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Leben 21. Februar 2014

Der Arzt als Spitzel

Die fleißige Eingabe von erhobenen Befunden in den Computer wirkt für viele Patienten verdächtig.

Früher hörte der Arzt noch geduldig zu, wenn die Patienten ihre Leiden schilderten oder die Furunkel an Orten, an denen die Sonne nie scheint, zur Schau stellten. Zumindest hatten die Patienten diesen Eindruck. Denn natürlich wussten wir auch schon damals, wie man offenkundig zuhört, ohne tatsächlich zuzuhören oder wie man Gespräche unterbricht, indem man ein suspektes Rasselgeräusch in der Lunge ganz dringend noch einmal abhören muss, bzw. wie man Interesse bekundet, indem man interessiert kleine Kreise auf die Karteikarte notiert.

Im Computerzeitalter wird der Verdacht der Patienten, dass sich Ärzte nicht wirklich für deren Probleme interessieren, oft zur Gewissheit. Vor allem dann, wenn sämtliche Details der Anamnese sogleich in die Tastatur getippt werden.

Im besten Fall kann man davon ausgehen, dass der Arzt tatsächlich nur die wesentlichen Symptome und Kernbotschaften des Gespräches eingibt –, die Schelme unter den Patienten denken jedoch Böses und mutmaßen am Bildschirm ein Online-Game, die Internetsuche nach günstigen Ferienreisen oder noch schlimmer, die Suche im Internet nach der richtigen Diagnose. Und so wird der ohnehin schon immer sehr geheimnisvolle Arzt nun noch geheimnisvoller.

Wer diesbezügliche Zweifel hat, kann sich nachher in ein Soziales Netzwerk einloggen und nachsehen, ob der Arzt im Zeitraum der Konsultation auf Facebook drei Freundschaftsanfragen beantwortet und mit Postings wie „Noch zwei Stunden in diesem Laden!“, „Was ist dämlich, lästig und sitzt mir gerade gegenüber?“ oder „Habe soeben Level 27 geknackt!“ auf sich aufmerksam gemacht hat.

Viele Patienten beschleicht sogar der Verdacht, dass die heiklen Informationen, die sie während des Gespräches mit dem Arzt preisgeben, wortwörtlich in den Computer getippt, in Online-Formulare eingegeben oder gar gleich auf die Website der NSA upgeloadet werden. Wo bleibt da die ärztliche Schweigepflicht? Vor allem dann, wenn der schweigende Arzt bei Formulierungen wie „Sie sind der Erste, dem ich das jetzt anvertraue“ oder „Glauben Sie, das ist normal?“ fleißig die Tastatur betätigt.

Das nennt man elektronische Datenverwaltung. Und wenn der Arzt die entsprechende Software zur Verfügung hat, so filtert diese automatisch aus einem Satz wie „Ich fühle mich bei Ihnen wirklich gut aufgehoben“ drei Positionen aus dem Honorarkatalog heraus und bestückt je zwei Datenerhebungsbögen für ein Marktforschungsunternehmen, die Staatspolizei und eine große Versicherung mit entsprechenden Diagnosen.

Wundern dürfen wir uns nicht, wenn wir hier in ein schiefes Licht geraten. Blicken wir also daher lieber doch gelangweilt auf unser Stethoskop als allzu interessiert in den Computer. Ganz so, wie in der guten, alten Zeit.

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