zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 1. Mai 2014

Der päpstliche Sex-Guide

Ein im Mittelalter verfasstes Werk gab Ratschläge, wie sich der Sexualakt verbessern und der Sexualtrieb unterdrücken lässt.

Sexualratgeber sind keine Erfindung der Neuzeit. Der spätere Papst Johannes XXI. hat bereits im 13. Jahrhundert einen medizinischen Ratgeber verfasst, der Tipps für das Geschlechtsleben enthält.

Das Buch „Thesaurus pauperum“ (Schatz der Armen) war im Mittelalter ein echter Bestseller, womöglich gerade deshalb, weil sich zwei Kapitel mit den Freuden und Problemen der Libido auseinandersetzen. Eigentlich handelt es sich bei dem Ratgeber von dem aus Portugal stammenden Arzt Petrus Hispanus (1205–1277), dem späteren Papst Johannes XXI., um eine Sammlung von Rezepten. Sie orientierte sich besonders an den Bedürfnissen armer Menschen. Dr. Charles T. Ambrose von der University of Kentucky in Lexington, USA, hat die historischen Texte analysiert und kommt zu dem Schluss, dass die Kapitel zur Sexualität tatsächlich Petrus Hispanus zugeordnet werden müssen und nicht später von anderen ergänzt worden sind, wie es durchaus üblich war.

Diese Mittel verbessern den Akt ...

In einem der beiden Kapitel geht es darum, wie sich der Sexualakt verbessern (De coitu excitando) und in dem anderen, wie sich der Sexualtrieb unterdrücken lässt (De coitu prohibendo). Zur Verbesserung des Koitus empfahl Petrus Hispanus den Genuss von Bohnenkrautwurzeln, eingeweicht in Wein, sowie von Stier- oder Hirschhoden. Das Essen von Dachshoden sollte die Libido und das Trinken von Knochenmark eines Panthers die sexuelle Ausdauer steigern. Ein extra Vergnügen (ultra modum veneri deditum) ließ sich angeblich erreichen, wenn man über dem dritten Rückenwirbel einen Stein platzierte, den man im Magen eines Hahns gefunden haben sollte. Ein Stein in der Wange, produziere eine starke Erektion und das Einführen einer Bohnenkrautwurzel in den Enddarm fördere den Geschlechtsakt. Das Einreiben des Penis mit der Galle eines Keilers bereite auch der Frau Freude, heißt es.

... andere mindern „das Feuer“

Fast doppelt so viele Rezepte, nämlich 33, befassen sich allerdings mit der Frage, wie sich der Geschlechtstrieb dämpfen lässt, etwa mit Zubereitungen aus Bergminze, Pfeffer oder Rautengewächsen. Lorbeer oder Hoden vom Hahn unter dem Bettkissen mindere das „Feuer der Lust“, ebenso wie das Tragen eines Topas in der linken Wange. Die Häufigkeit nächtlicher Samenergüsse lasse sich reduzieren mit dem Genuss von Seerosen. Und Bohnenmehl in der Nähe der Leistenregion eines Jungen aufgebracht, lösche die Libido, verhindere allerdings nicht das Haarwachstum im Schambereich. Die Texte sprächen für den offenen Umgang mit Sexualität in der mittelalterlichen Medizin, meint Ambrose. Die Rezepte im „Thesaurus pauperum“ waren sowohl für Laien als auch für katholische Geistliche von Interesse, einmal um Beichtkinder beraten zu können, aber auch um die Forderung nach sexueller Enthaltsamkeit nach der Priesterweihe befolgen zu können. „Für Priester, Mönche und Nonnen war jede Hilfe und jeder Rat wichtig, der ihnen dabei half, zölibatär zu leben“, sagt Ambrose. Andererseits sei Impotenz natürlich auch damals bereits ein wichtiges medizinisches Problem gewesen.

Weil Petrus Hispanus sein Werk „Thesaurus pauperum“ Papst Gregor X. gewidmet hat, dessen Leibarzt er damals war, ist anzunehmen, dass er es in den frühen 1270er-Jahren verfasst hat. Zu dieser Zeit hatte der früher in ärmlichen Verhältnissen als Magister der Medizin an der Universität Siena lebende Petrus Hispanus bereits Karriere in Rom gemacht, war Erzbischof und später Kardinal geworden. Nach dem Tod Gregor X. im Januar 1276 hatte Papst Innozenz V. nur für seine letzten fünf Lebensmonate das Amt inne und dessen Nachfolger Hadrian V. starb bereits vor der Weihe. So einigte sich das Konzil, bestehend aus neun Kardinälen, schließlich nach langem Streit auf den dritten Papst des Jahres 1276: Petrus Hispanus, der sich nun Papst Johannes XXI nannte. Die römische Kurie respektierte ihn nicht. Manchem war seine Gelehrsamkeit suspekt, Gerüchte über „Schwarze Magie“ machten die Runde. Acht Monate nach der Wahl, im Mai 1277, stürzte die Decke eines von ihm in Auftrag gegebenen Anbaus des Papstpalastes in Viterbo, etwa 70 Kilometer nördlich von Rom, ein und begrub ihn unter sich. Sechs Tage später starb er an seinen schweren Verletzungen.

Quelle: Ambrose CT: J Med Biogr 2013, 21[2]: 85–94

springermedizin.de/KK, Ärzte Woche 18/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben