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Dr. Wolfgang Mückstein, PHC Mariahilf
© ArTo/fotolia.com

Vielen geht die Primärversorgung neu nicht weit genug. Sie orten Wettbewerbsnachteile für Niedergelassene.

 
Gesundheitspolitik 30. Juni 2017

Reform der Reform

Primärversorgung. Bund und Länder haben sich auf ein Gesetz geeinigt, das die Selbsteinweisung von Patienten in Kliniken beenden soll. Ein offener Punkt ist, dass Ärzte weiterhin keine Ärzte anstellen können. Der Bedarf dafür sei aber gegeben, egal ob die Ärzte an einem Standort oder über ein Netzwerk dezentral organisiert sind, hieß es auf einer Tagung von AK und SGKK Salzburg.

Primary Health Care, Primärversorgungs-Zentrum (PVZ) oder -Einheit (PVE), einige Begriffe geistern durch die Debatte. Sie meinen aber alle das eine: ein Ort, an dem mehrere Gesundheitsakteure ihre Dienste anbieten. In einem Kernteam sind ein oder mehrere Hausärzte tätig, dazu vielleicht ein Kinderarzt oder ein Internist, um sie herum gruppieren sich Physiotherapeuten, Logopäden und Hebammen, Sozialarbeiter, Diätologen oder Mobile Dienste. Dazu kommen Fachärzte, Krankenhäuser und Apotheken, aber auch Pflegeeinrichtungen, Gemeinden und Sozialversicherungsträger.

Weil das so theoretisch klingt, wurde die Notwendigkeit der Primärversorgung bei einer Informationsveranstaltung in Salzburg mit praktischen Beispielen unterfüttert. SGKK-Obmann Andreas Huss berichtete aus seinem privaten Umfeld:. „Ein 83-jähriger Patient klagt über starkes Jucken auf der Kopfhaut, seine Hausärztin schreibt sofort eine Überweisung an den Hautarzt. Dieser hat aber seine Terminvergabe auf Online umgestellt, telefonisch kommt der Pensionist nicht durch. Was macht der Patient? Er geht auf die Dermatologie und bekommt dort am Ende der Prozedur ein Kopf-Öl verschrieben.“ Das alles hätte in einem PVZ „durch einen empathischen Pfleger“ auch erledigt werden können, „aber wir schicken einen Patienten in ein Gesundheitssystem von A bis Z und verursachen dadurch natürlich hohe Kosten. Im Grunde gehe es im Gesetzesentwurf darum, die Probleme der Menschen dort zu behandeln, wo sie optimal zu behandeln seien.“

Neben der Prävention als erste Ebene im Gesundheitssystem habe sich in Salzburg auch in den vergangenen drei Monaten eine zweite Ebene etabliert, die telefonische Erstberatung. Die dritte Ebene seien die Hausärzte, die eben nicht, wie von manchen befürchtet, abgeschafft würden sondern nur in neue Modelle übergeführt werden sollen. Das alles geschehe freiwillig, „es wird auch weiterhin Hausärzte als Einzelkämpfer geben“, meint Huss. Wenn man die Spitäler entlasten wolle müsse ein PVZ auch längere Öffnungszeiten anbieten, das Ziel sei von 7 Uhr bis 19 Uhr, sowie an Samstagvormittagen.

Im Detail wurde bis zuletzt verhandelt. Für das Bundesland Salzburg waren ursprünglich „mindestens“ 75 Versorgungszentren bis 2020 vorgesehen, nun seien es „höchstens“ 75 Einheiten, hieß es bei der von AK und SGKK organisierten Tagung („Primärversorgung optimieren“, 22. Juni 2017, Salzburg). Dass Ärzte andere Ärzte anstellen dürfen ist im neuen Gesetz nicht vorgesehen, „das heißt, dass wir schnell an einer Novellierung arbeiten werden“, sagt der SGKK-Obmann.

50 Stunden in Mariahilf

Wie eine PVE funktioniert schilderte Dr. Wolfgang Mückstein, Betreiber des PVZ „Medizin Mariahilf“. Gemeinsam mit der WGKK und der Gemeinde Wien bietet seine Gruppenpraxis mittlerweile eine 50-Stunden-Woche an, das vernetze Arbeiten mit anderen Fachärzten, aber auch mit dem nahen Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern funktioniere sehr gut. „Dass Patienten sich selbst sofort zum Facharzt oder in eine Klinik einweisen können gibt es ja auf der ganzen Welt nicht, außer in Österreich“, sagt Mückstein, „unsere Arbeit zeigt, dass wir 70 Prozent weniger Facharzt-Zuweisungen aufweisen, das entlastet das Budget der GKK“. Vorteile sieht Mückstein im Umstand, dass man im Team mehr Kompetenz habe als ein Arzt alleine, und, es gebe einen Wissenstransfer von Alt auf Jung. „Viele junge Ärzte scheuen das finanzielle Risiko einer Praxiseinrichtung und wollen lieber angestellt sein“, sagt der Arzt, es gebe Kollegen, die gerne unternehmerisch tätig sind und eine Gruppenpraxis gründen wollen. Mückstein hätte sich vom neuen Gesetz gewünscht, dass Gruppenpraxen Ärzte anstellen können, „Ambulatorien dürfen das schon, das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil für uns“.

Michael Hudelist

, Ärzte Woche 27/2017

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