wurde. Das Großbürgertum wurde zur bestimmenden Finanzmacht. Die Möglichkeiten schienen unlimitiert, die Spekulationsgier erfasste alle Bevölkerungsschichten.

Mit dem großbürgerlichen Anspruch begann sich auch die Stadt zu verändern. Die Ringstraße mit ihren repräsentativen Bauten wurde zum internationalen Prachtboulevard, moderne Brückenbauten folgten, Wien wurde zum Anziehungspunkt für Menschen aus allen Gesellschaftsschichten der Monarchie. Durch den stetigen Zuzug stieß die Stadtentwicklung rasch an ihre Grenzen. 1873 wurde die erste Hochquellwasserleitung eröffnet, um die hygienischen und damit die gesundheitlichen Verhältnisse zu verbessern, ein Jahr darauf folgte mit dem Zentralfriedhof ein weiteres Projekt, das den Übergang zur Großstadt kennzeichnete. Die begleitenden politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse liefen in einem für die damalige Zeit unglaublichen Tempo ab, das überhitzte Finanzsystem steuerte auf einen Bankenkrach zu.

Das Projekt Weltausstellung

Vor diesem Hintergrund reifte ein Projekt, das in seiner gesamten Dimensionierung alles Bisherige in den Schatten stellte. Man beschloss, Paris und London nachzueifern und 1873 die Weltausstellung auszurichten. Die Umstände schienen günstig, da sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 die französische Metropole nicht in der Lage befand, solch ein Großereignis zum wiederholten Mal auszurichten.

Nach der überfälligen Donauregulierung wurde im Prater auf einem Areal, das in der Ausdehnung etwa dem der Inneren Stadt entsprach, die Wiener Weltausstellung verwirklicht. Was sich in der Folge der liberalen Ära, begleitet vom umfassenden Börsenkrach 1868 - 73 entwickelte, sprengte alle bislang bekannten Dimensionen: Die „Stadt in der Stadt“ umfasste 194 Pavillons, in denen 53.000 Aussteller ihre Erzeugnisse zeigten, sowie eine 800 Meter lange Maschinenhalle. Die zunächst geschmähte Rotunde wurde zu einem Wahrzeichen Wiens. Das einzige Weltausstellungsrelikt wurde dann 1937 durch einen Großbrand völlig zerstört.

Der umfassende logistische Aufwand für die Weltausstellung war enorm. Nicht nur an die Beherbergung und Verpflegung der Arbeiter und Aussteller musste gedacht werden, auch die 7,25 Millionen Besucher, die vom 1. Mai bis zum 2. November 1873 zu dieser fünften Weltausstellung nach Wien kamen, um sich fortschrittliche internationale Erzeugnisse und Industriewaren anzusehen, mussten adäquat untergebracht und versorgt werden. Eine Cholera-Epidemie verringerte den Zustrom zu diesem Ausnahmeereignis jedoch erheblich.

Den Ausgaben von 19 Millionen Gulden standen schließlich Einnahmen von 4,2 Millionen Gulden gegenüber. Dennoch ist es der über Jahrzehnte reichenden Signalwirkung dieses Großereignisses und der rasanten Entwicklung Wiens zur internationalen Metropole zu verdanken, dass sich in Wien um 1900 ein einmaliges kulturelles Klima entfalten konnte, von dem die Stadt heute noch profitiert.

Einen Eindruck der Dimensionen und Geschichte dieses Großereignisses kann man noch bis 28. September im Wien Museum gewinnen.

Informationen: www.wienmuseum.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 28/2014

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