zur Navigation zum Inhalt
Clemens Peter Freiherr Pirquet von Cesenatico war ein österreichischer Kinderarzt und Universitätsprofessor und forschte auf den Gebieten der Immunbiologie und der Bakteriologie.
© (3) historisch

Pirquets Karriere begann am Wiener St. Anna Kinderspital und endete nach ein paar Auslandsaufenthalten wieBaltimor und Breslau wieder an der Wiener Universitäts-Kinderklinik.

Schauobjekt: Tuberkulinreaktion am Ohr eines Kindes.

Aus der durch die Tuberkulininjektion ausgelösten Lokalreaktion der Haut gelang es Pirquet, eine standardisierte Methode zu entwickeln, um zu erkennen, ob eine Infektion mit Tuberkulose bei Kindern vorlag oder nicht.

© (2) W. Regal

Auch Clemens von Pirquet wurde eine 50-Euro-Goldmünze gewidmet.

 
Leben 11. Mai 2014

Genial einfach

Vor 140 Jahren wurde Clemens Freiherr von Pirquet, der Entwickler der Tuberkulinprobe, geboren.

„Wenn Sie Europa besuchen, müssen Sie die Kinderklinik in Wien visitieren“, empfahl sogar der Baedeker Reiseführer amerikanischen Touristen in den 1920er-Jahren. Chef dieses Spitals war seit 1911 der Pädiater Clemens Peter Freiherr Pirquet von Cesenatico (1874–1929). Er schuf den Begriff „Allergie“ und legte den Grundstein zur modernen Immunologie. Durch die von ihm entwickelte Tuberkulinprobe konnte bei Kindern frühzeitig eine Tuberkuloseinfektion nachgewiesen und danach unverzüglich begonnen werden, gegen die Krankheit anzukämpfen.

„Ich habe einen Assistenten“, klagte Pirquets Chef, Theodor Escherich (1854–1911), „der ist zwar sehr tüchtig, aber er hat eine fixe Idee: Er bohrt mir alle Kinder an.“ Pirquet bemerkte, dass es bei dem von Robert Koch (1843–1910) bereits 1890 als Diagnostikum und „Heilmittel“ gegen die Tuberkulose eingeführten Tuberkulin zu Rötung und Schwellung an der Einstichstelle und Fieber kam. Aus dieser Lokalreaktion der Haut gelang es Pirquet 1907 eine standardisierte Methode zu entwickeln, um zu erkennen, ob eine Infektion mit Tuberkulose bei Kindern vorlag oder eben nicht.

„Ich empfehle als erste Probe stets die kutane Impfung vorzunehmen. Die Haut des Unterarmes wird dabei mit einem Äthertupfer abgewischt, dann werden in einem Abstande von etwa zehn Zentimeter zwei kleine Tropfen von unverdünntem Kochschen Alttuberkulin aus einem Tropfglase fallen gelassen oder mit einem Glasstabe aufgetragen. Nunmehr wird mit einem Impfbohrer, dessen Platinspitze vorher in der Flamme ausgeglüht ist, in der Mitte zwischen den beiden Tropfen eine Bohrung ausgeführt, um als Kontrollstelle zu dienen, hierauf innerhalb der Tropfen selbst. Die positive Reaktion erscheint frühestens nach einigen, gewöhnlich innerhalb von 24 Stunden.“

Mit dieser genial einfachen Methode, konnte man erstmals bei Kindern, relativ schonend, eine Frühdiagnose der Tuberkulose stellen. Diese Entdeckung machte die gesamte Tuberkulosefürsorge erst möglich. So gelang es oft die Krankheit rechtzeitig durch ausreichende Ernährung, Luft, Licht und Sonne auszuheilen. Spezifische Heilmittel gegen die Tuberkulose kannte man damals noch nicht, aber die Tuberkulose ist bekanntermaßen in erster Linie eine soziale Erkrankung. Sie wird zwar durch den Tuberkelbazillus hervorgerufen, wird aber vor allem durch Unterernährung und schlechte Wohnverhältnisse begünstigt. Pirquet selbst betrachtete die Tuberkulinprobe als das wichtigste Resultat all seiner Forschungen. Sie wurde bald zur täglichen Routine in allen Krankenhäusern der Welt. Als „Pirquet-Probe“ ging sie in die Geschichte der Medizin ein.

Beruflicher Werdegang

Clemens Pirquet wurde am 12. Mai 1874 im Schloss Hirschstetten – heute 22. Wiener Gemeindebezirk –, als Sohn eines Großgrundbesitzers geboren. Auf Wunsch seiner Mutter sollte er Priester werden und begann zunächst Theologie zu studieren. Danach entschloss er sich Arzt zu werden. Seine Mutter war entsetzt über diesen Entschluss. Der Beruf des Arztes war zwar geachtet, für einen Adeligen aber absolut nicht standesgemäß.

