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© Herbert Tichy
Pasang Dawa Lama, Herbert Tichy und Sepp Jöchler nach der Erstbesteigung des Cho Oyu.
© Herbert Tichy/Österr. Akademie d. Wissenschaften

Gruppenbild auf der Wanderung durch den Hindukusch 1959.

© IMAGNO/Barbara Pflaum

Herbert Tichy an seinem Schreibtisch in der Wiener Hockegasse – 1954.

© Herbert Tichy/Österr. Akademie d. Wissenschaften

Auf großer Fahrt: Herbert Tichy mit der Puch im Hindukusch 1935.

 
Leben 19. Juni 2014

Wanderer zwischen den Welten

Anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums der Erstbesteigung des Cho Oyu erinnert die Veranstaltung „Herbert Tichy: Berg-Pionier, Weltbürger, Kulturbotschafter“ in der Kulturbrücke Fratres im Waldviertel am Samstag, den 21. Juni 2014 an den vielseitigen Abenteurer, Bergsteiger und Reiseschriftsteller.

Allem Neuen unvoreingenommen und offen zu begegnen, das war eine seiner besonderen Eigenschaften: Den Wiener Herbert Tichy zog es nicht nur in seinen jungen Jahren in die Ferne. Die eigenen Grenzen auszuloten, Neues zu erforschen und dennoch den Respekt vor dem Fremden zu bewahren – darin lag zeitlebens seine große Motivation.

Begonnen hat alles in der Hockegasse 95 in Wien-Währing. Dort hatte Herbert Tichy seinen Lebensmittelpunkt, an den es ihn immer wieder zurückzog. In der elterlichen Villa, die Tichys Vater bereits in den 1930er Jahren verkauft hatte, genoss er in seiner Zweizimmerwohnung lebenslanges Wohnrecht. Dort recherchierte und schrieb er an seinen Reiseberichten, bereitete seine Vorträge und zahlreiche Bücher vor.

Der 1912 geborene Herbert Tichy wurde nach dem Zusammenbruch der Monarchie in der noch jungen Ersten Republik erwachsen. Keine leichte Zeit, die noch dazu kaum attraktive berufliche Aussichten bot. Schon in jungen Jahren hatte Tichy ein zunächst unbestimmtes Fernweh, das durch die Lektüre von Waldemar Bonsels „Indienfahrt“ weiter angefacht wurde. Auch Sven Hedin war ein großes Vorbild. In der vagen Hoffnung, in ferne Länder reisen zu können, hatte Herbert Tichy mit dem Geologiestudium begonnen. Noch deutete nichts darauf hin, dass bereits 1933 das erste große Reiseabenteuer seinen Anfang nehmen sollte.

Über Vermittlung des Journalisten Harald Lerchenperg, lernte er den Tiroler Max Reisch kennen. Dieser war bereits fernreiseerfahren. Voller Abenteuerlust und schwer beladen begaben sich Reisch als Fahrer und Tichy als Sozius auf die lange Reise von Wien nach Indien. Psychisch wie physisch war dies eine Härteprüfung, einige Male hing das gemeinsame Unternehmen am sprichwörtlichen seidenen Faden. Tichy musste immer wieder Teile der Strecke zu Fuß zurücklegen, um die schwerbepackte Puch zu entlasten. Eine entzündliche Hautkrankheit, die sich beide zuzogen, verschlimmerte sich auf der Fahrt nach Teheran. Tichy lief sogar Gefahr ein Bein zu verlieren. Glücklicherweise trat das Schlimmste nicht ein, nach medizinischer Versorgung in Teheran konnte die Reise nach Indien erfolgreich absolviert werden.

Reisender Schriftsteller

Bei seinem Aufenthalt in Indien sah Tichy erstmals in der Ferne die Bergkette des Himalaya und fasste als weiteres Ziel diese Hochgebirgsregion ins Auge. Ein ganzes Jahr war der Doktorand der Geologie in Indien und im Zuge seiner Dissertation nach Tibet unterwegs, nachdem er es trotz behördlichen Verbots geschafft hatte, am Hinweg Afghanistan, wieder mit einer Puch, zu durchqueren, um mit Land und Leuten in Berührung zu kommen. Von Indien aus wollte er nach Tibet zum Kailash, dem „heiligsten Berg der Welt“. Die englischen Behörden verweigerten die Erlaubnis, Tichy griff jedoch zu einer List und konnte sein Vorhaben als indischer Pilger getarnt durchführen. Dieses riskante Unterfangen stand mehr als nur einmal auf der Kippe, verlief aber dann doch erfolgreich.

1935 promovierte Tichy und brachte die Erlebnisse seiner Reise zu Papier. Sein erstes Buch mit einem Vorwort des von ihm verehrten Sven Hedin erschien 1937 unter dem Titel „Zum heiligsten Berg der Welt“. Es war das erste von insgesamt 25 Werken. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde Tichy, der eigentlich gerne Fotoreporter geworden wäre, als Erdölgeologe in Polen eingesetzt. Ab 1941 arbeitete er in Thailand und China als Korrespondent für deutsche Zeitschriften wie die „Berliner Illustrierte Zeitung“ deren Chefredakteur seit 1937 sein Mentor Harald Lerchenperg war. Ganze sieben Jahre blieb er - kriegsbedingt - in Asien und kehrte erst nach dem Krieg nach Österreich zurück.

Die Erstbesteigung des Cho Oyu

1954 begab sich Tichy nach Nepal, um dort mit dem Tiroler Bergsteiger Sepp Jöchler und dem Geografen Helmut Heuberger sowie einem kleinen Team von Sherpas die Besteigung eines 8000ers zu wagen. Tichy war, obwohl als exzellenter Schifahrer mit alpinen Gegebenheiten vertraut, kein Bergsteiger im herkömmlichen Sinn. Der Drang des Entdeckens traf auf einen spirituellen Ansatz, beides ergänzte sich. Daraus resultierte eine äußerst individuelle, von hohem Respekt und ebensolcher Verantwortung getragene Einstellung. Doch bevor der Gipfel des Cho Oyu erreicht wurde, kam es fast zu einer Katastrophe. Beim Versuch, während eines Sturms ein Zelt zu retten, erlitt Tichy schwere Erfrierungen an beiden Händen. Nur dem aseptischen Klima in dieser großen Höhe ist es zu verdanken, dass dies lediglich zum Verlust eines Fingers führte, die anderen blieben unversehrt erhalten. Vielleicht als Mahnung und Zeichen des Opfers für den errungenen Gipfelsieg brachte er den erfrorenen Finger mit zurück nach Wien. Gipfel wie der Cho Oyu (8.201 Meter) bieten, so die folgerichtige Erkenntnis, nur Göttern, nicht jedoch Menschen eine Heimat.

Anlässlich des 60. Jubiläums der Erstbesteigung des Cho Oyu würdigt Reinhold Messner in seinem Vortrag in der vom Verein „Menschenwege - Götterberge. Erinnerungen an Herbert Tichy“ organisierten Veranstaltung im Waldviertel den außergewöhnlichen Menschen Herbert Tichy: „Er hat uns Literatur und eine Lebenshaltung hinterlassen, die mehr wert sind als alle Forschungsabenteuer....“. Am Vormittag werden zudem in der tschechischen Nachbargemeinde Slavonice die beiden Filme „ Samsara - Tibetisches Erbe“ und „Himalaya - Piloten und Pioniere“ gezeigt. Unter Anwesenheit des Regisseurs, Bergfilmlegende Norman Dyhrenfurth, wird ein Eindruck davon vermittelt, wie Herbert Tichy damals Tibet und den Himalaya erlebt hat.

Informationen: www.herbert-tichy.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 25/2014

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