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© (4) Chris Durst, Veranstalter
Seasick Steve

Die einfache Lösung: Ein Stück Treibholz als Gitarrenkorpus

Findig muss man sein: Seasick Steve mit einem Saiteninstrument aus einem Besenstil und Radkappen eines Hudson Terraplane.

Albumcover Seasick SteveHubcap Music.

 
Leben 29. Mai 2014

Den Blues leben

Booten kann er kaum etwas abgewinnen. Seine bevorzugten Saiteninstrumente baut er am liebsten selbst: Am 26. Juni 2014 gibt Seasick Steve, mit bürgerlichem Namen Steve Gene Wold, ein Konzert unter freiem Himmel in der Arena in Wien.

Kraftvoller und stimmiger klingt Blues selten. Als Teil eines bewegten Lebens, das stark vom Unterwegssein bestimmt war, setzt Seasick Steve die Tradition namhafter Bluesmen fort.

Es gibt Menschen, deren Erscheinungsbild sich über Jahre nie zu verändern scheint, die, so hat man zumindest den Eindruck, immer gleich ausgesehen haben: Steve Gene Wold, für den der Blues schon von Kindheit an von größter Bedeutung war und der sich selbst als „a song and a dance man“ bezeichnet, ist solch ein seltenes Exemplar. Kariertes Hemd, Latzhose, festes Arbeitsschuhwerk, so tritt er, fallweise mit einer John-Deere-Kappe auf dem Kopf, auf. Ausgestattet mit dem ein oder anderen Low-Tech-Seiteninstrument, für das auch mal ein Besenstil als Hals und zwei Radkappen als rudimentärer Korpus herhalten müssen, verleiht er dem Blues, geprägt von Land und Leuten im Delta des Mississippi, eine eigene Note.

Durch die virtuose Beherrschung seiner obskuren Instrumente begeistert er sogar all jene, die sich nicht dem Blues verschrieben haben. Begleitet werden die kraftvoll interpretierten Songs oftmals mit der mittlerweile legendären „Three string trance wonder“, einer nur dreiseitigen E-Gitarre, oder einer selbst gebauten „Morris Minor Guitar“. Der stampfende Rhythmus kommt mittels einer Holzbox, der „Mississippi Drum Machine“ zustande. Die Songs drehen sich um das Scheitern wie etwa „I started out with nothin and I still got most of it left“, handeln aber auch immer wieder davon, durchzukommen und zu überleben.

Nicht immer war ihm das Leben wohlgesonnen, oft genug hat es ihm auch übel mitgespielt. Aber der Blues läutert den Menschen, bringt tief im Inneren etwas zum Schwingen. Da braucht es schließlich nicht viel, um sich musikalisch zurecht zu finden. Verlässliche Partner wie etwa der Musiker und Produzent Jack White von den White Stripes sind dennoch hilfreich. Oder solch kongeniale Mitstreiter wie Bassist John Paul Jones und Schlagzeuger Dan Magnusson. Das allein garantiert ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse, höchste Präzision inbegriffen.

Höhen und Tiefen

Geschenkt wurde Wold, der 1941 in Oakland, Kalifornien, geboren wurde, nichts. Mit 13 Jahren lief er von zuhause weg, um den dortigen tristen Verhältnissen zu entgehen. Schon früh kam er mit dem Blues in Berührung und lernte Gitarre spielen. Die BBC-Dokumentation „Bringing It All Back Home“ begleitete ihn auf dem Weg zurück nach Clarksdale, Mississippi, zu den eigenen musikalischen Wurzeln, die er im ursprünglichen Delta Blues vorfand.

Bluesmen wie Robert Johnson und der in der Nähe von Clarksdale geborene John Lee Hooker prägten seinen Stil. Dies und die eigene Biografie sind der Antrieb für Seasick Steve, wie er sich heute als Musiker nennt. Der Name fand erst spät zu ihm und hängt mit seiner Abneigung für Boote und die Notwendigkeit, mit deren Hilfe mitunter Wasser überqueren zu müssen, zusammen. Dabei werde er nämlich, wie er wiederholt in Interviews betont hat, seekrank.

Lange Jahre war er „on the road“ und fuhr als Hobo auf Güterzügen quer durch die Vereinigten Staaten. Der Blick auf die schier endlos langen Güterzüge lässt heute noch Erinnerungen an früher aufkommen: „Vor langer Zeit bedeutete es mir etwas, auf diesen Zügen zu fahren“. Vielleicht war damit die Hoffnung verbunden, wegzukommen, um es anderswo besser zu haben. Aber das war nicht einfach, sondern waghalsig und riskant. Von den Kontrolleuren der Güterzüge konnte man verprügelt werden oder beim Auf- und Abspringen von den Zügen sehr rasch unter die Räder kommen. Er selbst bezeichnet sich im Rückblick als „Professional Wanderer“, der mit den kargen Verhältnissen und einem gewissen Risiko meist zurechtkam. Ein unverbesserlicher Optimist, der nie aufgibt im Bewusstsein, dass es in der nächsten Stadt besser oder hinter dem nächsten Hügel besser wird. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Gelegenheitsarbeiter, Cowboy und Erntehelfer. In der BBC-Dokumentation erinnert er sich an die Jahre seines unsteten Wanderlebens: „Hobos sind Menschen, die auf der Suche nach Arbeit herumziehen. Tramps hingegen sind Menschen, die herumziehen, ohne nach Arbeit zu suchen. Bums ziehen nicht herum und arbeiten auch nicht. Ich war all dies zusammen.“

Blues als roter Faden

Und doch hat es einen Punkt in diesem unsteten Leben gegeben, in dem Blues zu spielen eine Wende bedeutete. Er spielte zunächst bei Studio Sessions und hielt Kontakt mit anderen Bluesmusikern, arbeitete als Tonmeister. Im Alter von 60 Jahren veröffentlichte er sein erstes Album mit dem Titel „Cheap“. Andere Musiker kommen in diesem Alter bestenfalls in ihre reife Phase, für Seasick Steve fing seine musikalische Karriere im sechsten Lebensjahrzehnt gerade erst an. Sein Auftritt in der Jools Holland’s ’Annual Hootenanny’ BBC TV show 2006 brachte schließlich den Durchbruch und verschaffte ihm auf Anhieb in England ungeheure Popularität.

Mittlerweile sind seine Auftritte Fixtermine bei zahlreichen internationalen Festivals wie etwa in Glastonbury oder der Royal Albert Hall in London. Seine Musik erzählt von einem Leben voller Höhen und Tiefen, aber auch von bleibendem Optimismus. Manche Erfahrung münden in Songtexten wie diesem: „Never ever go west when you know you should be in the south“. So manchen Schicksalsschlägen ist er erfolgreich ausgewichen, die gemachten Erfahrungen wurden in Songs verarbeitet. Es scheint tatsächlich so, als sei der professionelle Wanderer, der sich selbst als heimatlos bezeichnet, zumindest musikalisch dort angekommen, wo es ihn schon immer hingezogen hat.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 22/2014

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