Im Jahr 1884 begann Pirquet sein Medizinstudium in Wien. Danach studierte er in Königsberg und Graz, wo er 1900 promovierte. Nach Beendigung seines Studiums entschloss sich Pirquet, Pädiater zu werden. Seine Ausbildung begann er in Berlin und setzte sie 1901 in Wien an der Universitäts-Kinderklinik im St. Anna-Kinderspital fort. 1902 wurde der Professor der Kinderheilkunde Theodor Escherich von Graz nach Wien berufen. In ihm fand Pirquet einen hervorragenden Lehrmeister, der ihn nicht nur in die Kinderheilkunde einführte, sondern darüber hinaus zu wissenschaftlicher Forschung anspornte.

Beobachtungen führten zu neuer Infektionslehre

Ende des Jahres 1902 machte Pirquet am Krankenbett eine Beobachtung, die seine weitere Arbeit bestimmte: An Diphterie erkrankte Kinder bekamen damals hohe Dosen eines Streptokokken-Pferdeserums injiziert.

Die Erfolge waren verblüffend. Die schwerst kranken Kinder erholten sich ungemein rasch. Die oft schweren Nebenwirkungen, die sogenannte Serumkrankheit, musste man einfach hinnehmen.

Aber etwas war überraschend: Nach einer neuerlichen Injektion von Pferdeserum traten die Serumnebenwirkungen nicht, wie bei der ersten Gabe, erst nach zehn Tagen, sondern sofort auf. Pirquet und sein Mitarbeiter Béla Schick (1877–1967) stellten die Theorie auf, „dass Antikörperbildung und Krankheit in kausalem Zusammenhang stehen.“ Aufgrund dieser Beobachtungen entwickelte Pirquet eine neue Infektionslehre. Nicht nur die Vermehrung der in den Körper eingedrungenen Krankheitserreger bestimmten danach den Krankheitsverlauf, sondern eine aktive Wechselwirkung zwischen Organismus und Erreger. Bei wiederholtem Kontakt mit dem gleichen Stoff, den er Allergen nannte, erfolgte eine Reaktion des Allergens (Antigen) mit dem Gegenstoff (Antikörper).

In einem Beitrag in der Münchner Medizinischen Wochenschrift schlug Pirquet 1906 für diese veränderte Reaktivität des Körpers den Begriff Allergie vor. In seiner 1910 erschienen Monographie „Allergie“ drückte er im Vorwort die Hoffnung aus, dass seine Arbeit zur „Anwendung auf weitere Krankheitskomplexe anregt“. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Die Allergie hat sich zu einer Volkskrankheit entwickelt. Heute wird der Begriff allerdings etwas anders verwendet. Er ist zum Oberbegriff für die Neigung des Körpers geworden, mit krankmachender Überempfindlichkeit des Immunsystems auf körperfremde, aber meist harmlose Stoffe zu reagieren.

Aufgrund seiner Forschungen wurde Pirquet 1908 an die Johns-Hopkins-Universität nach Baltimore berufen. Zwei Jahre später ging er nach Breslau. Als Escherich in Wien 1911 überraschend starb, gelang es der Wiener Fakultät, Pirquet wieder nach Wien zu holen. Hier konnte sich sein wissenschaftliches und organisatorisches Talent jetzt voll entfalten. Er organisierte die Schwesternausbildung neu und verpflichtete alle angehenden Ärzte an seiner Klinik zu einem Krankenpflegepraktikum, um die Probleme der Pflege besser zu verstehen und die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen zu verbessern.

Hauptinteresse galt immer den kranken Kindern

Pirquet war kein Forscher, der sich nur im Labor herumtrieb und über theoretischen Problemen grübelte. Sein Hauptinteresse galt immer seinen kleinen Patienten. So organisierte er nach dem Ersten Weltkrieg mithilfe der amerikanischen Kinderhilfsaktion die Ausspeisung von bis zu 400.000 unterernährten Kindern täglich in ganz Österreich.

Clemens Freiherr von Pirquet wurde fünf Mal für den Nobelpreis nominiert. Erhalten hat er ihn nicht. Er war am Höhepunkt seiner wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Karriere, der Freiherr von Cesenatico war damals so populär, dass man ihn 1928 sogar als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl nominieren wollte, als er sich am 28. Februar 1929 gemeinsam mit seiner – vermutlich unheilbar kranken Frau – das Leben nahm.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben