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Gesundheitspolitik 22. September 2017

Strahl mich nicht an!

Umweltmedizin. Die seit Jahren köchelnde Kontroverse um den sogenannten „Elektrosmog“ wird durch ein neues Buch angeheizt. Unbestritten ist: Noch nie wurden so viele elektronische Geräte so intensiv genutzt wie heute.

Macht Handytelefonieren krebskrank oder impotent? Kommen die Schlafstörungen meines Patienten vom Handymast auf meinem Dach? Vom Hausarzt bis zum Umweltmediziner werden Daten und Fälle seit ca. 20 Jahren diskutiert, in den Lokalmedien wird atemlos über ein kaum fassbares Phänomen berichtet: Elektrosmog. „Es wird von offizieller Seite her nicht anerkannt, dass Masten eine Schädigung der Gesundheit bewirken“, brachte Dr. Reinhard Jandrisovits, Allgemeinmediziner im burgenländischen Müllendorf, die Sichtweise der Mobilfunk-Skeptiker vor einigen Jahren auf den Punkt. Die Forscher, die sich mit der Wirkung von elektromagnetischen Feldern (EMF) auseinandersetzen, dringen mit ihren Arbeiten hingegen kaum durch. Grund dafür: Das Thema ist komplex. Schon das Auseinanderhalten von nieder- und hochfrequenten EMF finde in der Öffentlichkeit kaum statt, sagt der Wiener Umweltmediziner Prof. Dr. Hans-Peter Hutter. .Unter Fachleuten wird nicht nur die Frequenz der Strahlung diskutiert. Andere technische Details sind für die Ausformung der Feldstärke verantwortlich, ob sie gepulst oder kontinuierlich ausfällt. Schwierig ist auch die Messung oder zumindest Abschätzung der Exposition, und letztlich die Erfassung gesundheitlicher Effekten bei unspezifischen Symptomen. Und: Der Wirkmechanismus soll über den subzellularen Raum hinausgehen, die Überlegungen reichen bis in die Quantenwelt. Diese unbefriedigenden Antworten erklären, warum EMF dem öffentlichen Bewusstsein ferngerückt sind, sagt Manfred Poser, Autor von „Elektrosmog. Wie unsichtbare Energien unsere Gesundheit bedrohen“ (Crotona, ISBN 978-3-86191-086-2). Vertreter der Telekommunikationsindustrie warnen: Tipps zur Vermeidung würde nur Angst schüren.

Isabella Csokai

Patienten klagen bisweilen über Beschwerden

„Die Gefahren durch Elektrosmog sind dem öffentlichen Bewusstsein ferngerückt. Dabei werden so intensiv wie nie zuvor elektronische Geräte betrieben und Daten versendet. Kein Kommunikationsmittel hat so rasch fast die gesamte Weltbevölkerung fasziniert und infiziert wie Smartphone und iPhone. Sie sind zum Begleiter des Menschen geworden, ob er nun in Abu Dhabi, Ulan Bator oder Alice Springs lebt. Wer sie besonnen nutzt, muss keine Gefahren für seine Gesundheit befürchten. Doch es gibt andere Strahlenquellen: Handymasten, Antennen, Einrichtungen fürs „Smart Home“. Wellen und Strahlen rücken uns auf den Leib!

Ein geringer Teil der Bevölkerung – man spricht von 1 bis 2 Prozent – ist elektrosensibel und leidet unter der allgegenwärtigen Strahlung. Aber auch unverdächtige Nutzer klagen bisweilen über Kopfschmerzen und andere Beschwerden, die oft verschwinden, wenn der WLAN-Anschluss nachts abgeschaltet oder der Schlafplatz abgeschirmt wird. Die Datenlage für neurologische oder onkologische Erkrankungen ist nicht so klar, wie manche es gerne hätten. Nur jahrelange starke Strahlen-Exposition erhöht die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken. Sogar das Leben in der Nähe von Stromleitungen muss, wie Studien zeigen, nicht unbedingt zu Erkrankungen führen. Dagegen kostet die Luftverschmutzung weltweit Hunderttausenden das Leben. Kritisch ist freilich der Strahlenmix in Städten zu bewerten, und auch im Haus kann eine Vielzahl von Geräten einen unguten „Wellensalat“ produzieren. Bei einem unklaren Beschwerdebild sollte der Arzt oder die Ärztin mitbedenken, dass externe Agenten – die unsichtbare Strahlung – eine Rolle spielen könnten, was durch behutsames Nachfragen zu klären wäre. In unserem Körper laufen ja sekündlich elektrochemische und elektromagnetische Reaktionen ab. Wir strahlen selber, werden aber auch von Strahlung ergriffen und reagieren auf sie: Es kann zu einer Resonanz kommen, wobei unser Körper als Antenne wirkt. Im Digitalisierungsrausch, der die westliche Gesellschaft erfasst hat, wird leicht vergessen, dass wir komplexe Wesen mit einer empfindsamen Psyche sind.

Der von allen beklagte Stress greift unser Immunsystem an, und wir werden gegenüber äußeren Einflüssen verwundbar. Dass wir uns unser Leben erleichtern und grenzenlos via Strahlen kommunizieren können, hat seinen Preis. Welchen genau, wissen wir noch nicht.“

Mag. Manfred Poser, Journalist, Autor

Tipps zur Vermeidung richten massiven Schaden an

„Das Forum Mobilkommunikation beschäftigt sich mit dem Thema Mobilfunk & Gesundheit seit mehr als 20 Jahren. Dies ist auch noch immer notwendig, denn die Wissenschaft liefert keine klaren Nachweise, ob nun Agens wie elektromagnetische Felder – umgangssprachlich: „Elektrosmog“ – ein Gesundheitsrisiko darstellen oder nicht. Denn wissenschaftliche Forschungen und die daraus gewonnen Erkenntnisse sind per se nie eindeutig. Deren Antworten kommen daher nie ohne ein Aber oder den Vermerk ,unter bestimmten Voraussetzungen’ aus. In einer Welt, die einfache Lösungen verlangt, ist das ein Problem. Deshalb fassen verschiedene Gremien, allen voran die WHO, den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu einem Ganzen zusammen, denn einzelne Studien erlauben keine Gesamtaussage. So führt die WHO eine Liste, die verschiedene Agens nach ihrer Kanzerogenität bewertet. Hier finden sich Formulierungen wie ,wahrscheinlich’ oder ,möglicherweise kanzerogen’, die – und das ist der springende Punkt – unabhängig von der Intensität der Einwirkung getroffen werden. Deshalb werden so genannte ,biologische Wirkschwellen’ für Intensitäten definiert, ab denen ein Effekt mess- und damit nachweisbar ist. Der tatsächlich anzuwendende Grenzwert liegt bei Mobilfunk sogar das Fünfzigfache (!) darunter, um alle Eventualitäten zu berücksichtigen, also auch die rein theoretische maximale Dauerexposition eines Neugeborenen oder Kranken. Übrigens: Das Grenzwertekonzept gilt für alle Funkanwendungen und wird auch von im Vergleich zu Mobilfunkanlagen bis zu 10.000-mal stärkeren TV-Sendeanlagen eingehalten. Wer also vor Mobilfunk ,warnt’, erzählt nur die halbe Geschichte, denn sonst wäre eine ,Warnung’ nicht notwendig. Und das ist des Problems zweiter, tragischer Teil: Die WHO sagt im Factsheet 296 , dass Elektrohypersensibilitäts-Symptome real sind, aber nicht durch Funkfelder, sondern viel mehr durch die Angst davor, begründet sind. In diesem Licht sind ,Warnungen’, niedrigere Grenzwerte oder gut gemeinte ,Tipps zur Vermeidung’ kontraproduktiv. Denn obwohl sie nichts bringen, richten sie massiven Schaden an: Sie machen Angst! Deshalb wünschen wir uns im Sinne der Menschen, die aus dieser unbegründeten Angst vor ,Elektrosmog’ an Schlafstörungen und anderen Symptomen leiden, einen verantwortungsvolleren und weniger willkürlichen Umgang mit der Interpretation des wissenschaftlichen Kenntnisstandes.“

Mag. Margit Kropik, Geschäftsführerin des Forums Mobilkommunikation

Hohe Emotionalität beherrscht die Diskussion

„Auf der einen Seite wird, speziell seitens der Telekommunikationsindustrie, ständig wiederholt, wie harmlos alle EMF-Einwirkungen sind und dass ,Grenzwerte’ ohnedies eingehalten würden. Auf der anderen Seite, wird, teils auch von Ärzten, behauptet, dass selbst die geringsten Intensitäten für zahlreiche Gesundheitsstörungen in der Bevölkerung verantwortlich seien. Diese Auseinandersetzungen erzeugen ein Bild in der Öffentlichkeit, z. B. wenn es um die Kommunikation von Risiken und Maßnahmen geht: Alles ist kompliziert, so wirklich weiß niemand etwas, nichts ist ,bewiesen’. Beide Gruppen zeichnen sich durch eine hohe Emotionalität in der Diskussion und durch Unverständnis für eine ausgewogene differenzierte Auseinandersetzung aus. Doch genau Letzteres ist die Kernaufgabe einer wissenschaftlichen Annäherung an umwelthygienische / umweltmedizinische Fragestellungen.

