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Ärzte ohne Grenzen ist an den Krisenherden der Welt tätig, dort, wo es keine einfachen Lösungen gibt. / picture alliance

© Christian Müller/picture alliance
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Margaretha Maleh, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich

 
Gesundheitspolitik 22. Mai 2017

Sie werden es weiter tun

Ärzte ohne Grenzen. Der Vorwurf der Kollaboration mit Schleppern hat die Helfer nachhaltig irritiert. Weder sei man die Grenzpolizei noch illegal unterwegs. Die Aufgabe von MSF sei es Menschen aus der Seenot retten. Heuer ist das 8.000 Mal gelungen.

8.000 Menschen hat Ärzte ohne Grenzen heuer schon aus der Seenot befreit, im Vorjahr waren es mehr als 20.000. Dagegen stehen die Todesfälle: 1.300 heuer, 5.000 waren es 2015. Die Empörung der Hilfskräfte war groß, als der österreichische Außenminister Sebastian Kurz von „NGO-Wahnsinn“ sprach. Auch wenn Kurz diese Aussage später relativierte, es blieb ein schaler Nachgeschmack. Geschäftsführer Mario Thaler erklärte bei der Präsentation des Jahresberichts warum: Der Außenminister müsse sich im Klaren darüber sein, dass derartige Vorwürfe gern von rechtsextremen Gruppierungen aufgegriffen werden. Was wiederum Folgen für die Helfer vor Ort habe.

In den vergangenen Tagen kam es nämlich zu mehreren kleinen Zwischenfällen mit der heimischen „Identitären Bewegung“, die das Médecins sans Frontières (MSF)-Schiff Aquarius am Auslaufen behindert haben. Die Hafenbehörde in Catania musste eingreifen. Thaler dazu: „Ja, Ärzte ohne Grenzen rettet Menschen aus der Seenot und wir werden es weiter tun, weil das der humanitäre Imperativ fordert. Als humanitäre Organisation können wir es nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken.“ Ein italienischer Staatsanwalt hatte vor einigen Wochen behauptet, „Beweise“ dafür zu haben, dass einige NGOs, die im Mittelmeer arbeiten, direkte Kontakte zu Schleppern in Libyen hätten. Thaler dementierte: „MSF hat keine Kontakte zu Schleppern.“

Ärzte ohne Grenzen arbeite hingegen eng mit der Seenotstelle zusammen, meist werde man von dieser kontaktiert, um Flüchtlinge aus dem Meer zu bergen und danach in einen sicheren Hafen dirigiert.

Trotz der Qualen, die die Menschen auf ihrer Flucht durchleben, nehmen sie den Weg auf sich, weil es – so Thaler –, schlicht an Alternativen, an „legalen Wegen“ fehle. „Es gibt derzeit keine Möglichkeit, legal um Asyl anzusuchen“ - dies sei aber die einzige langfristige Lösung. Zudem brauche es eine Ausweitung der Mission der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Flüchtlingscamps im „failed state“ Libyen seien keine Lösung, sagt Thaler, der sich damit sogar eines Sinnes mit Außenminister Kurz weiß. Österreichs Chefdiplomat hat dieses Vorhaben wegen der prekären Sicherheitslage ebenfalls abgelehnt. MSF-Mitarbeiter Dr. Tankred Stöbe, ein Notfallmediziner, der vor allem in Flüchtlingszentren in und um die libysche Stadt Tripolis im Einsatz war und ist, berichtete, dass keine der von ihm besuchten Einrichtungen als „zumutbar“ zu bezeichnen sei. In einem der kleineren Lager, für 400 Menschen ausgelegt, habe er lediglich 40 Flüchtlinge angetroffen. „An sich würde man sagen, das sind ideale Bedingungen“, tatsächlich spottete die Situation jeder Beschreibung. „In den Toiletten stand knöcheltief der Urin und der Kot, es gab keine Duschen, keine Toiletten, keine funktionierenden Wasserhähne.“ Hautinfektionen und Krätze waren wegen der inakzeptablen hygienischen Bedingungen weit verbreitet.

Der vergessene Krieg

Ärzte ohne Grenzen-Chefin Margaretha Maleh verwies auf den wenig beachteten Krieg in Jemen, der im März 2015 ausbrach und bislang zehntausende Tote forderte. „Seit dem Beginn des Konflikts haben wir 60.000 Kriegsverletzte behandelt.“ Vor Kurzem ist zudem eine Cholera-Epidemie ausgebrochen, die außer Kontrolle zu geraten droht. Die Retter im Mittelmeer würden zunehmend kriminalisiert, das lenke vom eigentlichen Problem ab. Malehs Appell: Regierungen und andere Hilfsorganisationen müssen deutlich mehr Ressourcen bereitstellen.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 21/2017

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