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Leben 3. März 2014

Heringsschmaus und andere Rituale

Über den Stellenwert der Brauchtumspflege im Krankenhaus.

Dieser Tage geht mit dem Aschermittwoch der Fasching wieder einmal vorüber. Vorbei ist die närrische Zeit; vorbei die rauschenden Feste, die Bälle, die Gschnase und Kränzchen, die Internisten-arbeitsplatzsichernden Festgelage, die ulkigen Verkleidungen und Umzüge. Nun kommt die Zeit der Besinnung.

Für viele kommt die Überschrift: „Das war’s dann mit dem Fasching“ ziemlich überraschend, da dieser spurlos an ihnen vorübergegangen ist. Auch wenn es einmal abends einen „bunten Abend in der Spitalskantine“ gegeben hat, der zufällig in die Faschingszeit gefallen ist, sehen sie kaum einen Grund, warum sie nun – wie die Wellnessmedien fordern – fasten, abspecken, entschlacken oder eine Ausnüchterung in einer einschlägigen Klinik durchführen sollten.

Das Drama einer immer größer und damit anonymer werdenden Gesellschaft ist die Aufgabenteilung: Der eine wechselt Reifen, der andere wechselt Geld, der Dritte wechselt Hüften, manche Menschen feiern, und andere wiederum bekommen davon nichts mit, da sie in klimatisierten Spitälern jegliches Gefühl für Zeit, Raum und zwischenmenschliche Beziehungen verloren haben. Der globale Dorfplatz ist zu groß, als dass man vom närrischen Treiben vor der Haustüre mitgerissen werden könnte.

Natürlich entgeht einem die feucht-fröhliche Zeit nicht, auch wenn man selbst nur wenig mit Fasching am Hut hat: Auf der Unfallchirurgie häufen sich die alkoholbedingten Blessuren, auf der Abteilung häufen sich die vom Personal und den Patienten mitgebrachten Krapfen und bei den Visiten häufen sich die mit bunten Hütchen behaupteten Mitarbeiter. So manche Stationsschwester lädt zum selbst fabrizierten Heringssalat selbst die unterm Jahr so verpönten Jungärzte ins Dienstzimmer, Vorgesetzte akzeptieren die geschickt unter den Chefpopo geschobenen Furzkissen bei der Morgenbesprechung, ohne eine Entlassung auszusprechen, und Patienten sehen über kapitale Fehldiagnosen hinweg, wenn diese mit einem vergnügten „Leilei“ abgerundet werden.

Bräuche zu den Jahreszeiten sind sinnvoll, um eine Gemeinschaft zusammenzuschweißen. Das gilt natürlich auch für das Krankenhauspersonal. Und diese Bräuche sollten sich nicht nur auf Fasching, Ostern oder Weihnachten beschränken. Es geht um das kollektive Fasten, das umso kollektivere Fastenbrechen, das Vertreiben der bösen Geister von Gicht und Hypercholesterinämie oder um das gemeinsame Einbringen von Patienten im Spätsommer zum nachfolgenden Dreschen.

Wenn wir uns ein wenig besinnen, dass es da draußen, im feindlichen extramuralen Gebiet, so etwas wie Jahreszeiten, Sonne oder gemeinsame Feste gibt, können wir vielleicht so manchen Kopfschmerz unklarer Genese, der uns am Aschermittwoch präsentiert wird, besser verstehen.

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