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Leben 10. März 2014

Generation Y

Neue Patienten, die nach dem „Warum“ fragen und als „Premium-Kunden“ behandelt werden wollen.

Schon seit Menschengedenken spricht die Elterngeneration mit einem ausgedehnten Seufzen von der „Jugend von heute“. Stets ein wenig neiderfüllt ob der größeren Freiheiten, heute manchmal auch ein wenig sorgenvoll, inwieweit den Jungen bewusst ist, dass es auch ein Leben außerhalb des Smartphone-Universums geben kann. Nach einigen gesellschaftlich eher unaufgeregten Jahrzehnten, zu deren größten Errungenschaften Stonewashed Jeans, Tamagotchis und Dieter Bohlen gehören, scheint es jedoch endlich wieder eine wirklich neue Generation zu geben.

Der Brockhaus der Neuzeit (Wikipedia) beschreibt die Generation Y als „diejenige Bevölkerungskohorte, deren Mitglieder um das Jahr 2000 herum zu den Teenagern zählten.“ Die nun bereits 20 bis 30-jährigen Nachkommen der Bildungsschicht konnten schon die Vorteile einer etwas aufgeschlosseneren Erziehung genießen, sodass sie auch im Leben eine Behandlung als „Premium-Kunden“ erwarten. Sie sind ein bisschen mehr „Bio“, etwas weniger „Chemie“, nicht ganz so politisch, eher Biedermeier, und sie haben weitaus mehr im Sinn als einen sicheren Job mit überschaubaren Aufstiegschancen. Sie wollen das Leben genießen, sind in ihrer Angepasstheit bockig, und hinterfragen die Dinge, was ihnen den Spitznamen „Y“ („Why?“) eingebracht hat.

Genau hier fängt es an, problematisch zu werden. Denn diesen unseren zukünftigen Patienten können wir nicht mehr ungestraft eine Therapie aufs Auge drücken. Das bisher sehr erfolgreiche Prinzip „Ich Arzt, du nicht!“, das jede Kritik bereits im Keim ersticken konnte, greift nicht mehr. Autorität können wir uns abschminken, das Prinzip wurde umgewandelt in ein „Ich Patient, du gefälligst kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen!“ Das ist starker Tobak!

Umso wichtiger, dass wir uns auf diese neue Patientenschicht einstellen, die im Umgang mit dem Facebook-Like-Button so geübt ist wie der klassische Chirurg mit seinem Golfschläger. Was keineswegs bedeutet, dass wir uns anbiedern sollen: Kein „LOL“ am Ende eines Entlassungsbriefes, keine Smileys am Rezept, kein „Chill, Alter!“ nach der Spritze. Man muss auch kein WLAN im OP einrichten, um den jungen Patienten auch während der Spinalanästhesie mit seinem iPad bei Laune zu halten. Aber es hilft, sich ein wenig hipper zu präsentieren. Denn die Jungen werden sich aussuchen wollen, in welchem Krankenhaus sie liegen möchten und wer sie behandeln darf.

Das betrifft natürlich auch das künftige Personal. Wenn die Y-Doktoren nach dem Sinn und Zweck von eingefahrenen Behandlungspfaden fragen und auch ein Leben außerhalb der Klinikmauern führen möchten, beginnt endlich die Ära des Y-Spitals. Da die Medizin den gesellschaftspolitischen Strömungen allerdings in etwa so nachhinkt, wie die katholische Kirche, wird dies wohl noch einige Zeit dauern.

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