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© Laurent Ziegler
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Michael Landau

 

 

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Uli Makomaski

 

 

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Dr. Günter Klug

 
Gesundheitspolitik 22. Mai 2017

Demente Menschen nicht vergessen

Absichtserklärung. Ein Strategiepapier des Gesundheitsministeriums soll die Lage der Demenzerkrankten verbessern. In den rund eineinhalb Jahren seit Erscheinen hat sich aber noch nicht sehr viel bewegt.

Zwischen 100.000 und 130.000 Menschen in Österreich leiden – Schätzungen zufolge – an Demenz. Tendenz stark steigend. Bis zum Jahr 2050 könnte sich diese Zahl laut dem heimischen Demenzbericht 2014, verdoppeln. Die Gesundheit Österreich GmbH arbeitete im Vorjahr für das Gesundheits- und das Sozialministerium eine Strategie namens „Gut leben mit Demenz“ aus. Doch die Umsetzung ist noch nicht weit gediehen.

Genaue Zielvorgaben und Zeitpläne fehlen in der Aufstellung des Bundes. Diese besteht aus Wirkungszielen und Handlungsempfehlungen. Dem Plan nach sollten die Bundesländer auf Grundlage der bundesweiten Vorgehensweise ihre eigenen Strategien ausarbeiten. Bislang scheint aber nur Niederösterreich bis zum Herbst diesen Punkt umsetzen zu wollen. An Vorhaben zum Thema Demenz – von Begegnungscafés für Angehörige bis zu spezialisierten Stationen in Pflegeheimen – mangelt es nicht, aber diese sind zumeist auf einzelne Gemeinden oder soziale Dienste beschränkt.

Die Leidtragenden sind betreuende Angehörige wie Uli Makomaski. Nicht, dass Ärzte und Pfleger nicht bemüht wären, sie seien schlicht überfordert mit dementen Patienten, sagt sie. Übel ist die finanzielle Belastung, die Schwere zwischen Pflegegeld und Betreuungskosten ist riesig. Und daher ist das was Experten wie Dr. Günter Klug sagen zwar richtig und wichtig, es hilft den Angehörigen aber nicht weiter, zumindest noch nicht: „Wo es sie noch nicht gibt, sollten Demenztagesstätten geschaffen werden, die von den Öffnungszeiten so liegen, dass es für die Angehörigen möglich ist zu arbeiten und zumindest gelegentlich einen freien Tag am Wochenende zu haben.“

 

Strategiepapier rasch mit Leben erfüllen

„Sämtliche Experten sind sich einig: Die Versorgung von Menschen mit Demenz wird eine der größten Herausforderungen für unsere Gesellschaft werden. Doch unsere Gesellschaft ist auf diese Herausforderung nicht vorbereitet. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung, die von ihr im Vorjahr beschlossene Demenzstrategie rasch mit Leben erfüllt. 130.000 Betroffene und ihre Angehörigen haben keine Zeit zu verlieren! Schon heute sind Demenzerkrankungen der Grund Nummer eins für Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit. Änderungen beim Pflegegeld sind dringend erforderlich: Hier muss die Pflegegeldeinstufung verbessert werden. Der Erschwerniszuschlag ist aus unserer Sicht eine völlig ungeeignete Maßnahme, um den tatsächlichen Bedarf und die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz abzubilden. Die Demenzstrategie bietet einen hervorragenden Orientierungsrahmen zur Entwicklung von Maßnahmen, und uns ist die zügige Umsetzung dieser Demenzstrategie ein großes Anliegen. Als Caritas tragen wir schon jetzt in allen Bundesländern mit Aktivitäten zur Umsetzung bei; auch andere Träger tun das. Für Beratungs-, Unterstützungs- und Entlastungsdienste fehlen aber nach wie vor über weite Strecken die Mittel. Da wird es auch darum gehen, ganz neue Wege zu suchen und gewohnte Pfade zu verlassen. Was heißt es etwa, eine demenzsensible Gemeinde zu sein oder ein Krankenhaus so zu strukturieren, dass an Demenz erkrankte Menschen dort nicht auch noch ihren letzten Rest an Selbstständigkeit verlieren? All diesen Fragen sollten wir uns beherzt stellen, und bin ich dankbar für eine Reihe beispielhafter Initiativen. Es ist um die Demenzstrategie recht ruhig geworden. Die Bundesländer müssen Pläne für die Umsetzung in den Ländern erarbeiten. Und der Bund muss Ressourcen bereitstellen, um qualifizierte Fachkräfte, Beratungs-, Unterstützungs- und Entlastungsdienste zur Verfügung zu stellen. Die Angebote können nicht über Spenden und kurzfristige Projektmittel allein bereitgestellt werden. Menschen mit Demenz benötigen eine gute und motivierende Alltagsgestaltung. Obwohl der Bedarf an sinnvoll und individuell angepasster Tagesstruktur hoch ist, gibt es in den meisten Bundesländern keine Verankerung der Sozialbetreuungsberufe des Fachbereichs Altenarbeit in den Personalschlüsseln und Abrechnungsregeln. Es ist unumgänglich, dass diese Spezialisten im Umgang mit alten Menschen auch entsprechend in Personal- und Finanzierungsvorgaben berücksichtigt werden.“

