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Gesundheitspolitik 7. April 2017

Abstimmung mit den Füßen

Wechselwähler. Standes- und Gesundheitspolitiker haben den klassischen Hausarzt offenbar erfolgreich heruntergeredet und krankgejammert. Patienten greifen lieber in die Tasche für eine bevorzugte Behandlung beim Wahlarzt.

Das sind die Fragen, die die kleine österreichische Welt bewegen: Wie nennen wir es denn: PHC, Primärversorgungszentrum oder gar -einheit? Arbeiten alle in einem Haus, in einer Region oder doch nur in einem losen Netz? Braucht es neue rechtliche Rahmenbedingungen oder reichen die vorhandenen Regeln aus, dass sich freie Berufe ohnehin am besten selbst organisieren? Hat die Medizin oder die Ökonomie das Sagen und wollen in- und ausländische Konzerne damit den Ausverkauf der Medizin einleiten?

Manche Ängste scheinen gut begründet – und doch sind die Fragen nur alter Wein in neuen Schläuchen. Selbstverständlich kann man den Patienten keinen Vorwurf machen, dass sie in Scharen in die Ambulanzen gehen. Dort werden sie nach dem sogenannten „One-Stop-Shop-Prinzip“ bedient und nehmen dafür lange Wartezeiten in Kauf. Sehr zur Freude der Krankenkassen, sagt zumindest Patientenanwalt Bachinger, denn „jeder Patient, der nicht im niedergelassenen Bereich aufschlägt, ist ein kostengünstiger Patient.“ Auch der Besuch des Wahlarztes sei für die Kassen ein gutes Geschäft.

Auf der Ebene der niedergelassenen Allgemeinmediziner ist man aufgeregt und versteht nicht, dass die Gesundheitspolitik mit Biegen und Brechen auf Primärversorgungseinheiten umstellen will. Susanne Rabady arbeitet mit einem jungen Arzt zusammen, der ihre Praxis einmal übernehmen soll, mit einer diplomierten Krankenschwester – und das nicht erst seit gestern.

Jetzt ist es an der Zeit, dass die Ideen auch den Weg in die praktische Umsetzung finden und dort einen Mehrwert bringen, wo er dringend erforderlich ist: bei der Behandlung der Patienten.

Ohne Wahlärzte wären die Probleme noch größer

Wahlärzte haben in unserer Gesundheitsversorgung ihre Berechtigung. Würde es diesen Sektor nicht geben, wären die Strukturprobleme deutlicher zu spüren. Ich wehre mich aber dagegen, dass Patienten in einem solidarischen System in diesen Sektor gezwungen werden. Wenn mir Mindestpensionisten sagen, dass sie zu keinem Kassenarzt mehr gehen, weil sie keine Termine bekommen, keine Zeit für ihr Anliegen ist oder subjektiv die Qualität als nicht ausreichend beurteilt wird, dann muss ich das als Alarmzeichen werten. Die Hausaufgaben des öffentlichen solidarischen Gesundheitswesens bestehen darin, so ein gutes Kassenarztsystem anzubieten, dass Patienten zwar auf Wahlärzte ausweichen können, aber nicht müssen. Der Trend in geht dahin, dass die Kassenärzte ausgedünnt werden und damit auch die Primärversorgung gefährdet ist. Kein Patient setzt sich freiwillig in überfüllte Ambulanzen mit langen Wartezeiten, aber dort ist – aus subjektiver Sicht – ein One-Stop-Shop für alle erforderlichen Untersuchungen. Zudem kommt auch oft die – ebenfalls subjektive – Vorstellung, dass die Behandlung im Krankenhaus qualitativ besser ist.

Grundsätzlich sind wir in Österreich in puncto Gesundheitsversorgung noch immer eine Insel der Seligen, aber der Trend geht deutlich abwärts. Für die Krankenkassen sind Wahlärzte ein gutes Geschäft, denn Patienten greifen ein zweites Mal in die Tasche und nur ein kleiner Teil dieser Rechnungen wird zur Rückerstattung vorgelegt. Auch der Besuch einer Ambulanz ist für die Krankenkasse ein gutes Geschäft, weil das ein anderer Finanzierungsträger ist. Jeder Patient, der nicht im niedergelassenen Sektor aufschlägt, ist ein kostengünstiger Patient. Und das ist gleich doppelt unfair, denn Patienten durchschauen diese Finanzierungsströme nicht. Wir steuern damit auf ein grundlegendes Ressourcenproblem zu, das aber nicht notwendig wäre. Mit 10,1 Prozent Gesundheitsausgaben vom BIP sind wir gut ausgestattet, wir müssten es nur richtig verteilen. Die Aufgabe eines öffentlichen solidarischen Gesundheitssystems ist die bestmögliche Versorgung der Patienten. Es ist an der Zeit zu fragen, welche Strukturen wir für eine gute Versorgung benötigen. In zweiter Linie kommt dann die Kostenfrage. Derzeit wird aber die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, indem kommuniziert wird, dass Hausärzte durch PHCs ersetzt werden.

Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte

Die Menschen erwarten immer die höchste Qualität

Im internationalen Vergleich sind wir Musterschüler. 96 Prozent der Österreicher geben laut Eurobarometer 2015 an, dass unser Gesundheitssystem sehr gut oder gut ist. Das schützt uns aber nicht davor ständig nach Verbesserungen zu streben. Wir leben in einem „Amazon Prime Zeitalter“ – Menschen sind immer weniger bereit zu warten, wollen moderne Services und erwarten zurecht höchste Qualität vom Gesundheitssystem. Unsere Aufgabe als Sozialversicherung ist es, ein flächendeckendes Sachleistungssystem zur Verfügung zu stellen, das bestmögliche Versorgung auch ohne private Zuzahlung bietet. Wir haben hier ein exzellentes System, wissen aber, dass es noch Handlungsbedarf für Verbesserungen gibt. Laut der Bevölkerungsstudie 2016 (einer Befragung) zeigt sich, dass 43 Prozent der Österreicher bereit sind, einen Wahlarzt zu konsultieren. Trotz dieser sehr hohen Prozentzahl ist die Versorgungswirksamkeit der Wahlärzte in einem niedrigen Prozentbereich. Um eine flexible medizinische Betreuung sicherzustellen, setzen wir auf zusätzliche und hochqualitative Serviceleistung, wie etwa die Gesundheitshotline. Gesundheitliche Probleme am Wochenende oder in der Nacht sowie unbekannte Symptome stellen Versicherte vor große Herausforderungen. Um hier rasch zu helfen, werden aktuell die ersten Pilotprojekte für ein telefon- und webbasierendes Erstkontakt- und Beratungsservice in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg umgesetzt. Experten sind sich einig, dass wir mit 7,6 Spitalsbetten pro 1.000 Einwohner zu bettenlastig sind. Spitalsbetten einfach abzubauen ist aber keine Lösung. Wir benötigen Angebote im niedergelassenen Bereich, eines davon ist der Ausbau der Primärversorgung. Damit stellen wir die Versorgung an den Tagesrandzeiten und zeitadäquate Services sicher. Aus Sicht der Sozialversicherung sind uns Primärversorgungseinheiten unter einem Dach ebenso willkommen wie die Zusammenarbeit bestehender Praxen in Netzwerken, wenn die rechtliche Konstruktion passt. Im Finanzausgleich wurden 200 Millionen für die Finanzierung des Ausbaus des ambulanten Bereiches vorgesehen. Letzteres ist ein wichtiger Aspekt im Sinne der Reallokation der Mittel. Würde der Spitalsbereich zurückgefahren, wäre es naheliegend, nicht nur den niedergelassenen Bereich auszubauen, sondern auch die Geldmittel dorthin zu verlagern. Das ist nicht so einfach.

Dr. Rainer Thomas, Direktor im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger

Patienten streben zu Spezialisten und Ambulanzen

Im Grunde genommen fehlt uns ein Gesamtkonzept. Wir sind steuerungslos unterwegs und haben trotz Gesundheitsreform keine Regelung, wie die einzelnen Versorgungsebenen zueinanderstehen. Die erste Ebene, die niedergelassenen Allgemeinmediziner, wächst nicht weiter an, schrumpft aber auch nicht. Im nichtärztlichen Bereich gibt es eine gewisse Zunahme. Zusehends explodieren die zweite und dritte Ebene, also die Spezialisten und der Spitalssektor. Hier beobachte ich eine zunehmende Vermengung von privaten und öffentlichen Leistungen. Aus Erhebungen wissen wir, dass Patienten in einer Hausarztpraxis mit durchschnittlich zwei bis drei Beratungsanlässen pro Konsultation kommen. 80 bis 90 Prozent dieser Patienten behandeln wir abschließend. Wenn der gleiche Patient mit diesen drei Anliegen ohne Hausarzt zu drei Fachärzten geht, dabei auch noch das eine oder andere falsche Fach erwischt, weil die Symptome schwer zuordenbar sind, dann braucht es wesentlich länger für eine Diagnose und Therapie. Wir kämpfen also mit einer Über- und Fehlinanspruchnahme, die durch eine fehlende Steuerung der Patientenströme hervorgerufen wird.

Primärversorgung bedeutet freien, gleichen und wohnortnahen Zugang zu medizinischen Leistungen. Zentralisierung eignet sich für Ballungsräume, aber etwa 80 Prozent der Bevölkerung leben eben nicht in einer Großstadt. Wir niedergelassenen Allgemeinmediziner arbeiten überwiegend nicht als „Einzelkämpfer“. Auch ich arbeite im Team, in einer Job-Sharing-Lösung mit einem jungen Kollegen und einer diplomierten Krankenschwester plus zwei ausgebildeten Ordinationsassistenten. In Niederösterreich gibt es 42 Gruppenpraxen. Ich verstehe nicht, warum der Teil der Primärversorgung, der gut funktioniert, nun abgewertet wird. Wir brauchen Vielfalt, je nach regionalen Anforderungen. Das PHC - Konzept berührt das Verhältnis der Versorgungsebenen zueinander nicht und lässt die wesentlichen Probleme im System ungelöst. Wir leben in einer Zeit des medikalisierten Narzissmus, viele suchen möglichst viel Medizin. Daher werden viele Patienten nach wie vor zu Spezialisten und in Ambulanzen streben, wo sie ein „mehr“ an Leistung erwarten, in der oft irrigen Meinung, dass das auch die „bessere“ Medizin sein müsse. Dafür werden sogar beträchtliche Wartezeiten in Kauf genommen.

Dr. Susanne Rabady, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin

Renate Haiden, Ärzte Woche 15/2017

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