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© ERWIN SCHERIAU / picture alliance
Politik, Sportorganisationen und Experten raffen sich alle paar Jahre zu neuen Initiativen auf - im Bild: „Kinder gesund bewegen: Vereine in Schulen“ in Linz, 2013 -, eine nachhaltige Wirkung haben sie bislang nicht entfaltet.
 
Gesundheitspolitik 8. September 2017

Alles auf Zucker?

Schulsport. Der Kampf gegen Zivilisationskrankheiten wird in den Volksschulen ausgetragen – aber noch viel zu zaghaft. EDDY-young ist eine vielversprechende Initiative, aber noch nicht mehr.

„Bin ich froh, ich bin nicht zu dick“, sagt Mia, 7. In ihrer Volksschule in Wien-Landstraße haben von der Schule angeheuerte Trainer gerade die Body-Mass-Indices der Schüler erhoben. Eine gewisse psychische Belastung – und ein Hinweis darauf, dass beim Umgang mit Kindern Achtsamkeit geboten ist. Gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung sollten schließlich als etwas Positives wahrgenommen werden.

Dennoch: Die Schulen sind alarmiert, sie handeln, sie müssen es. Die Zahlen der WHO lassen den Handlungsbedarf offen zutage treten. 41 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind laut WHO weltweit übergewichtig oder fettleibig, in Europa sind es zwölf bis 16 Millionen. Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres dreht – erfolglos – seine Runden in diversen Ministerbüros, um auf den Bewegungsnotstand hinzuweisen und Abhilfe einzufordern. „Dicke Kinder sind die kranken Erwachsenen von morgen“, sagt er. Gemeinsam mit Prof. Dr. Kurt Widhalm wirbt Szekeres für eine Fortführung einer Initiative des Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE), genannt „EDDY-young“.

Diese Initiative wurde ein Jahr lang an einer Volksschule in Meidling durchgeführt, die Kontrollgruppe befand sich an einer anderen Schule. Das Programm – acht Stunden zum Thema Ernährung sowie 16 Sporteinheiten pro Semester – erzielte nach den ersten sechs Monaten Verbesserungen der sportmotorischen Leistungen sowie des BMI. Auch beim Wissen über Ernährung gab es eine Steigerungen, im Vergleich zur Kontrollgruppe. Nach zwölf Monaten war eine erneute Verbesserung der sportlichen Leistung festzustellen, der Anteil des Körperfetts in der Interventionsgruppe konnte deutlich gesenkt werden. Gleichzeitig wurde der Anteil der Muskelmasse gesteigert. Die Leistungen wurden mit einem Motoriktest überprüft. Insgesamt nahmen 160 Schüler teil. Die Wissensvermittlung über die Herkunft unserer Lebensmittel wurde bewusst einfach gehalten. Grund dafür: „Manche Kinder glauben, dass Karotten auf den Bäumen wachsen“, sagt Widhalm.

Ergänzt wird das Programm durch eine Smartphone-App, mit der die Schüler ihr Wissen vertiefen können. Sogenannte „Callys“ werden mit gesunden und ungesunden Lebensmitteln gefüttert. Dadurch können die Auswirkungen der Nahrung beobachtet werden. Am Ende der Woche ist die Figur dicker oder dünner und hat mehr oder weniger Energie.

Zur Dringlichkeit meint Ernährungsexperte Widhalm: Übergewichtige Jugendliche entwickeln schneller Diabetes als Erwachsene. Kinder profitierten von gutem und gezieltem sportlichen Training. Als Erwachsene sei es schwieriger, eine physische Verbesserung zu erreichen.

Die Einbeziehung der Eltern bereite gewisse Probleme. Lehrer seien meist motiviert und arbeiteten mit. Wichtig sei aber auch, was daheim passiere. Er würde das Projekt gerne weiterführen und langfristig in den Unterricht integrieren, sagt Widhalm, es gebe Schwierigkeiten bei der Finanzierung. Österreich tue relativ wenig für Prävention und gebe weniger Geld dafür aus als der OECD-Schnitt, kritisiert Szekeres. „Es hat sich in den vergangenen Jahren an diesem Zustand nichts geändert. Zuständig ist jeder und niemand, Krankenkassen behandeln Kranke, aber bei den gesunden Kindern setzt das Gesundheitssystem leider noch nicht an.“

Die Angst der Lehrer vor dem Unfall

Dass EDDY-young österreichweit zum Einsatz kommt oder ein konzertierter Vorstoß zur täglichen Turnstunde endlich angegangen wird, ist indes nicht zu erwarten. Szekeres: „Es ist mir noch nicht gelungen die Verantwortlichen zu motivieren. Es scheitert zum Teil an der fehlenden Zuständigkeit. Die Gesundheitsministerin hat keinen Einfluss in den Schulen, die Unterrichtsminister haben andere Sorgen.“ Woran es noch scheitert? An zu kleinen oder fehlenden Turnsälen – und an übervorsichtigen Volksschullehrern. Widhalm nüchtern: „Manche Lehrer fürchten sich, Kinder Sport betreiben zu lassen, weil sie Angst haben, das ein Kind runterfällt und sich ein Bein bricht. Das wird man aber nie verhindern können. Besser man bricht sich den Arm als man bekommt eine Fettleber.“

Martin Křenek-Burger
, Ärzte Woche 37/2017

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