Michael Landau, Präsident der Caritas Österreich

Habe das Gefühl, auf der Stelle zu treten

„Bei Aufenthalten meines Mannes in einem Akutkrankenhaus musste ich feststellen, dass Ärzte, Personal, auch wenn sie bemüht waren und Empathie zeigten, für solche Situationen nicht geschult, nicht eingerichtet waren, sondern eher überfordert – sie waren patschert. Sie verlangten immer wieder Dinge, die die Patienten einfach nicht leisten können. Wir, die betreuenden Angehörigen, versuchen, den Weg bis zum Ende zu gehen, unsere kranken Angehörigen immer wieder dort abzuholen, wo sie sich gerade auf ihrem Weg in ihre eigene, uns unbekannte Welt befinden. Wir nehmen sehr viel Mühe auf uns und bezahlen es oft mit der eigenen Gesundheit, opfern unsere Lebenszeit und unsere materiellen Ressourcen – nicht nur für unsere Angehörigen, sondern auch für die Gesundheits- und Krankenressorts, für die Allgemeinheit, die sich dadurch auf unserem Rücken viel Geld erspart. Oft geht das bis zum physischen und mentalen Zusammenbruch. Als Gegenleistung dürfen wir uns als Bittsteller um Dinge bemühen, die uns zustehen sollten. Jede freie Stunde müssen wir in irgendeiner Form honorieren. Nachbarschaftshilfe kann man nicht überbeanspruchen. Da ist immer wieder Logistik gefragt, wer wie wann und auch wo bereit ist, zur Verfügung zu stehen. Besuchsdienste enden um 20 Uhr – Theatervorstellungen fangen üblicherweise um 19.30 Uhr an. In manchen Tageszentren gibt es am Wochenende auch Betreuung bis 22 Uhr – eine Theatervorstellung endet um diese Zeit. Vom FSW erhalte ich monatlich eine Abrechnung für die morgendliche Betreuung und das Tageszentrum in Höhe von circa 2.000 Euro - die Höhe des Pflegegeldes bei Pflegestufe 4 beträgt 667,60 Euro. Werner Vogt hat vor zehn Jahren bei einem Seminar über Pflege im Alter gesagt: Die getäuschten Studenten gehen pfeifend auf die Straße, die getäuschten pflegebedürftigen Frauen und Männer sind in ihrer Altersschwäche gefangen. Als Auswirkung der Demenzstrategie stelle ich bisher nur fest, dass viele Filme über das Thema gedreht werden. Es gibt viele gute Projekte. Was fehlt ist wahrscheinlich Geld. Bei meinem Engagement habe ich den Eindruck, ich trete auf dem Platz. Die Mitarbeiter in den Projekten sind engagiert, in den Hierarchiestufen darüber hapert es. Da höre ich oft: „Geht es ihrem Mann gut? Dann kümmern sie sich um nichts anderes.“ Mein Wunsch wäre eine Pflegeversicherung wie sie in Dänemark besteht. Gemeindebauten sollten behindertengerecht geplant und in bestehenden barrierefreie Zugänge geschaffen werden.“

Uli Makomaski, pflegende Angehörige, Wien

Emotionale Entlastung, aber keine konkrete Erleichterung

„Die Änderungen durch die Demenzstrategie sind nicht so schnell in konkreten neuen Projekten oder Ansätzen zu erkennen. Das war auch nicht zu erwarten, da es sich hier um ein Grundlagenpapier handelt, dass für die nächsten Jahre handlungsleitend sein soll. Was es jedoch schon erreicht hat ist, dass das Thema Demenz noch weiter aktualisiert wurde. Dadurch kommt es zu mehr Diskussionen mit den für die Umsetzung entscheidenden Stellen in den Ländern zu diesem Thema. Es fällt ihnen schwerer die Diskussion und den Druck, der auf der Gesellschaft lastet, zu ignorieren. In Summe derzeit eher eine emotionale Entlastung, aber noch keine konkrete Erleichterung. Die dringendste Aufgabe wäre die Erstellung eines Gesamtkonzeptes je Bundesland wie der Ausbau von statten gehen soll. Dieser Ausbau sollte nicht nur die Demenz als „medienwirksamste“ Erkrankung der Psyche älterer Menschen umfassen, sondern alle alterspsychiatrischen Erkrankungen. Ziel ist es das Leben zu Hause so lange wie gut möglich zu sichern. Das bedeutet einerseits eine sehr frühe Unterstützung der Angehörigen, andererseits bedarf es einer niederschwelligen, aber umfassenden Abklärung, die idealerweise mindestens einen Hausbesuch umfasst, um die Betroffenen in der vertrauten Umgebung zu sehen. Nach dieser Abklärung sollte ein Betreuungskonzept erstellt werden. Wenn das Angebot der betreuenden Personen oder der somatischen Dienste nicht reicht, sollte eine alterspsychiatrische mobile Betreuung aufgebaut werden. Konzepte dafür liegen, wie bei SOPHA vor und sind auch evaluiert. In Kooperation mit diesen Teams sollte eine ehrenamtliche Betreuung geschaffen werden – zur Entlastung der Betreuerinnen. Wo es sie noch nicht gibt, sollten Demenztagesstätten geschaffen werden, die von den Öffnungszeiten so liegen, dass es für die Angehörigen möglich ist zu arbeiten und zumindest gelegentlich einen freien Tag am Wochenende zu haben. Ist das Wohnen zu Hause nicht mehr möglich, wären Wohngemeinschaften für Demenzerkrankte (wie in Deutschland) sinnvoll. Für die in Pflegeheimen untergebrachten Personen muss zumindest ein alterspsychiatrischer Konsiliardienst eingerichtet werden, um die Rotation vom Pflegeheim ins psychiatrische Krankenhaus und retour zu bremsen.“

Dr. Günter Klug, Obmann der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit und des Dachverbands der sozialpsychiatrischen Vereine und Gesellschaften der Steiermark, FA für Psychiatrie und Neurologie

Silvia Desanti, Ärzte Woche 21/2017

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