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Gerhard Richter: Verkündigung nach Tizian, 1973, Öl auf Leinwand, 150 cm x 250 cm; Kunstmuseum Basel

Gerhard Richter: Gegenüberstellung 2, 1988, Aus dem Zyklus „18. Oktober 1977“, Öl auf Leinwand, 112 cm x 102 cm; The Museum of Modern Art, New York

© (4) 2014 Gerhard Richter

Gerhard Richter: Betty, 1988, Öl auf Leinwand, 102 cm x 72 cm, Saint Louis Art Museum

Gerhard Richter: Bach (2), 1992, Öl auf Leinwand, 300 cm x 300 cm;ModernaMuseet,Stockholm

 
Leben 23. Juni 2014

Malerei als Verpflichtung

Seine Porträts und Landschaften sind unverwechselbar, seine abstrakten Bilder sind das Ergebnis vielschichtiger Komposition – Gerhard Richter lotet die Möglichkeiten von Malerei akribisch aus.

Sich nach dem Kunstmarkt zu richten, war nie Gerhard Richters Absicht. Er, der zu den international bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern zählt, blieb stets kompromisslos seiner Malerei treu. Sein bis dato vollendetes Lebenswerk wird in der Ausstellung „Gerhard Richter BILDER/ SERIEN“ in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel derzeit umfassend gewürdigt.

Es gab im Leben von Gerhard Richter manch Grundsätzliches, das für seine künstlerische Entwicklung und damit für seine Malerei von höchster Bedeutung war. Im Elternhaus des 1932 in Dresden Geborenen war es vor allem die Mutter, die seine künstlerischen Neigungen förderte. Das Verhältnis zum Vater blieb durch den Krieg bedingt sehr distanziert. Man konnte, durchaus symptomatisch für viele Familien, wenig miteinander anfangen. In der Schule eher mittelmäßig, entfaltete sich Richters künstlerisches Talent in den Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Den Akademiebetrieb mit seinem rigorosen Lehrplan hat Richter seither immer wieder kritisiert. Die dort vermittelten künstlerischen Grundlagen bildeten jedoch jene Basis, auf der sich Richters Malerei erst entfalten konnte. Vieles davon ist Heinz Lohmar geschuldet, in dessen Wandmalereiklasse Richter studierte.

Kurzzeitig schien es, als würde der sehr Begabte in die Rolle eines künftigen Staatskünstlers wachsen. Doch es sollte anders kommen. Seine ersten Bilder im Stil des Sozialistischen Realismus akzeptiert Richter bis heute nicht als Teil des Gesamtwerkes. Auf einer der selten genehmigten Reisen nach Westberlin besuchte er, wie in einem Interview mit Nicholas Serota, dem Direktor der Tate erwähnt, die von Edward Steichen kuratierte Ausstellung „The Family of Man“. Für Richter war dies ein Schock. Diese Fotos vermittelten, wie Nicholas Serota anmerkt, was die Kraft der Fotografie bewirken kann. Der Besuch der II. documenta in Kassel 1959 trug auch mit zu dem Entschluss bei, die eigene künstlerische Zukunft in Westdeutschland zu suchen und die DDR zu verlassen. Die Reglementierung des Kunstbetriebes ließ zu wenig Raum, um eigene Wege zu gehen. In einem Brief an Heinz Lohmar hat Richter seine Beweggründe, warum er 1961 aus der DDR nach Westdeutschland geflohen war, klar dargelegt.

Im Westen was Neues

Die Jahre an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf von 1961 bis 1964 standen, zusammen mit Sigmar Polke, dem Galeristen Gerhard Fischer und Blinky Palermo, im Zeichen von Pop-Art und Fluxus. In dieser Zeit äußert sich Richter mitunter recht provokant zu seiner Malerei und der Kunst an sich. Im Rückblick relativiert er manche dieser Aussagen und ihre tatsächliche Gültigkeit. Durch die Pop-Art wurden banale Foto-Schnappschüsse als Ausgangsmedium für die eigene Malerei legitimiert. Seine Sujets wählt Richter mit Bedacht, um der Gefahr der inhaltlichen Überfrachtung zu entgehen.

Das erste Bild in Richters Werkverzeichnis, „Tisch“, 1962, stammt aus diesen frühen Jahren. Dieses radikale Umdenken trieb seine Malerei weiter voran. Zudem beinhaltete das amateurhafte Foto nach Richters Auffassung die größtmögliche unmittelbare Wahrheit. 1962 hatte er mit den gemalten Fotos, denen er in einer letzten Phase mit einem weichen Pinsel ihre markante Unschärfe verleiht, begonnen. Richter lotete aus, wie sich Malerei im Zeitalter der Massenmedien behaupten kann. Die Flüchtigkeit des Augenblicks, der ständig drohende Verlust sind immer gegenwärtig. 1966 entstand „Ema (Akt auf einer Treppe)“, ein Aktbild seiner ersten Frau, eine Treppe herabsteigend. Auch hier erhöht die Unschärfe die Prägnanz der Darstellung.

Der Weg aus der Krise

Zu Beginn der 1970er Jahre erhielt Gerhard Richter in Düsseldorf eine Professur. Erste Einzelausstellungen, wie die Personale im deutschen Pavillon im Rahmen der Biennale in Venedig, folgten. Nach der Absage an die gemalten Fotos und deren vermeintlichen Realismus wandte sich Richter abstrakten Formen der Malerei zu. 1973 entstanden sechs großflächige Bilder der „Verkündigung nach Tizian“, in denen Richter die ursprüngliche Komposition Bild für Bild in diffusen Farbnebeln auflöste. Im gleichen Jahr entstanden in mehreren seriellen Versionen die Bilder „1024 Farben“, inspiriert von Farbmusterkarten, aufgebaut nach dem Zufallsprinzip, um gefällige Farbkombinationen auszuschließen.

Grau als Synthese all dieser Farben führte ihn an den „Nullpunkt der Malerei“. Jedes der monochrom grauen Bilder aus dem Jahr 1975 besitzt eine enorme Radikalität und Qualität. Richter selbst geriet dadurch in die bislang größte Schaffenskrise, aus der er sich anstatt mit medizinisch-therapeutischer Hilfe durch radikales Umdenken befreien konnte, um überhaupt weiter malen zu können. Dies öffnete Wege in die Abstraktion, die seither in seinem Schaffen einen wesentlichen Raum einnimmt.

Ende der 1980er Jahre trat er mit dem Zyklus „18. Oktober 1977“ (Baader-Meinhof) wieder mit Fotomalerei an die Öffentlichkeit. Nach eigenen Aussagen sind diese Porträts nach Zeitungsbildern der lebenden und toten Terroristen „Bilder eines außergewöhnlichen Unglücks“ und einer großen Hilflosigkeit, wie Richter dies in einem Interview bezeichnete. Es dauert manchmal eben sehr lange, bis man sich über eine Sache äußern kann. Die Bilder müssen sich der Begreifbarkeit entziehen, um gut zu sein, lautet sinngemäß eine Bemerkung Richters in einem Interview aus den 1960er Jahren dazu, was die Qualität eines Bildes ausmacht. „Man muss sich innerlich engagieren, um Kunst zu machen“. Beides ist und bleibt für seine Malerei wesentlich.

Informationen: www.fondationbeyeler.ch

Thomas Kahler, Ärzte Woche 26/2014

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