Nüchtern betrachtet muss man feststellen, dass sich adverse Effekte durch Mikrowellen nicht ausschließen lassen. Beispielsweise ist rund um Basisstationen nur an sehr wenigen Orten, in Dachgeschosslagen mit unmittelbarem Blick auf die Antenne, die Intensität so hoch, dass es zu Befindlichkeitsstörungen kommen kann. Angst vor massiven Beeinträchtigungen ist dennoch nicht angebracht. Für eine umsichtige Vermeidung von Beeinträchtigungen existiert jedoch keine rechtliche Grundlage (fehlende Anrainerrechte). Bei Befürchtungen beziehungsweise bei gesundheitlichen Symptomen sind umfassende Anamnesen in der Regel durch den Allgemeinmediziner wesentlich. Dabei sollte man voreilige Zuschreibungen ohne fundierte Grundlagen unterlassen.

Anders stellt sich die Situation hinsichtlich einer langfristigen Mobiltelefonnutzung dar. Hier besteht ein erhöhtes Risiko für spezielle Hirntumoren (siehe die IARC-WHO Klassifikation als möglich krebserregend). Selbst wenn es sich um eine seltene Erkrankung handelt, die absolut gesehen nur wenige betrifft, sind angesichts der Verbreitung und Intensität der Nutzung entsprechende, zumeist sehr einfache, freiwillige Vorsorgemaßnahmen für den Einzelnen ärztlich angezeigt. Schon seit Langem empfehlen namhafte Organisationen wie der Oberste Sanitätsrat einen umsichtigen Umgang mit der Technologie. Angesichts der nun auch stärker spürbaren psychosozialen Folgen durch die 24/7-Nutzung – Stichwort: Smartphone-Sucht – fragt man sich, wann dieser stattfinden wird.“

OA Assoz.-Prof. PD DI Dr. Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner

  • Herr Ernst Bier, 26.09.2017 um 22:21:

    „Parallell zu Strahlungbelastung steigen die Beschwerden wie Burnout, Stress, Kopfschmerzen, ADHS, das sind genau die Effekte hochfrequenter Strahlung. Gleichzeitig baut man hotspots aus (WiFi4EU), plant neue umstrittene Antennen (5G Standart), digitales Bildungspaket für 5Mia.€ und mehr. Als ob man ins offene Messer läuft! Sinnvoll wäre jetzt: Weniger Telecomanbieter-weniger Antennen (wie BUND fordert), WLan Verbot in Kindergärten und Schulen, wie schon vom Europarat, dem BfS oder im internationalen Ärzteapell gefordert. WLan Verbot in Bibliotheken, wie in Frankreich. Auch in Krankenhäusern. Das neue 5G Antennenstandart aufhalten. Netzwerkkabel oder neue Alternativen wie VLC visible light communication.
    Elektrosensibel kann jeder über Nacht werden, wenn das Fass einmal überläuft. Wer unter "Elektrosmog" leidet,findet es nicht mehr so lebenswichtig, youtube-videos zu gucken oder unterwegs e-mails zu checken. In einer Umfrage ber Berliner Woche entschieden sich übrigens zwei drittel gegen den Ausbau von WLan.
    Für Zweifler: eine KLEINE Auswahl an MESSBAREN Effekten der HF EM Strahlung sind oxidativer Zellstress, Einfluss auf Hormone, auf die Herzfrequenz, auf das Blut, DNA Strang Brüche, auf die Hirnströme, auf die Lymphe, die Blut/Hirn Schranke
    Internationale Wissenschaftler fordern: Sofort, ohne Einflussnahme der Industrie, eine EU-Arbeitsgruppe unabhängiger, tatsächlich unparteiischer Wissenschaftler zu EMF und Gesundheit ohne Interessenkonflikte zu ernennen, um die Gesundheitsrisiken zu bewerten und über neue, sichere „Grenzwerte für die maximale Gesamtexposition“ für die gesamte kabellose Kommunikation innerhalb der EU zu entscheiden
    Alles Gute für die Leidensgenossen, Kinder, Bienen und alle anderen. If you get sure you´re connected, the wrighting´s on the wall“

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